Rechts­weg gegen erken­nungs­dienst­li­che Behand­lun­gen

Für Kla­gen gegen die Anfer­ti­gung erken­nungs­dienst­li­cher Unter­la­gen als Maß­nah­me der vor­sor­gen­den Straf­rechts­pfle­ge nach § 81b 2. Alter­na­ti­ve StPO ist der Ver­wal­tungs­rechts­weg eröff­net.

Rechts­weg gegen erken­nungs­dienst­li­che Behand­lun­gen

Die Kla­ge, mit der die Auf­he­bung einer behörd­li­chen Ent­schei­dung über die Anfer­ti­gung von Unter­la­gen für Zwe­cke des Erken­nungs­diens­tes (§ 81b 2. Alt. StPO) begehrt, ist eine öffent­lich-recht­li­che Strei­tig­keit nicht­ver­fas­sungs­recht­li­cher Art, für die man­gels einer ander­wei­ti­gen bun­des­ge­setz­li­chen Rege­lung der Ver­wal­tungs­rechts­weg eröff­net ist (§ 40 Abs. 1 Satz 1 VwGO). Ins­be­son­de­re schei­det eine Zustän­dig­keit der ordent­li­chen Gerich­te nach § 23 Abs. 1 EGGVG aus. Die­se Bestim­mung weist Ent­schei­dun­gen über Anord­nun­gen, Ver­fü­gun­gen oder sons­ti­ge Maß­nah­men, die von den Jus­tiz­be­hör­den zur Rege­lung ein­zel­ner Ange­le­gen­hei­ten u.a. auf dem Gebiet der Straf­rechts­pfle­ge getrof­fen wer­den – die übri­gen in § 23 Abs. 1 EGGVG genann­ten Sach­ge­bie­te kom­men vor­lie­gend von vorn­her­ein nicht in Betracht -, den ordent­li­chen Gerich­ten zu. Die­se Vor­schrift erfasst nur Rechts­strei­tig­kei­ten über Anord­nun­gen, Ver­fü­gun­gen und sons­ti­ge Maß­nah­men, die zur Ver­fol­gung einer straf­ba­ren Hand­lung getrof­fen wor­den sind 1. Dazu gehö­ren aus dem Rege­lungs­be­reich des § 81b StPO nur sol­che – vor­lie­gend nicht im Streit befind­li­che – Maß­nah­men, die nach der ers­ten Alter­na­ti­ve die­ser Vor­schrift der Durch­füh­rung des Straf­ver­fah­rens gegen den Betrof­fe­nen die­nen, nicht dage­gen Anord­nun­gen, Ver­fü­gun­gen oder sons­ti­ge Maß­nah­men, die auf­grund des § 81b 2. Alt. StPO für Zwe­cke des Erken­nungs­diens­tes und damit nicht für Zwe­cke der Straf­ver­fol­gung ergan­gen sind. Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts die­nen die Anfer­ti­gung, Auf­be­wah­rung und sys­te­ma­ti­sche Zusam­men­stel­lung sol­cher erken­nungs­dienst­li­chen Unter­la­gen in kri­mi­nal­po­li­zei­li­chen Samm­lun­gen nach ihrer gesetz­li­chen Zweck­be­stim­mung – ohne unmit­tel­ba­ren Bezug zu einem kon­kre­ten Straf­ver­fah­ren – der vor­sor­gen­den Bereit­stel­lung von säch­li­chen Hilfs­mit­teln für die sach­ge­rech­te Wahr­neh­mung der Auf­ga­ben, die der Kri­mi­nal­po­li­zei hin­sicht­lich der Erfor­schung und Auf­klä­rung von Straf­ta­ten durch § 163 StPO zuge­wie­sen sind 2.

Wäh­rend § 81b 1. Alt. StPO mit der aus­drück­li­chen Benen­nung der tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zung „für die Zwe­cke der Durch­füh­rung des Straf­ver­fah­rens“ der Straf­ver­fol­gung dient, soll die Ermäch­ti­gung in § 81b 2. Alter­na­ti­ve StPO der zukünf­ti­gen Durch­füh­rung der Straf­ver­fol­gung in Bezug auf mög­li­che spä­te­re oder spä­ter bekannt wer­den­de Straf­ta­ten zugu­te kom­men. Es han­delt sich bei § 81b 02. Alter­na­ti­ve StPO nicht um eine Rege­lung im Bereich der Straf­ver­fol­gung, son­dern um die Ermäch­ti­gung zu Maß­nah­men der Straf­ver­fol­gungs­vor­sor­ge, die außer­halb kon­kre­ter Straf­ver­fah­ren erfol­gen und auf die des­halb die §§ 23 ff. EGGVG nicht anwend­bar sind 3. Die dage­gen gel­tend gemach­ten Ein­wän­de über­zeu­gen das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt nicht.

So folgt das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt nicht der Auf­fas­sung, dass gegen die Zuord­nung von Maß­nah­men auf der Grund­la­ge des § 81b 2. Alt. StPO zum Recht der Gefah­ren­ab­wehr spre­che, dass sie der Straf­ver­fol­gungs­vor­sor­ge dien­ten. Auch sol­che Maß­nah­men die­nen nicht dem Zweck der Ver­fol­gung began­ge­ner Straf­ta­ten und sind des­halb Instru­men­te des Poli­zei­rechts. Aus der von der abwei­chen­den Auf­fas­sung in Anspruch genom­me­nen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ergibt sich nichts ande­res. Die­se Auf­fas­sung nimmt inso­weit Bezug auf die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, nach der auch Maß­nah­men, die sich auf künf­ti­ge Straf­ver­fah­ren bezie­hen, der Gesetz­ge­bungs­kom­pe­tenz des Bun­des nach Art. 74 Abs. 1 Nr. 1 GG unter­fal­len und dem Bun­des­ge­setz­ge­ber für die Ver­hü­tung einer Straf­tat die Gesetz­ge­bungs­kom­pe­tenz fehlt 4. Dar­aus folgt nach Ansicht des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts aber nichts für die hier inter­es­sie­ren­de Fra­ge des Rechts­wegs für Strei­tig­kei­ten im Zusam­men­hang mit Maß­nah­men der Straf­ver­fol­gungs­vor­sor­ge. Dies gilt glei­cher­ma­ßen für die auch in Bezug genom­me­ne Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, nach der Rege­lun­gen über die nach­träg­li­che Siche­rungs­ver­wah­rung eines ver­ur­teil­ten Straf­tä­ters auf den Kom­pe­tenz­ti­tel des Art. 74 Abs. 1 Nr. 1 GG gestützt wer­den kön­nen 5. Da die bei­den Alter­na­ti­ven des § 81b StPO unter­schied­li­che Zwe­cke ver­fol­gen, kann die Zuwei­sung von Strei­tig­kei­ten über Maß­nah­men auf der Grund­la­ge des § 81b 02. Alter­na­ti­ve StPO an die ordent­li­che Gerichts­bar­keit auch nicht damit begrün­det wer­den, dass für die Anfech­tung von Maß­nah­men im Sin­ne der ers­ten Alter­na­ti­ve des § 81b StPO nach § 23 Abs. 1 Satz 1 EGGVG die ordent­li­chen Gerich­te zustän­dig sei­en und dies für den Streit um die Recht­mä­ßig­keit von Maß­nah­men „des­sel­ben Rechts­ge­biets“ nicht anders gese­hen wer­den kön­ne.

Die Auf­be­wah­rung der erken­nungs­dienst­li­chen Unter­la­gen dient zwar der Straf­rechts­pfle­ge, erfolgt jedoch außer­halb eines kon­kre­ten Straf­ver­fah­rens; mit­hin liegt kei­ne Maß­nah­me auf dem Gebiet des Straf­pro­zes­ses vor, und die §§ 23 ff. EGGVG sind des­halb nicht anwend­bar 6. Schließ­lich spricht, soweit ent­spre­chen­de Befug­nis­se – wie dies meist zutrifft – in den Poli­zei­ge­set­zen der Län­der gere­gelt sind, der Gesichts­punkt des Sach­zu­sam­men­hangs dafür, hier wie auch sonst bei poli­zei­li­chen Gefah­ren­ab­wehr­maß­nah­men den Rechts­weg gemäß § 40 VwGO für ein­schlä­gig anzu­se­hen. Das liegt umso näher, als die ent­spre­chen­den Straf­ver­fol­gungs­vor­sor­ge­be­fug­nis­se nicht für die Staats­an­walt­schaft gel­ten und damit wesent­li­che Grün­de, wel­che sonst bei Straf­ver­fol­gungs­maß­nah­men der Poli­zei für die Ergrei­fung des Rechts­wegs gemäß § 23 EGGVG spre­chen, hier ent­fal­len 7.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 18. Mai 2011 – 6 B 1.11

  1. vgl. BVerwG, Urtei­le vom 03.12. 1974 – 1 C 26.72, Buch­holz 310 § 40 VwGO Nr. 138; und 1 C 11.73, BVerw­GE 47, 255 []
  2. vgl. BVerwG, Urtei­le vom 19.10.1982 – 1 C 29.79, BVerw­GE 66, 192, 195 f.; und vom 23.11.2005 – 6 C 02.05, Buch­holz 306 § 81b StPO Nr. 4 Rn. 18 m.w.N.; Beschluss vom 12.07.1989 – 1 B 85.89 – DÖV 1990, 117[]
  3. vgl. Schen­ke, Poli­zei- und Ord­nungs­recht, 6. Aufl. 2009, Rn. 30; und Den­nin­ger, in: Lisken/​Denninger, Hand­buch des Poli­zei­rechts, 4. Aufl. 2007, E Rn. 177[]
  4. vgl. BVerfG, Beschluss vom 14.12. 2000 – 2 BvR 1741/​99 u.a., BVerfGE 103, 21, 30 f.; und Urteil vom 27.07.2005 – 1 BvR 668/​04, BVerfGE 113, 348, 368 f. und 370 f.[]
  5. vgl. BVerfG, Urteil vom 10.02.2004 – 2 BvR 834, 1588/​02, BVerfGE 109, 190, 211 ff.[]
  6. Den­nin­ger, in: Lisken/​Denninger, Hand­buch des Poli­zei­rechts, 4. Aufl. 2007, E Rn. 177[]
  7. vgl. Schen­ke, Poli­zei- und Ord­nungs­recht, 6. Aufl. 2009, Rn. 427[]