Die Frei­heit des Rich­ters bei der Über­zeu­gungs­bil­dung

Die Frei­heit, die das Pro­zess­recht dem Tat­sa­chen­ge­richt bei sei­ner Über­zeu­gungs­bil­dung zuge­steht, bezieht sich auf die Bewer­tung der für die Fest­stel­lung des Sach­ver­halts maß­ge­ben­den Umstän­de. Sie ist von vorn­her­ein begrenzt durch das jeweils anzu­wen­den­de mate­ri­el­le Recht und des­sen Aus­le­gung; alles was (noch) mate­ri­el­le Rechts­fin­dung ist, ent­zieht sich einer Über­prü­fung anhand des Über­zeu­gungs­grund­sat­zes.

Die Frei­heit des Rich­ters bei der Über­zeu­gungs­bil­dung

Die­ser Über­zeu­gungs­grund­satz ver­langt, dass das Gericht sei­ner Über­zeu­gungs­bil­dung das Gesamt­ergeb­nis des Ver­fah­rens zugrun­de legt. Er darf nicht für eine Wür­di­gung in Anspruch genom­men wer­den, bei der das Tat­sa­chen­ge­richt von einem unrich­ti­gen oder unvoll­stän­di­gen Sach­ver­halt aus­geht, ins­be­son­de­re Umstän­de über­geht, deren Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit sich ihm hät­te auf­drän­gen müs­sen. Abge­se­hen davon kann die tatrich­ter­li­che Wür­di­gung, die grund­sätz­lich dem sach­li­chen Recht zuzu­ord­nen ist, einen Ver­stoß gegen § 108 Abs. 1 Satz 1 VwGO dann begrün­den, wenn sie objek­tiv will­kür­lich ist, gegen Denk­ge­set­ze ver­stößt oder einen all­ge­mei­nen Erfah­rungs­satz miss­ach­tet.

Der Vor­wurf, das Gericht habe einen Sach­ver­halt "akten­wid­rig" fest­ge­stellt, kann auf eine Ver­let­zung des Über­zeu­gungs­grund­sat­zes füh­ren, wenn zwi­schen den in der ange­grif­fe­nen Ent­schei­dung getrof­fe­nen tat­säch­li­chen Annah­men und dem inso­weit unum­strit­te­nen Akten­in­halt ein offen­sicht­li­cher, kei­ner wei­te­ren Beweis­erhe­bung bedürf­ti­ger, zwei­fels­frei­er Wider­spruch vor­liegt. Auch dann, wenn das Tat­sa­chen­ge­richt das durch § 108 Abs. 1 Satz 1 VwGO vor­ge­ge­be­ne Regel­be­weis­maß der Über­zeu­gungs­ge­wiss­heit ver­fehlt, ver­lässt es den ihm bei der Tat­sa­chen­wür­di­gung eröff­ne­ten Spiel­raum 1.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 11. Sep­tem­ber 2014 – 9 B 21.2014 -

  1. stRspr, vgl. nur BVerwG, Urteil vom 21.06.2006 – 6 C 19.06, Buch­holz 11 Art. 12 GG Nr. 264 28, Beschlüs­se vom 14.07.2010 – 10 B 7.10, Buch­holz 310 § 108 Abs. 1 VwGO Nr. 66 Rn. 4 ff.; und vom 10.10.2013 – 10 B 19.13, Buch­holz 310 § 132 Abs. 2 Ziff. 3 VwGO Nr. 67 Rn. 4, jeweils m.w.N.[]