Rechts­weg – und die Anhö­rungs­rü­ge

Die Anhö­rungs­rü­ge gehört, soweit statt­haft, auch zum Rechts­weg.

Rechts­weg – und die Anhö­rungs­rü­ge

Rügt der Beschwer­de­füh­rer eine Ver­let­zung sei­nes Anspruchs auf recht­li­ches Gehör (Art. 103 Abs. 1 GG) durch das Gericht, steht ihm hier­ge­gen der Rechts­be­helf der Anhö­rungs­rü­ge (hier: nach § 120 Abs. 1 StVoll­zG in Ver­bin­dung mit § 33a StPO) zur Ver­fü­gung. Das Ver­fah­ren der Anhö­rungs­rü­ge gehört zum Rechts­weg im Sin­ne des § 90 Abs. 2 BVerfGG 1, der grund­sätz­lich vor Erhe­bung der Ver­fas­sungs­be­schwer­de erschöpft sein muss.

Eine Anhö­rungs­rü­ge war hier nicht des­halb ent­behr­lich, weil sie offen­sicht­lich aus­sichts­los gewe­sen wäre 2.

Dass das Land­ge­richt zum einen mit dem ange­grif­fe­nen Beschluss über den einst­wei­li­gen Rechts­schutz­an­trag des Beschwer­de­füh­rers ent­schie­den hat, ohne ihm zuvor die Stel­lung­nah­me der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt zur Erwi­de­rung zuzu­lei­ten, und dass es zum ande­ren den Beschluss gefasst hat, ohne dem Beschwer­de­füh­rer zuvor den nach dem Rich­ter­wech­sel – abwei­chend von der auf sein Ver­lan­gen bereits erfolg­ten Mit­tei­lung – zur Ent­schei­dung beru­fe­nen Rich­ter von Amts wegen zu nen­nen, stellt einen Gehörs­ver­stoß dar.

Abs. 1 GG gewährt jedem Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten die grund­sätz­li­che Mög­lich­keit, sich im Ver­fah­ren in tat­säch­li­cher und recht­li­cher Hin­sicht zu äußern 3. Die Gele­gen­heit zur Äuße­rung muss grund­sätz­lich zu jedem dem Gericht unter­brei­te­ten Vor­trag ein­ge­räumt wer­den, der für die Ent­schei­dung erheb­lich ist 4. Dazu gehö­ren Stel­lung­nah­men der Gegen­sei­te 5.

Als Aus­prä­gung des grund­rechts­glei­chen Rechts aus Art. 103 Abs. 1 GG ver­langt § 24 Abs. 3 Satz 2 StPO, den zur Ableh­nung Berech­tig­ten auf Ver­lan­gen die zur Mit­wir­kung bei der Ent­schei­dung beru­fe­nen Gerichts­per­so­nen nam­haft zu machen und ihnen eine ange­mes­se­ne Frist ein­zu­räu­men, um gege­be­nen­falls gegen die­se Gerichts­per­so­nen einen Befan­gen­heits­an­trag zu stel­len und zu begrün­den 6. Dies gebie­tet, den Betrof­fe­nen, dem auf sein Ver­lan­gen die zur Ent­schei­dung beru­fe­nen Gerichts­per­so­nen mit­ge­teilt wor­den sind, über jede Ände­rung in der Beset­zung von Amts wegen zu infor­mie­ren (vgl. zu § 24 Abs. 3 Satz 2 StPO: RGSt 66, 10, 10; BayO­bLG, Urteil vom 29.09.1989 – RReg 2 St 10/​89; Schmitt, in: Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, StPO, 58. Auf­la­ge 2015, § 24 Rn. 21).

Die­se Anfor­de­run­gen des Art. 103 Abs. 1 GG gel­ten – auch wenn der Gehörs­ver­stoß nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zur Auf­he­bung der ergan­ge­nen Ent­schei­dung nur unter der Vor­aus­set­zung führt, dass sie auf dem Ver­stoß beruht 7 – grund­sätz­lich unab­hän­gig davon, ob unter den gege­be­nen Umstän­den von der Mög­lich­keit aus­zu­ge­hen ist, dass eine etwai­ge Äuße­rung Ein­fluss auf das Ent­schei­dungs­er­geb­nis gewinnt oder nicht. Denn der grund­recht­li­che Anspruch auf recht­li­ches Gehör dient nicht nur der Gewähr­leis­tung sach­rich­ti­ger Ent­schei­dun­gen, son­dern auch der Wah­rung der Sub­jekt­stel­lung der Betei­lig­ten im gericht­li­chen Ver­fah­ren 8.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 22. Okto­ber 2015 – 2 BvR 2396/​14

  1. vgl. BVerfGK 5, 337, 338 f.[]
  2. vgl. BVerfGK 7, 403, 407[]
  3. vgl. BVerfGE 19, 32, 36; 49, 325, 328; BVerfGK 7, 438, 441[]
  4. vgl. BVerfGE 19, 32, 36; 49, 325, 328; 89, 381, 392; BVerfGK 7, 438, 441[]
  5. vgl. BVerfGK 7, 438, 441; BVerfG, Beschlüs­se vom 15.11.2010 – 2 BvR 1183/​09; und vom 21.03.2011 – 2 BvR 301/​11[]
  6. vgl. BVerfG, Beschluss vom 05.06.1991 – 2 BvR 103/​91; Beschluss vom 26.08.2008 – 2 BvR 1264/​08[]
  7. vgl. BVerfGE 7, 239, 241; 13, 132, 145; 52, 131, 152 f.; 89, 381, 392 f.[]
  8. vgl. BVerfG, Beschluss vom 06.06.2011 – 2 BvR 2076/​08, m.w.N.[]