Reli­giö­se Ver­fol­gung

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig hat in zwei bei ihm anhän­gi­gen Ver­fah­ren, in denen es um die Flücht­lings­an­er­ken­nung wegen reli­giö­ser Ver­fol­gung geht, dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on in Luxem­burg meh­re­re Fra­gen zur Aus­le­gung der EU-Qua­li­fi­ka­ti­ons­richt­li­nie 1 zur Vor­ab­ent­schei­dung gemäß Art. 267 AEUV vor­ge­legt. Die Qua­li­fi­ka­ti­ons­richt­li­nie dient unter ande­rem der Anglei­chung der recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft inner­halb der Euro­päi­schen Uni­on. Der deut­sche Gesetz­ge­ber hat die Richt­li­nie im August 2007 umge­setzt.

Reli­giö­se Ver­fol­gung

Die Klä­ger der Aus­gangs­ver­fah­ren sind zwei in den Jah­ren 2003 und 2004 nach Deutsch­land ein­ge­reis­te paki­sta­ni­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge. Sie bean­trag­ten hier Asyl und berie­fen sich dar­auf, wegen ihrer reli­giö­sen Betä­ti­gung als Ange­hö­ri­ge der Ahma­di­y­ya-Glau­bens­ge­mein­schaft in Paki­stan ver­folgt zu wer­den. Das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge lehn­te die Asyl­an­trä­ge der Klä­ger ab. Das Säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt in Baut­zen ver­pflich­te­te das Bun­des­amt, die Klä­ger als Flücht­lin­ge anzu­er­ken­nen 2.

Die Ahma­di­y­ya-Glau­bens­ge­mein­schaft ver­steht als inne­r­is­la­mi­sche Erneue­rungs­be­we­gung, zu der in Paki­stan etwa ein bis zwei Mil­lio­nen Gläu­bi­ge (Ahma­dis) zäh­len. Den Ahma­dis ist es, wie das Säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt fest­stell­te, unter­sagt, öffent­li­che Ver­samm­lun­gen abzu­hal­ten, auf denen gebe­tet wird. Hin­ge­gen wer­de es ihnen nicht gene­rell unmög­lich gemacht, sich in ihren Gebets­häu­sern zu ver­sam­meln. Aller­dings wer­de die gemein­sa­me Aus­übung des Glau­bens immer wie­der dadurch behin­dert, dass Gebets­häu­ser aus will­kür­li­chen Grün­den geschlos­sen, ihre Errich­tung ver­hin­dert oder sie von Extre­mis­ten über­fal­len wür­den. Aus Sicht des Säch­si­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richts stel­len die Beschrän­kun­gen der Reli­gi­ons­frei­heit in Paki­stan für einen dem Glau­ben eng und ver­pflich­tend ver­bun­de­nen Ahma­di, zu des­sen Über­zeu­gung es auch gehört, den Glau­ben in der Öffent­lich­keit zu leben und in die­se zu tra­gen, eine schwer­wie­gen­de Ver­let­zung der Reli­gi­ons­frei­heit dar. Hier­ge­gen rich­ten sich die Revi­sio­nen des Bun­des­amts und des Bun­des­be­auf­trag­ten für Asyl­an­ge­le­gen­hei­ten.

In den bei­den Revi­si­ons­ver­fah­ren vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt geht es um die Fra­ge, unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen der einem Gläu­bi­gen abver­lang­te Ver­zicht auf eine öffent­li­che Betä­ti­gung sei­nes Glau­bens eine flücht­lings­recht­lich erheb­li­che Ver­fol­gung im Sin­ne von Art. 9 der Richt­li­nie 2004/​83/​EG dar­stellt, ob und unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen also die Sank­tio­nie­rung einer zukünf­ti­gen Aus­übung der Reli­gi­on in der Öffent­lich­keit zur Flücht­lings­an­er­ken­nung führt.

Da es sich hier­bei um euro­pa­recht­li­che Zwei­fels­fra­gen han­delt, hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt die­se Aus­le­gungs­fra­gen nun im Rah­men eines Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on vor­ge­legt und die bei ihm anhän­gi­gen Revi­si­ons­ver­fah­ren bis zur Ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs aus­ge­setzt.

  1. Ist Art. 9 Abs. 1 Buchst. a) der Richt­li­nie 2004/​83/​EG dahin aus­zu­le­gen, dass nicht jeder Ein­griff in die Reli­gi­ons­frei­heit, der gegen Art. 9 EMRK ver­stößt, eine Ver­fol­gungs­hand­lung im Sin­ne der erst­ge­nann­ten Vor­schrift dar­stellt, son­dern liegt eine schwer­wie­gen­de Ver­let­zung der Reli­gi­ons­frei­heit als grund­le­gen­des Men­schen­recht nur dann vor, wenn ihr Kern­be­reich betrof­fen ist?
  2. Für den Fall, dass Fra­ge 1 zu beja­hen ist:
    1. Ist der Kern­be­reich der Reli­gi­ons­frei­heit auf das Glau­bens­be­kennt­nis und auf Glau­bens­be­tä­ti­gun­gen im häus­li­chen und nach­bar­schaft­li­chen Bereich beschränkt oder kann eine Ver­fol­gungs­hand­lung im Sin­ne von Art. 9 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie 2004/​83/​EG auch dar­in lie­gen, dass im Her­kunfts­land die Glau­bens­aus­übung in der Öffent­lich­keit zu einer Gefahr für Leib, Leben oder phy­si­sche Frei­heit führt und der Antrag­stel­ler des­halb auf sie ver­zich­tet?
    2. Falls der Kern­be­reich der Reli­gi­ons­frei­heit auch bestimm­te Glau­bens­be­tä­ti­gun­gen in der Öffent­lich­keit umfas­sen kann:
      • Genügt es in die­sem Fall für eine schwer­wie­gen­de Ver­let­zung der Reli­gi­ons­frei­heit, dass der Antrag­stel­ler die­se Betä­ti­gung sei­nes Glau­bens für sich selbst als unver­zicht­bar emp­fin­det, um sei­ne reli­giö­se Iden­ti­tät zu wah­ren,
      • oder ist außer­dem erfor­der­lich, dass die Reli­gi­ons­ge­mein­schaft, der der Antrag­stel­ler ange­hört, die­se reli­giö­se Betä­ti­gung als zen­tra­len Bestand­teil ihrer Glau­bens­leh­re ansieht,
      • oder kön­nen sich aus sons­ti­gen Umstän­den, etwa den all­ge­mei­nen Ver­hält­nis­sen im Her­kunfts­land, wei­te­re Ein­schrän­kun­gen erge­ben?
  3. Für den Fall, dass Fra­ge 1 zu beja­hen ist:
    Liegt eine begrün­de­te Furcht vor Ver­fol­gung im Sin­ne von Art. 2 Buchst. c der Richt­li­nie 2004/​83/​EG dann vor, wenn fest­steht, dass der Antrag­stel­ler bestimm­te – außer­halb des Kern­be­reichs lie­gen­de – reli­giö­se Betä­ti­gun­gen nach Rück­kehr in das Her­kunfts­land vor­neh­men wird, obwohl sie zu einer Gefahr für Leib, Leben oder phy­si­sche Frei­heit füh­ren wer­den, oder ist es dem Antrag­stel­ler zuzu­mu­ten, auf sol­che künf­ti­gen Betä­ti­gun­gen zu ver­zich­ten?

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschlüs­se vom 9. Dezem­ber 2010 – 10 C 19.09 und 10 C 21.09

  1. Richt­li­nie 2004/​83/​EG des Rates der Euro­päi­schen Uni­on[]
  2. Sächs. OVG, Urtei­le vom 13.11.2008 – A 1 B 559/​07 und A 1 B 550/​07[]