Die kor­ri­gier­te Bewer­tung einer Abitur­ar­beit

Die Mög­lich­keit der Über­prü­fung und eigen­stän­di­gen Noten­fest­set­zung durch einen End­kor­rek­tor sieht die Abitur­ver­ord­nung nur vor, wenn eine der bei­den Vor­kor­rek­tu­ren einen recht­lich erheb­li­chen Feh­ler auf­weist. Weist die Bewer­tung kei­nen Feh­ler auf, der ihre Rechts­wid­rig­keit zur Fol­ge hat, son­dern kommt der End­kor­rek­tor allein zu dem Ergeb­nis, dass die Bewer­tung aus sei­ner Sicht "nicht (mehr) ange­mes­sen" ist, ent­fällt die Bin­dungs­wir­kung der Ergeb­nis­se der Erst- und der Zweit­kor­rek­tur für die Ermitt­lung der End­no­te nicht.

Die kor­ri­gier­te Bewer­tung einer Abitur­ar­beit

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Frei­burg in dem hier vor­lie­gen­den Fall einem End­kor­rek­tor die Ermäch­ti­gung abge­spro­chen, die end­gül­ti­ge Bewer­tung einer Deutsch­ar­beit in der Abitur­prü­fung vor­zu­neh­men. Geklagt hat­te ein ehe­ma­li­ger Schü­ler einer Wal­dorf­schu­le gegen die Bewer­tung sei­ner Deutsch­ar­beit in der Abitur­prü­fung vom Früh­jahr 2012. Die Fach­leh­re­rin hat­te die Arbeit mit 9 Punk­ten bewer­tet, die Zweit­kor­rek­to­rin mit acht Punk­ten. Der End­kor­rek­tor hin­ge­gen hat­te die Arbeit mit end­gül­tig 4 Punk­ten bewer­tet, nach­dem ihn das Regie­rungs­prä­si­di­um Frei­burg als obe­re Schul­auf­sicht­be­hör­de mit der End­be­ur­tei­lung der Arbei­ten des gesam­ten Deutsch­kur­ses des Klä­gers beauf­tragt hat­te.

Nach Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts Frei­burg sei der End­kor­rek­tor nicht ermäch­tigt gewe­sen, die Arbeit des Klä­gers selb­stän­dig zu bewer­ten. Nach der auch im Fall des Klä­gers maß­geb­li­chen Abitur­ver­ord­nung Gym­na­si­en der Nor­mal­form – NGVO – wer­de jede schrift­li­che Arbeit in der Abitur­prü­fung von der Fach­lehr­kraft des Schü­lers und von einer Fach­lehr­kraft eines ande­ren von der Schul­auf­sichts­be­hör­de bestimm­ten Gym­na­si­ums kor­ri­giert und bewer­tet. Wichen die Bewer­tun­gen um einen Punkt von­ein­an­der ab, gel­te grund­sätz­lich die höhe­re Punkt­zahl.

Die Mög­lich­keit der Über­prü­fung und eigen­stän­di­gen Noten­fest­set­zung durch einen End­kor­rek­tor sehe die Abitur­ver­ord­nung nur vor, wenn eine der bei­den Vor­kor­rek­tu­ren einen recht­lich erheb­li­chen Feh­ler auf­wei­se. Das sei etwa der Fall, wenn eine ver­tret­ba­re Lösung als falsch bewer­tet wor­den sei, wenn der Prü­fer bei sei­ner Bewer­tung von fal­schen Tat­sa­chen aus­ge­gan­gen sei, wenn er ihr sach­frem­de Erwä­gun­gen zugrun­de gelegt habe oder aber wenn er objek­tiv fest­ge­leg­te Bewer­tungs­maß­stä­be (z.B. eine vor­ge­ge­be­ne Punk­te­ver­tei­lung zu ein­zel­nen Auf­ga­ben) nicht beach­tet habe. Ein sol­cher fest­ge­stell­ter Kor­rek­tur­feh­ler des Vor­prü­fers müs­se zudem für sei­ne Bewer­tung im Ergeb­nis erheb­lich gewe­sen sein. Wei­se die Bewer­tung hin­ge­gen kei­nen Feh­ler auf, der ihre Rechts­wid­rig­keit zur Fol­ge habe, son­dern kom­me der End­kor­rek­tor allein zu dem Ergeb­nis, dass die­se aus sei­ner Sicht "nicht (mehr) ange­mes­sen" sei, kön­ne die Bin­dungs­wir­kung der Ergeb­nis­se der Erst- und der Zweit­kor­rek­tur für die Ermitt­lung der End­no­te nicht ent­fal­len.

Die dar­über hin­aus­ge­hen­de "Arbeits­an­wei­sung des Regie­rungs­prä­si­di­ums Frei­burg für die End­be­ur­tei­lung", die eine Neu­be­wer­tung durch den End­kor­rek­tor schon für den Fall vor­se­he, dass auf­grund von Stich­pro­ben die "Punk­te­ver­tei­lung des Erst- und Zweit­kor­rek­tors nicht akzep­tiert wer­den kann", kön­ne hin­ge­gen als rein ver­wal­tungs­in­ter­ne Vor­schrift die Rege­lun­gen der Abitur­ver­ord­nung (NGVO) eben­so wenig abän­dern oder erset­zen wie die ent­spre­chen­den Arbeits­an­wei­sun­gen der übri­gen Regie­rungs­prä­si­di­en. Zudem knüp­fe sie die Ver­pflich­tung zur Nach­kor­rek­tur an die sub­jek­tiv wer­ten­de Über­prü­fung von Stich­pro­ben und füh­re damit zu zufäl­li­gen Ergeb­nis­sen. Schließ­lich sei­en die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für eine Nach­kor­rek­tur in den jewei­li­gen Arbeits­an­wei­sun­gen der vier Regie­rungs­prä­si­di­en im Land so unter­schied­lich gefasst, dass nicht ein­mal eine lan­des­ein­heit­li­che Pra­xis der Nach­kor­rek­tur sicher­ge­stellt sei.

Im Fall des Klä­gers sei weder sei­ner Fach­leh­re­rin noch der Zweit­kor­rek­to­rin ein recht­lich rele­van­ter Beur­tei­lungs­feh­ler unter­lau­fen. Daher sei der End­be­ur­tei­ler recht­lich dar­an gehin­dert gewe­sen, bei der Ermitt­lung der End­no­te eine eigen­stän­di­ge Bewer­tung der Leis­tung vor­zu­neh­men. Daher habe der Klä­ger habe Anspruch auf eine Bewer­tung sei­ner schrift­li­chen Prü­fungs­ar­beit im Fach Deutsch mit neun (statt mit bis­lang vier) Punk­ten, wodurch sich die Durch­schnitts­no­te in der Abitur­prü­fung wohl von 1,7 auf 1,6 ver­bes­sern wer­de.

Ver­wal­tungs­ge­richt Frei­burg, Urteil vom 29. Janu­ar 2014 – 2 K 1145/​13