Fische­rei­rech­te an Gewäs­ser-Abzwei­gun­gen

Mit einem selbst­stän­di­gen Fische­rei­recht in den Abzwei­gun­gen flie­ßen­der Gewäs­ser und im Bereich dau­er­haft über­flu­te­ter Ufer­grund­stü­cke hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen:

Fische­rei­rech­te an Gewäs­ser-Abzwei­gun­gen

Das nicht dem Eigen­tü­mer des Gewäs­ser­grund­stücks zuste­hen­de soge­nann­te selbst­stän­di­ge Fische­rei­recht – hier nach Art. 8 Bay­FiG 1; vor­mals Art. 9 FiG 2 – stellt ein das Gewäs­ser­grund­stück belas­ten­des ding­li­ches Recht dar und ist delikts­recht­lich geschützt 3.

Nach Art. 3 Satz 1 Bay­FiG ist der Eigen­tü­mer eines Gewäs­sers fische­rei­be­rech­tigt, soweit nicht auf beson­de­ren Rechts­ver­hält­nis­sen beru­hen­de Rech­te drit­ter Per­so­nen bestehen. Das Gesetz sichert inso­weit den Fort­be­stand der vor­han­de­nen selbst­stän­di­gen Fische­rei­rech­te. Wer ein sol­ches Recht in Anspruch nimmt, muss aber des­sen Bestehen, Inhalt und Umfang dar­le­gen und im Streit­fall bewei­sen 4.

Selbst­stän­di­ge und damit auf beson­de­ren Rechts­ver­hält­nis­sen beru­hen­de Fische­rei­rech­te konn­ten vor­mals vor Inkraft­tre­ten des Fische­rei­ge­set­zes für das König­reich Bay­ern – seit­her kön­nen neue Rech­te in aller Regel nur noch durch soge­nann­te Bestel­lung nach Art. 13 FiG (jetzt Art. 8 Abs. 1 Bay­FiG) begrün­det wer­den – mit­tels Ver­lei­hung durch den Lan­des­herrn, abge­lei­tet aus des­sen Fische­rei­re­gal, durch Rechts­ge­schäft, Ersit­zung, unvor­denk­li­che Ver­jäh­rung oder Gerichts­ent­schei­dung ent­stan­den sein.

Ein dem Grund­stücks­an­lie­ger zuste­hen­des Fische­rei­recht (hier: im Bereich des streit­ge­gen­ständ­li­chen Boots­an­le­ge­stegs) ergibt sich nicht kraft Geset­zes aus Art. 4 Abs. 1 Satz 1 Bay­FiG (= Art. 4 Abs. 1 Satz 1 FiG). Danach steht in den natür­li­chen oder künst­lich her­ge­stell­ten Abzwei­gun­gen flie­ßen­der Gewäs­ser (Sei­ten­ar­me, Kanä­le, Bewäs­se­rungs­grä­ben usw.) das Fische­rei­recht den im Haupt­was­ser Berech­tig­ten in der durch die Lage und durch das Län­ge­ver­hält­nis der Haupt­was­ser­stre­cke bestimm­ten räum­li­chen Aus­deh­nung zu. Unbe­rührt blei­ben von die­ser Zuwei­sung beson­de­re Rechts­ver­hält­nis­se (Art. 4 Abs. 3 Bay­FiG; Art. 4 Abs. 3 FiG), für deren Bestehen aller­dings wie­der­um der­je­ni­ge dar­le­gungs- und beweis­pflich­tig ist, der sich dar­auf beruft 5. Dies ent­spricht dem Prin­zip des frü­he­ren (vor 1908) baye­ri­schen Land­rechts, wonach "die Fische­rei­ge­recht­sa­me mit dem Was­ser ver­mehrt wer­den", mit­hin sich das Fische­rei­recht an einem Fluss bei Ent­ste­hung eines Neben­arms auf die­sen erstreckt 6.

Zwar han­delt es sich bei dem hier streit­ge­gen­ständ­li­chen Neben­arm des Main um eine Abzwei­gung. Hier­un­ter ist eine Gewäs­ser­stre­cke zu ver­ste­hen, die mit einem Haupt­ge­wäs­ser durch Aus­mün­dung und Wie­der­ein­mün­dung in dop­pel­ter Wei­se ver­bun­den ist 7. Auch greift die Auf­fas­sung, der Klä­ger kön­ne als am Haupt­was­ser west­lich der M insel Berech­tig­ter ein Fische­rei­recht an der Abzwei­gung nur erwor­ben haben, wenn die­se nach dem Erwerb des Fische­rei­rechts am Haupt­was­ser ent­stan­den sei, zu kurz. Denn im zeit­lich umge­kehr­ten Fall hät­te das Fische­rei­recht an der Abzwei­gung zunächst der Per­son zuge­stan­den, die zu die­sem frü­he­ren Zeit­punkt im Haupt­was­ser fische­rei­be­rech­tigt gewe­sen ist. Dies wäre der Gewäs­s­er­ei­gen­tü­mer oder eine drit­te Per­son, falls die­ser dort zuvor ein selbst­stän­di­ges Fische­rei­recht ein­ge­räumt wor­den wäre. Wenn dann spä­ter das Fische­rei­recht am Haupt­was­ser auf den Klä­ger über­tra­gen wor­den ist, hat die Über­tra­gung auch ohne geson­der­tes Rechts­ge­schäft das nach Art. 4 Bay­FiG (Art. 4 FiG) dazu gehö­ri­ge Fische­rei­recht in der Abzwei­gung als Bestand­teil der Berech­ti­gung am Haupt­was­ser erfasst 8. Im Übri­gen ist bezüg­lich vor 1908 bestehen­der Alt­rech­te auch fol­gen­des zu berück­sich­ti­gen: Nach der Begrün­dung zum Ent­wurf eines Fische­rei­ge­set­zes für das König­reich Bay­ern 9 "gilt Art. 4 auch für das Fische­rei­recht in bereits bestehen­den Abzwei­gun­gen, inso­fern nicht infol­ge beson­de­rer Rechts­ver­hält­nis­se eine ander­wei­ti­ge Fische­rei­be­rech­ti­gung geschaf­fen wor­den ist". Inso­weit kommt es für die vom Gesetz­ge­ber als Regel­fall – vor­be­halt­lich zum Zeit­punkt des Inkraft­tre­tens des Geset­zes bereits bestehen­der beson­de­rer Rechts­ver­hält­nis­se (selbst­stän­di­ge Fische­rei­rech­te, nicht Eigen­tü­mer­fi­sche­rei­rech­te) – gewoll­te Ver­bin­dung des Fische­rei­rechts am Haupt­strom mit dem Neben­ge­wäs­ser nicht auf die – bei Alt­rech­ten regel­mä­ßig auch kaum auf­klär­ba­re – zeit­li­che Rei­hen­fol­ge an.

Ob für die vor­lie­gen­de Kon­stel­la­ti­on – wie nahe­lie­gend – Art. 5 Bay­FiG (Art. 5 FiG) unmit­tel­bar oder ent­spre­chend anzu­wen­den ist oder aber die nach der baye­ri­schen ober­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung zur Stau­see­Pro­ble­ma­tik ange­stell­ten Erwä­gun­gen her­an­zu­zie­hen sind, kann dahin­ste­hen. Denn anders als bei Art. 4 Bay­FiG (Art. 4 FiG) kommt inso­weit der zeit­li­chen Rei­hen­fol­ge, auf die das Beru­fungs­ge­richt abge­stellt hat, eine wesent­li­che Bedeu­tung zu. Wäre der Klä­ger bereits am Main fische­rei­be­rech­tigt gewe­sen, als es zu der Über­flu­tung des Ufer­be­reichs, an dem der streit­ge­gen­ständ­li­che Steg liegt, gekom­men ist, hät­te sich sein Recht auf die­sen Bereich aus­ge­dehnt. Einen sol­chen Ablauf hat der Klä­ger aber nicht dar­ge­legt und nach­ge­wie­sen. Im zeit­lich umge­kehr­ten Fall wäre dage­gen der­je­ni­ge, dem vor­mals am Main das Fische­rei­recht zustand – das heißt der Gewäs­s­er­ei­gen­tü­mer, falls nicht zuvor einem Drit­ten ein selb­stän­di­ges Fische­rei­recht ein­ge­räumt wor­den ist – Inha­ber des Fische­rei­rechts am dau­er­haft über­flu­te­ten vor­ma­li­gen Ufer­grund­stück gewor­den 10. Wäh­rend jedoch im Rah­men des Art. 4 Bay­FiG (Art. 4 FiG) das Recht an der Abzwei­gung als Bestand­teil des Rechts am Haupt­strom die­sem grund­sätz­lich folgt, also bei Ver­fü­gun­gen über das Haupt­recht das Neben­recht regel­mä­ßig mit­über­geht, besteht die­se Abhän­gig­keit bei auf unter­schied­li­chen Grund­stü­cken bestehen­den selbst­stän­di­gen Fische­rei­rech­ten nicht. Dass im Zuge der Begrün­dung des Fische­rei­rechts am im Grund­buch von K. ein­ge­tra­ge­nen Flur­stück Nr. dem Klä­ger auch das Fische­rei­recht am im Grund­buch von H. ein­ge­tra­ge­nen Flur­stück Nr. über­tra­gen wor­den ist, hat der Klä­ger aber weder dar­ge­legt noch nach­ge­wie­sen. Auch zu ander­wei­ti­gen denk­ba­ren Erwerbs­grün­den hat er – wie das Beru­fungs­ge­richt, von der Revi­si­on zu Recht nicht bean­stan­det, fest­ge­stellt hat – nichts Sub­stan­ti­el­les vor­ge­tra­gen.

Soweit hier­ge­gen ein­ge­wen­det wird, dass die Annah­me von selbst­stän­di­gen Fische­rei­rech­ten an den bei­den streit­ge­gen­ständ­li­chen Flur­stü­cken auf eine Beschnei­dung von Fische­rei­rech­ten auf einen Teil des Fluss­betts in der Brei­te hin­aus­lau­fe, was es aber nicht gebe, ist nur dar­auf hin­zu­wei­sen, dass sich zum Bei­spiel bezüg­lich der soge­nann­ten Anlie­ger­fi­sche­rei­rech­te an Pri­vat­flüs­sen und Bächen die Eigen­tums­gren­ze im Gewäs­ser – und damit auch ein dar­an anknüp­fen­des Fische­rei­recht der Eigen­tü­mer der gegen­über­lie­gen­den Ufer­grund­stü­cke – nach einer durch die Mit­te des Gewäs­sers bei Mit­tel­was­ser­stand zu zie­hen­de Linie rich­tet (Art. 6 Abs. 2 Nr. 1 des Baye­ri­schen Was­ser­ge­set­zes 11).

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 18. Dezem­ber 2013 – III ZR 219/​13

  1. Baye­ri­sche Fische­rei­ge­setz in der Fas­sung der Bekannt­ma­chung vom 10.10.2008, GVBl. S. 840, ber.2009 S. 6[]
  2. Fische­rei­ge­setz für das König­reich Bay­ern vom 15.08.1908, GVBl. S. 527[]
  3. vgl. nur BGH, Urtei­le vom 31.05.2007 – III ZR 258/​06, NJW-RR 2007, 1319 Rn. 12 und – III ZR 260/​06, juris Rn. 12; MüKoBGB/​Wagner, 6. Aufl., § 823 Rn. 218; Braun/​Keiz, Fische­rei­recht in Bay­ern, Lose­blatt­samm­lung, Stand: Juni 2012, Art. 3 Rn. 2, Art. 8 Rn. 5[]
  4. vgl. BayO­bLG, BayVBl 1993, 219; Braun/​Keiz aaO Stand: Juni 2010, Art. 3 Rn. 11; sie­he fer­ner Bay­VerfGH, BayVBl.1984, 655, 657[]
  5. vgl. nur Bley­er, Das baye­ri­sche Fische­rei­ge­setz, 3. Aufl. [1925], Art. 4 Anm. 5; Braun/​Keiz aaO Stand: Okto­ber 2009, Art. 4 Rn. 16[]
  6. vgl. BayO­bLG in Zivil­sa­chen Bd. 5 (1876), S. 400, 401 mwN zum Land­recht[]
  7. vgl. nur BayVGH, BayVBl 1977, 699; Agrar­recht 2002, 124, 125; Braun/​Keiz aaO Stand: Juni 2010, Art. 4 Rn. 4 mwN; v. MalsenWaldkirch/​Hofer, Das baye­ri­sche Fische­rei­recht [1910], Art. 4 Anm. 1; sie­he auch Begrün­dung zum Ent­wurf eines Fische­rei­ge­set­zes für das König­reich Bay­ern, Ver­hand­lun­gen der Kam­mer der Abge­ord­ne­ten des baye­ri­schen Land­ta­ges, XXXV. Land­tags­ver­samm­lung, – I Ses­si­on im Jah­re 1907/​1908, Bei­la­gen­Band I, Bei­la­ge 4, S. 345[]
  8. vgl. nur Bley­er, aaO Anm. 7; Braun/​Keiz aaO Stand: Okto­ber 2009, Art. 4 Rn. 9 f; v. MalsenWaldkirch/​Hofer, aaO Art. 4 Anm. 3; sie­he auch BayO­bLG, BayVBl.1972, 588 zum Fische­rei­recht an der Abzwei­gung als unwe­sent­li­cher Bestand­teil des Fische­rei­rechts am Haupt­strom[]
  9. Ver­hand­lun­gen der Kam­mer der Abge­ord­ne­ten des baye­ri­schen Land­ta­ges, aaO; vgl. auch Schmitt, Das Fische­rei­ge­setz für das König­reich Bay­ern vom 15.08.1908 [1909], Art. 4 Anm. 1[]
  10. zu Aus­nah­men von die­ser Regel bezüg­lich der Erstre­ckung des Eigen­tü­mer­fi­sche­rei­rechts auf über­flu­te­te Grund­stü­cke bei soge­nann­ten Pri­vat­ge­wäs­sern bzw. bezüg­lich der soge­nann­ten Anlie­ger­fi­sche­rei­rech­te sie­he Bley­er aaO Art. 5 Anm. 1; Braun/​Keiz aaO Stand: Juni 2010, Art. 5 Rn. 11; v. MalsenWaldkirch/​Hofer aaO Art. 5 Anm. 3[]
  11. vom 25.02.2010, GVBl. S. 66[]