Haft­an­ord­nung – und die feh­ler­haf­te Beleh­rung

Die ver­säum­te oder feh­ler­haf­te Beleh­rung nach Art. 36 des Wie­ner Über­ein­kom­mens über kon­su­la­ri­sche Bezie­hun­gen (WÜK) oder ver­gleich­ba­ren bila­te­ra­len Abkom­men führt – unter Auf­ga­be der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs 1 – nur dann zur Rechts­wid­rig­keit der Haft­an­ord­nung, wenn das Ver­fah­ren ohne den Feh­ler zu einem ande­ren Ergeb­nis hät­te füh­ren kön­nen.

Haft­an­ord­nung – und die feh­ler­haf­te Beleh­rung

Nach der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs führ­ten sol­che Ver­stö­ße zwar ohne Wei­te­res zur Rechts­wid­rig­keit der Haft­an­ord­nung 2. Dar­an hält der Bun­des­ge­richts­hof aber nicht mehr fest.

Nach der neue­ren Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs führt eine Ver­let­zung von Ver­tei­di­gungs­rech­ten (ins­be­son­de­re des Anspruchs auf recht­li­ches Gehör) nur dann zur Been­di­gung der Haft bzw. zur Fest­stel­lung ihrer Rechts­wid­rig­keit, wenn das Ver­fah­ren ohne die­sen Feh­ler zu einem ande­ren Ergeb­nis hät­te füh­ren kön­nen 3. Die­se Ände­rung der Recht­spre­chung beruht auf dem Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on vom 10.09.2013 4. Danach darf das natio­na­le Gericht die Anord­nung von Haft zur Siche­rung einer Abschie­bung nach Art. 15 der Rück­füh­rungs­richt­li­nie 2008/​115/​EG wegen eines Ver­sto­ßes gegen den Anspruch auf recht­li­ches Gehör nur dann auf­he­ben, wenn es der Ansicht ist, dass das Ver­wal­tungs­ver­fah­ren zu einem ande­ren Ergeb­nis hät­te füh­ren kön­nen 5. Die von dem Gerichts­hof auf­ge­stell­ten Grund­sät­ze gel­ten nicht nur für die Haft zur Siche­rung der Abschie­bung, son­dern auch für die Haft zur Been­di­gung eines ille­ga­len Auf­ent­halts eines Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen in einem Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on, weil sie eine unter­schied­li­che Behand­lung der Ver­let­zung von Ver­tei­di­gungs­rech­ten nicht erlau­ben 6. Zu den Ver­tei­di­gungs­rech­ten gehört die Beleh­rung nach Art. 36 WÜK und ver­gleich­ba­ren Rege­lun­gen, die dem Betrof­fe­nen die Mög­lich­keit bie­ten soll, sei­nen Hei­mat­staat um Hil­fe zu bit­ten.

Auch ein Ver­stoß gegen die Pflicht zu die­ser Beleh­rung führt zur Rechts­wid­rig­keit der Haft nur, wenn das Ver­fah­ren bei pflicht­ge­mä­ßem Vor­ge­hen zu einem ande­ren Ergeb­nis hät­ten füh­ren kön­nen. Das hat der Betrof­fe­ne dar­zu­le­gen.

Dar­an fehl­te es in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall: Der Betrof­fe­ne hat zwar einen Ver­stoß gegen die Beleh­rungs­pflicht nach Art. 36 WÜK gerügt. Er hat aber nicht dar­ge­legt, dass das Ver­fah­ren bei Beach­tung der Rege­lung zu einem ande­ren Ergeb­nis hät­te füh­ren kön­nen. Des­halb führt ein etwai­ger Ver­stoß gegen die Beleh­rungs­pflicht nicht zur Rechts­wid­rig­keit der Haft.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 22. Okto­ber 2015 – V ZB 79/​15

  1. BGH, Beschluss vom 18.11.2010 – V ZB 165/​10, FGPrax 2011, 99[]
  2. BGH, Beschlüs­se vom 18.11.2010 – V ZB 165/​10, FGPrax 2011, 99 Rn. 4; vom 14.07.2011 – V ZB 275/​10, FGPrax 2011, 257 Rn. 6; und vom 30.10.2013 – V ZB 33/​13 6[]
  3. näher BGH, Beschluss vom 16.07.2014 – V ZB 80/​13, InfAuslR 2014, 384 Rn. 10 [recht­li­ches Gehör]; und vom 04.12 2014 – V ZB 87/​14, InfAuslR 2015, 146 Rn. 5 [Beleh­rung über den Rechts­mit­tel­ver­zicht][]
  4. EuGH, Urteil vom 10.09.2013 – C‑383/​13 – PPU – G. und R., ECLI:EU:C:2013:533[]
  5. EuGH, aaO, Rn. 45[]
  6. BGH, Beschluss vom 16.07.2014 – V ZB 80/​13, InfAuslR 2014, 384 Rn. 11[]