Infor­man­ten­schutz im Ver­wal­tungs­pro­zess

Behör­den sind gegen­über den Gerich­ten der Ver­wal­tungs­ge­richts­bar­keit zur Vor­la­ge von Urkun­den oder Akten, zur Über­mitt­lung elek­tro­ni­scher Doku­men­te und zu Aus­künf­ten ver­pflich­tet, § 99 Abs. 1 Satz 1 VwGO.. Wenn das Bekannt­wer­den des Inhalts die­ser Urkun­den, Akten oder Aus­künf­te aller­dings dem Wohl des Bun­des oder eines Lan­des Nach­tei­le berei­ten wür­de oder wenn die Vor­gän­ge nach einem Gesetz oder ihrem Wesen nach geheim gehal­ten wer­den müs­sen, kann die zustän­di­ge obers­te Auf­sichts­be­hör­de die Vor­la­ge von Urkun­den oder Akten, die Über­mitt­lung der elek­tro­ni­schen Doku­men­te und die Ertei­lung der Aus­künf­te ver­wei­gern, § 99 Abs. 2 VwGO. Gegen die­se Wei­ge­rung kann sodann ein Antrag nach § 99 Abs. 2 VwGO gestellt wer­den, über den dann das zustän­di­ge Ober­ver­wal­tungs­ge­richt bzw. das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in einem "in-came­ra-Ver­fah­ren" ent­schei­det.

Infor­man­ten­schutz im Ver­wal­tungs­pro­zess

Die­ses Ver­fah­ren gilt grund­sätz­lich auch für den Geheim­hal­tungs­grund des Infor­ma­ten­schut­zes, hier­bei han­delt es sich um Infor­ma­tio­nen im Sin­ne des § 99 Abs. 1 Satz 2 VwGO, die "ihrem Wesen nach geheim gehal­ten wer­den müs­sen".

Der Geheim­hal­tungs­grund des Infor­man­ten­schut­zes setzt im Rah­men des § 99 Abs. 1 Satz 2 VwGO ein berech­tig­tes Inter­es­se des Infor­man­ten an der Geheim­hal­tung sei­ner Daten oder eine öffent­li­che Auf­ga­be zum Schutz gewich­ti­ger Rechts­gü­ter vor­aus, deren Erfül­lung durch die Preis­ga­be der Iden­ti­tät des Drit­ten ernst­lich gefähr­det oder erheb­lich erschwert wür­de.

Per­so­nen­be­zo­ge­ne Daten sind grund­sätz­lich ihrem Wesen nach geheim­hal­tungs­be­dürf­tig. Bei per­so­nen­be­zo­ge­nen Daten besteht ein pri­va­tes Inter­es­se an der Geheim­hal­tung, das grund­recht­lich geschützt ist. Geschützt sind nicht nur per­so­nen­be­zo­ge­ne Daten, die ohne Wei­te­res zur Iden­ti­fi­ka­ti­on der Per­son füh­ren, son­dern auch Äuße­run­gen und Anga­ben zur Sache kön­nen geheim­hal­tungs­be­dürf­tig sein, wenn die Mit­tei­lun­gen Rück­schlüs­se auf die Per­son erlau­ben und in Abwä­gung mit den Inter­es­sen des Antrag­stel­lers ein berech­tig­tes Inter­es­se an einer Geheim­hal­tung besteht. Das gilt grund­sätz­lich auch im Fall von Per­so­nen, die einer Behör­de im Zuge von Ermitt­lun­gen Aus­kunft geben 1. Ob Ver­trau­lich­keit zuge­si­chert wor­den ist, ist im Rah­men des § 99 Abs. 1 Satz 2 VwGO uner­heb­lich 2. Infor­man­ten­schutz ist weder abhän­gig von der aus­drück­li­chen Bit­te um ver­trau­li­che Behand­lung noch von der begrün­de­ten Befürch­tung, sich im Fall einer Offen­le­gung mög­li­chen Repres­sa­li­en aus­ge­setzt zu sehen 3.

Neben das grund­recht­lich abge­si­cher­te Inter­es­se des Betrof­fe­nen an einer Geheim­hal­tung sei­ner per­sön­li­chen Daten tritt im Fal­le des Infor­man­ten­schut­zes das öffent­li­che Inter­es­se an einer Sicher­stel­lung der behörd­li­chen Auf­ga­ben­wahr­neh­mung. Sind Behör­den bei der Erfül­lung ihrer öffent­li­chen Auf­ga­ben auf Anga­ben Drit­ter ange­wie­sen, dür­fen sie zum Schutz des Infor­man­ten des­sen Iden­ti­tät geheim­hal­ten 4. Denn Behör­den wer­den die für eine effek­ti­ve Auf­ga­ben­er­fül­lung unent­behr­li­chen Infor­ma­tio­nen von Sei­ten Drit­ter in der Regel nur erhal­ten, wenn sie dem Infor­man­ten Ver­trau­lich­keit der per­so­nen­be­zo­ge­nen Daten zusi­chern. Nicht jede öffent­li­che Auf­ga­be recht­fer­tigt indes die Annah­me, Infor­ma­tio­nen von Sei­ten Drit­ter sei­en zur Erfül­lung einer öffent­li­chen Auf­ga­be uner­läss­lich. Die Auf­ga­be, auf die die behörd­li­chen Ermitt­lun­gen aus­ge­rich­tet sind, muss viel­mehr dem Schutz gewich­ti­ger Rechts­gü­ter die­nen 5. Der Geheim­hal­tungs­grund des Infor­man­ten­schut­zes setzt im Rah­men des § 99 Abs. 1 Satz 2 VwGO eine öffent­li­che Auf­ga­be vor­aus, deren Erfül­lung durch die Preis­ga­be der Iden­ti­tät des Drit­ten ernst­lich gefähr­det oder erheb­lich erschwert wür­de 6. Es müs­sen gewich­ti­ge öffent­li­che Belan­ge berührt sein, aus denen sich ein Geheim­hal­tungs­be­dürf­nis in Form des Infor­man­ten­schut­zes ergibt 7.

Dabei ist, so das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, aus der Recht­spre­chung zu fach­ge­setz­li­chen Aus­kunfts­an­sprü­chen, die im Rah­men des § 99 Abs. 1 Satz 2 VwGO jeden­falls eine Ori­en­tie­rung zur Bestim­mung der Reich­wei­te des Geheim­hal­tungs­grunds des Infor­man­ten­schut­zes im Sin­ne des § 99 Abs. 1 Satz 2 VwGO bie­tet, abzu­lei­ten, dass Infor­man­ten­schutz grund­sätz­lich unab­hän­gig vom Wahr­heits­ge­halt der Mit­tei­lun­gen greift 8. Die Behör­de ist aus Grün­den der effek­ti­ven Gefah­ren­ab­wehr ver­pflich­tet, allen vom Ansatz her sach­lich begrün­de­ten Hin­wei­sen nach­zu­ge­hen und muss daher die Ver­trau­lich­keit von Anga­ben Drit­ter auch dann wah­ren dür­fen, wenn sich die Hin­wei­se nach Abschluss der Ermitt­lun­gen als unzu­tref­fend erwei­sen soll­ten. Der Geheim­hal­tungs­grund ent­fällt jedoch, wenn aus­rei­chen­de Anhalts­punk­te dafür vor­lie­gen, dass der Infor­mant die Behör­de wider bes­se­res Wis­sen oder leicht­fer­tig falsch infor­miert hat 9.

Ein Geheim­hal­tungs­grund im Sin­ne des § 99 Abs. 1 Satz 2 VwGO liegt auch vor, soweit es um Anga­ben geht, die im Zusam­men­hang ste­hen mit den von der Antrags­geg­ne­rin ein­ge­schal­te­ten Ver­fas­sungs­schutz­be­hör­den. Anga­ben, die Rück­schlüs­se auf die Arbeits­wei­se von Sicher­heits­be­hör­den und deren Zusam­men­ar­beit mit ande­ren Behör­den erlau­ben, sind geheim­hal­tungs­be­dürf­tig 10.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 22. Juli 2010 – 20 F 11.10

  1. BFH, Urteil vom 08.02.1994 – VII R 88/​92, BFHE 174, 197, 202; vgl. auch BVerwG, Beschluss vom 25.06.2010 – 20 F 1.10 zum Schutz von so genann­ten "Aus­stei­gern" aus einer Glau­bens­ge­mein­schaft[]
  2. BVerwG, Beschluss vom 25.06.2010 a.a.O.; vgl. auch BVerwG, Urteil vom 04.09.2003 – 5 C 48.02, BVerw­GE 119, 11, 15 = Buch­holz 435.12 § 25 SGB X Nr. 1[]
  3. VerfGH Rhein­land-Pfalz, Urteil vom 04.11.1998 – B 5/​98, B 6/​98, NJW 1999, 2264, 2265[]
  4. BVerwG, Urteil vom 27.02.2003 – 2 C 10.02, BVerw­GE 118, 10, 14 = Buch­holz 237.7 § 85 NWLBG Nr. 9[]
  5. BVerwG, Urteil vom 30.04.1965 – 7 C 83.63, Buch­holz 310 § 99 VwGO Nr. 7 S. 11[]
  6. BVerwG, Urteil vom 27.02.2003, a.a.O. S. 13 f.[]
  7. BVerwG, Urteil vom 03.09.1991 – 1 C 48.88, BVerw­GE 89, 14, 19 = Buch­holz 403.11 § 19 BDSG Nr.1[]
  8. BVerwG, Urteil vom 27.02.2003, a.a.O.[]
  9. BVerwG, Urtei­le vom 23.06.1982 – 1 C 222.79, Buch­holz 316 § 29 VwVfG Nr. 2 S. 6; vom 03.09.1991, a.a.O.; und vom 04.09.2003, a.a.O., S. 16[]
  10. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. nur BVerwG, Beschluss vom 09.03.2010 – 20 F 16.09, m.w.N.[]