Rechts­schutz bei Zurück­stel­lung eines Bau­an­trags

Das Ver­pflich­tungs­be­geh­ren eines Bau­an­trag­stel­lers, der gegen die Zurück­stel­lung sei­nes Bau­an­trags nach § 15 Abs. 1 Satz 1 Bau­GB Wider­spruch ein­ge­legt und danach Untä­tig­keits­kla­ge auf Ertei­lung der Bau­ge­neh­mi­gung erho­ben hat, erle­digt sich nicht dadurch, dass die sofor­ti­ge Voll­zie­hung des Zurück­stel­lungs­be­schei­des ange­ord­net wird.

Rechts­schutz bei Zurück­stel­lung eines Bau­an­trags

Nach § 113 Abs. 1 Satz 4 VwGO spricht das Gericht für den Fall, dass sich der ange­grif­fe­ne Ver­wal­tungs­akt erle­digt hat, auf Antrag durch Urteil aus, dass der Ver­wal­tungs­akt rechts­wid­rig gewe­sen ist, wenn der Klä­ger ein berech­tig­tes Inter­es­se an die­ser Fest­stel­lung hat. Die auf Anfech­tungs­kla­gen zuge­schnit­te­ne Bestim­mung ist nach gefes­tig­ter Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts auf Ver­pflich­tungs­kla­gen ent­spre­chend anwend­bar 1 und zwar auch dann, wenn – wie hier – die Ver­pflich­tungs­kla­ge als Untä­tig­keits­kla­ge erho­ben wor­den ist 2. Da die Fort­set­zungs­fest­stel­lungs­kla­ge u.a. dem Zweck dient zu ver­hin­dern, dass ein Klä­ger um die „Früch­te“ sei­ner bis­he­ri­gen Pro­zess­füh­rung gebracht wird 3, ist das Ver­pflich­tungs­be­geh­ren erle­digt, wenn es nach Kla­ge­er­he­bung aus dem Klä­ger nicht zure­chen­ba­ren Grün­den unzu­läs­sig oder unbe­grün­det wur­de, wenn also das Rechts­schutz­ziel aus Grün­den, die nicht in der Ein­fluss­sphä­re des Klä­gers lie­gen, nicht mehr zu erlan­gen ist, weil es ent­we­der außer­halb des Pro­zes­ses erreicht wur­de oder über­haupt nicht mehr erreicht wer­den kann 4. Letz­te­res ist der Fall, wenn eine nach­träg­li­che Ände­rung der Sach- oder Rechts­la­ge zum Erlö­schen eines Anspruchs führt 5.

Durch die Zurück­stel­lung des Bau­an­trags (§ 15 Bau­GB) erlischt ein Anspruch auf Ertei­lung einer Bau­ge­neh­mi­gung nicht. Die Zurück­stel­lung ist ein Insti­tut des for­mel­len Bau­rechts, das es ermög­licht, ein Bau­ge­neh­mi­gungs­ver­fah­ren für einen Zeit­raum bis zu 12 Mona­ten aus­zu­set­zen und damit vor­über­ge­hend offen zu hal­ten 6, wenn eine Ver­än­de­rungs­sper­re nach § 14 Bau­GB nicht beschlos­sen wor­den ist, obwohl die Vor­aus­set­zun­gen gege­ben sind, oder wenn eine beschlos­se­ne Ver­än­de­rungs­sper­re noch nicht in Kraft getre­ten ist und zu befürch­ten ist, dass die Durch­füh­rung der Pla­nung durch das Vor­ha­ben unmög­lich gemacht oder wesent­lich erschwert wer­den wür­de. Anders als eine in Kraft befind­li­che Ver­än­de­rungs­sper­re berech­tigt die Zurück­stel­lung die Bau­ge­neh­mi­gungs­be­hör­de nicht zur Ableh­nung eines Bau­an­trags, son­dern nur dazu, die Ent­schei­dung über den Antrag zeit­lich befris­tet auf­zu­schie­ben 7. Zwar kann der Bau­an­trag­stel­ler gegen die Zurück­stel­lung Wider­spruch ein­le­gen mit der Fol­ge, dass die Behör­de wegen der auf­schie­ben­den Wir­kung des Wider­spruchs (§ 80 Abs. 1 Satz 1 VwGO) zur unver­züg­li­chen Wei­ter­be­ar­bei­tung des Bau­an­trags ver­pflich­tet ist; die Behör­de kann dies jedoch ver­hin­dern, wenn sie – wie hier gesche­hen – die sofor­ti­ge Voll­zie­hung der Zurück­stel­lung anord­net.

Solan­ge die Pflicht der Bau­ge­neh­mi­gungs­be­hör­de zur Bear­bei­tung des Bau­an­trags aus­ge­setzt ist, ist die Fest­stel­lung, dass das Kla­ge­ziel über­haupt nicht mehr erreicht wer­den kann, nicht mög­lich. Sie lässt sich erst tref­fen, wenn die bau­pla­nungs­recht­li­chen Grund­la­gen des frag­li­chen Vor­ha­bens in einer Wei­se geän­dert wor­den sind, die zur Unzu­läs­sig­keit des Vor­ha­bens führ­ten. In die­sem Fall ist der Zurück­stel­lungs­be­scheid durch einen Ver­sa­gungs­be­scheid zu erset­zen 8. Zwar kann die Ver­pflich­tungs­kla­ge auch wäh­rend des Schwe­be­zu­stands kei­nen Erfolg haben 9; dar­aus folgt aber nicht, dass der Klä­ger aus Anlass der Anord­nung der sofor­ti­gen Voll­zie­hung des Zurück­stel­lungs­be­schei­des sei­nen Ver­pflich­tungs­an­trag auf einen Fort­set­zungs­fest­stel­lungs­an­trag umzu­stel­len hät­te, um der Abwei­sung der Kla­ge – als „der­zeit“ unbe­grün­det – zu ent­ge­hen. Solan­ge die Bau­ge­neh­mi­gungs­be­hör­de den Bau­an­trag nicht bear­bei­ten muss, liegt ein zurei­chen­der Grund dafür vor, dass die bean­trag­te Bau­ge­neh­mi­gung noch nicht erlas­sen ist, und ist das Kla­ge­ver­fah­ren nach § 75 Satz 3 VwGO aus­zu­set­zen, wenn – wie hier – eine Untä­tig­keits­kla­ge erho­ben wur­de und die Frist des § 75 Satz 2 VwGO abge­lau­fen ist. An einer inhalt­li­chen Ent­schei­dung über den Ver­pflich­tungs­an­trag ist das Gericht gehin­dert, weil die Aus­set­zung des Ver­fah­rens nicht in sei­nem Ermes­sen steht, son­dern zwin­gend gebo­ten ist.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 30. Juni 2011 – 4 C 10.10

  1. vgl. BVerwG, Urtei­le vom 24.01.1992 – 7 C 24.91, BVerw­GE 89, 354, 355, vom 29.04.1992 – 4 C 29.90, Buch­holz 310 § 113 VwGO Nr. 247 S. 90 und vom 19.09. 2002 – 4 C 13.01, BVerw­GE 117, 50, 51[]
  2. BVerwG, Urteil vom 27.03.1998 – 4 C 14.96, BVerw­GE 106, 295[]
  3. vgl. BVerwG, Urteil vom 29.04.1992 a.a.O.[]
  4. BVerwG, Beschluss vom 15.08.1988 – 4 B 89.88, NVwZ 1989, 48[]
  5. BVerwG, Urtei­le vom 24.07.1980 – 3 C 120.79, BVerw­GE 60, 328, 332 f. und vom 24.10.1980 – 4 C 3.78, BVerw­GE 61, 128, 134; Beschluss vom 15.08.1988 a.a.O.; Schmidt: in: Eyer­mann, VwGO, 13. Aufl. 2010, § 113 Rn. 77[]
  6. BVerwG, Urteil vom 10.12.1971 – 4 C 32.69BRS 24 Nr. 148 S. 224[]
  7. BVerwG, Urteil vom 16.10.1987 – 4 C 35.85BRS 47 Nr. 90 S. 236[]
  8. Rie­ger, in: Schröd­ter, Bau­GB, 7. Aufl., § 15 Rn. 12[]
  9. OVG NRW, Beschluss vom 26.01.2000 – 7 B 2023/​99, NVwZ-RR 2001, 17; Stock, in: Ernst/​Zinkahn/​Bielenberg/​Krautzberger, Bau­GB, Band 2 Stand Janu­ar 2011, § 15 Rn. 72; Horn­mann, in: Spannowsky/​Uechtritz, Bau­GB, § 15 Rn. 56; Lem­mel, in: Ber­li­ner Kom­men­tar zum Bau­GB, 3. Aufl., Band 1 Stand Dezem­ber 2008, § 15 Rn. 21[]