Recht­li­ches Gehör – und die Rechts­auf­fas­sung des Gerichts

Das Recht auf Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs nach Art. 103 Abs. 1 GG, § 108 Abs. 2 VwGO gewähr­leis­tet jedem Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten die Mög­lich­keit, zu dem gesam­ten Stoff des gericht­li­chen Ver­fah­rens in tat­säch­li­cher und recht­li­cher Hin­sicht Stel­lung zu neh­men.

Recht­li­ches Gehör – und die Rechts­auf­fas­sung des Gerichts

Das Gericht darf bei sei­ner Ent­schei­dung nur sol­che Tei­le des Pro­zess­stof­fes berück­sich­ti­gen, zu denen sich die Betei­lig­ten äußern konn­ten. Dies setzt deren Kennt­nis vom Pro­zess­stoff vor­aus1.

Aller­dings ist das Gericht grund­sätz­lich nicht ver­pflich­tet, den Betei­lig­ten mit­zu­tei­len, wel­che tat­säch­li­chen und recht­li­chen Gesichts­punk­te es für ent­schei­dungs­er­heb­lich hält und wel­che Rechts­auf­fas­sun­gen es sei­ner Ent­schei­dung zugrun­de zu legen gedenkt2.

Es darf sei­ne Ent­schei­dung jedoch nicht auf einen Gesichts­punkt stüt­zen, mit dem auch ein sorg­fäl­ti­ger Ver­fah­rens­be­tei­lig­ter nicht zu rech­nen brauch­te.

Im Anwalts­pro­zess ist Maß­stab der gewis­sen­haf­te und kun­di­ge Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te, der die ver­tret­ba­ren Auf­fas­sun­gen in den Blick nimmt3.

Ein anwalt­lich ver­tre­te­ner Ver­fah­rens­be­tei­lig­ter muss damit rech­nen, dass die maß­ge­ben­den Erwä­gun­gen, die die Behör­de in dem ange­foch­te­nen Bescheid ange­stellt hat, auch für die Gerich­te Bedeu­tung erlan­gen kön­nen. Dem­entspre­chend muss es sich ihm auf­drän­gen, im Ver­wal­tungs­pro­zess auch ohne gericht­li­chen Hin­weis dazu Stel­lung zu neh­men und die aus sei­ner Sicht not­wen­di­gen pro­zes­sua­len Schrit­te zu unter­neh­men.

BVer­wG – Be­schluss vom 23. Janu­ar 2018 – 6 B 67.17

  1. stRspr; vgl. BVerfG, Beschlüs­se vom 08.02.1994 – 1 BvR 765, 766/​89, BVerfGE 89, 381, 392; und vom 27.10.1999 – 1 BvR 385/​90 [ECLI:DE:BVerfG:1999:rs19991027.1bvr038590], BVerfGE 101, 106, 129
  2. stRspr; vgl. BVerfG, Beschluss vom 19.05.1992 – 1 BvR 986/​91, BVerfGE 86, 133, 144 f.; Urteil vom 14.07.1998 – 1 BvR 1640/​97 [ECLI:DE:BVerfG:1998:rs19980714.1bvr164097], BVerfGE 98, 218, 263
  3. stRspr; vgl. BVerfG, Beschlüs­se vom 29.05.1991 – 1 BvR 1383/​90, BVerfGE 84, 188, 190; und vom 19.05.1992 – 1 BvR 986/​91, BVerfGE 86, 133, 144 f.; Urteil vom 14.07.1998 – 1 BvR 1640/​97, BVerfGE 98, 218, 263