Stu­di­en­ge­büh­ren in Baden-Würt­tem­berg

Die Vor­schrif­ten des baden-würt­tem­ber­gi­schen Lan­des­hoch­schul­ge­büh­ren­ge­set­zes zur Rege­lung all­ge­mei­ner Stu­di­en­ge­büh­ren sind mit dem Bun­des­recht ver­ein­bar, wie jetzt das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in vier Ver­fah­ren ent­schied.

Stu­di­en­ge­büh­ren in Baden-Würt­tem­berg

Die Betei­lig­ten in den vier par­al­le­len Ver­fah­ren strei­ten über die Recht­mä­ßig­keit von all­ge­mei­nen Stu­di­en­ge­büh­ren. Nach­dem das Land Baden-Würt­tem­berg zunächst nur Stu­di­en­ge­büh­ren von soge­nann­ten Lang­zeit­stu­die­ren­den erho­ben hat­te, hat es durch eine Ände­rung sei­nes Lan­des­hoch­schul­ge­büh­ren­ge­set­zes 1, die im Dezem­ber 2005 in Kraft getre­ten ist, ab dem Som­mer­se­mes­ter 2007 für alle Stu­die­ren­den all­ge­mei­ne Stu­di­en­ge­büh­ren in Höhe von 500 € je Semes­ter ein­ge­führt.

Drei der vier Klä­ger stu­die­ren an der Uni­ver­si­tät Karls­ru­he, eine Klä­ge­rin an der Päd­ago­gi­schen Hoch­schu­le Frei­burg. Alle vier hat­ten ihr Stu­di­um jeweils vor Inkraft­tre­ten des geän­der­ten Lan­des­hoch­schul­ge­büh­ren­ge­set­zes auf­ge­nom­men. Die drei Karls­ru­her Klä­ger hat­ten vor Auf­nah­me ihres Stu­di­ums Zivil- oder Wehr­dienst geleis­tet. Ein Klä­ger 2 hat zu Beginn sei­nes Stu­di­ums zudem meh­re­re Semes­ter in der uni­ver­si­tä­ren Selbst­ver­wal­tung als Beauf­trag­ter des Rek­to­rats für den Arbeits­be­reich Sozia­les und als Mit­glied des All­ge­mei­nen Stu­den­ten­aus­schus­ses mit­ge­wirkt. Die Frei­bur­ger Klä­ge­rin 3 ist Mut­ter zwei­er 1993 und 1995 gebo­re­ner Kin­der.

Die Klä­ger wand­ten sich gegen die Beschei­de ihrer Hoch­schu­len, durch die sie ab dem Som­mer­se­mes­ter 2007 zu Stu­di­en­ge­büh­ren her­an­ge­zo­gen wur­den. Die Ver­wal­tungs­ge­rich­te Karls­ru­he 4 und Frei­burg 5 haben die Kla­gen abge­wie­sen. Der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg in Mann­heim hat die hier­ge­gen ein­ge­leg­ten Beru­fun­gen der Klä­ger zurück­ge­wie­sen 6. Und auch die Revi­sio­nen vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig blie­ben jetzt erfolg­los.

Wie schon frü­her im Fal­le ver­gleich­ba­rer Rege­lun­gen des nord­rhein-west­fä­li­schen Hoch­schul­rechts über all­ge­mei­ne Stu­di­en­ge­büh­ren 7 hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt nun­mehr auch die Vor­schrif­ten des baden-würt­tem­ber­gi­schen Lan­des­hoch­schul­ge­büh­ren­ge­set­zes zur Ein­füh­rung all­ge­mei­ner Stu­di­en­ge­büh­ren als ver­fas­sungs­kon­form beur­teilt. Ins­be­son­de­re liegt kein Ver­stoß gegen das Grund­recht auf frei­en Zugang zur Aus­bil­dungs­stät­te vor. Der Lan­des­ge­setz­ge­ber hat mit der Ein­füh­rung all­ge­mei­ner Stu­di­en­ge­büh­ren kei­ne unüber­wind­li­che sozia­le Bar­rie­re für die Auf­nah­me oder Wei­ter­füh­rung eines Stu­di­ums errich­tet. Eine Stu­di­en­ge­bühr von 500 € je Semes­ter ist mit Blick auf die Kos­ten und Vor­tei­le eines Hoch­schul­stu­di­ums von der Höhe her mode­rat. Die den­noch spür­ba­re Zusatz­be­las­tung hat der Lan­des­ge­setz­ge­ber in sozi­al­ver­träg­li­cher Wei­se abge­mil­dert, ins­be­son­de­re dadurch, dass er den Stu­die­ren­den einen Anspruch auf Gewäh­rung eines Dar­le­hens zur Finan­zie­rung der Stu­di­en­ge­büh­ren ein­ge­räumt hat. Die Rege­lun­gen zur Ver­zin­sung und Rück­zah­lung der Dar­le­hen stel­len hin­rei­chend sicher, dass eine dro­hen­de Ver­schul­dung nicht abschre­ckend auf die Auf­nah­me eines Stu­di­ums wirkt. Der Lan­des­ge­setz­ge­ber hat das rechts­staat­li­che Gebot des Ver­trau­ens­schut­zes beach­tet. Er hat den Stu­die­ren­den, die – wie die Klä­ger – bei Inkraft­tre­ten des Ände­rungs­ge­set­zes ihr Stu­di­um bereits begon­nen hat­ten, durch eine Über­gangs­frist von zwei gebüh­ren­frei­en Semes­tern aus­rei­chend Zeit gewährt, sich auf die geän­der­te Rechts­la­ge ein­zu­stel­len.

Eine wei­ter aus­grei­fen­de Über­gangs­re­ge­lung war auch nicht zu Guns­ten der Stu­den­ten gebo­ten, die vor ihrem Stu­di­um Wehr- oder Zivil­dienst geleis­tet hat­ten, ihr Stu­di­um des­halb erst spä­ter begin­nen konn­ten und dem­entspre­chend län­ger Stu­di­en­ge­büh­ren zah­len müs­sen. Das Grund­ge­setz stellt die Dienst­pflich­ti­gen in ein beson­de­res Pflich­ten­ver­hält­nis und mutet ihnen die kom­pen­sa­ti­ons­lo­se Hin­nah­me damit ver­bun­de­ner Nach­tei­le grund­sätz­lich zu.

Ein Ver­stoß gegen den durch das Grund­ge­setz gewähr­leis­te­ten Schutz der Fami­lie liegt nicht dar­in, dass nach dem Lan­des­hoch­schul­ge­büh­ren­ge­setz wegen der Pfle­ge und Erzie­hung eines Kin­des zwar eine Gebüh­ren­be­frei­ung gewährt wird, nach der ursprüng­li­chen Fas­sung des Geset­zes jedoch nur, wenn das Kind zu Beginn des jewei­li­gen Semes­ters das ach­te (jetzt: das vier­zehn­te) Lebens­jahr noch nicht voll­endet hat, mit­hin Eltern, die wie die Klä­ge­rin älte­re Kin­der betreu­en, von die­ser gene­rel­len Gebüh­ren­be­frei­ung aus­ge­nom­men sind. Durch die Fest­le­gung der hier noch maß­geb­li­chen Alters­gren­ze von acht Jah­ren hat der Gesetz­ge­ber an tat­säch­li­che Umstän­de in der Ent­wick­lung von Kin­dern ange­knüpft, die auch in ande­ren recht­li­chen Zusam­men­hän­gen, bei­spiels­wei­se im Bun­des­el­tern­geld- und Eltern­zeit­ge­setz, berück­sich­tigt sind.

Dage­gen darf bei der Aus­ge­stal­tung der Gebüh­ren­re­ge­lung nicht von vorn­her­ein unbe­rück­sich­tigt blei­ben, dass sich durch die Mit­ar­beit in Gre­mi­en der uni­ver­si­tä­ren Selbst­ver­wal­tung die Stu­di­en­zeit ver­län­gern kann. Denn damit wür­de der Gesetz­ge­ber unter Ver­stoß gegen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz unglei­che Sach­ver­hal­te ohne sach­li­chen Grund gleich­be­han­deln. Der Gesetz­ge­ber muss aber kei­ne pau­scha­le Befrei­ung von der Gebüh­ren­pflicht für Semes­ter vor­se­hen, in der ein Stu­die­ren­der in Gre­mi­en der uni­ver­si­tä­ren Selbst­ver­wal­tung mit­ge­ar­bei­tet hat. Es reicht aus, ist aber auch erfor­der­lich, dass eine sol­che Mit­ar­beit im Sin­ne der all­ge­mei­nen Erlass­re­ge­lung als unbil­li­ge Här­te aner­kannt wird, wenn sie sich im Ein­zel­fall nach­tei­lig auf den Fort­gang des Stu­di­ums aus­ge­wirkt und unver­meid­bar zu des­sen Ver­län­ge­rung geführt hat.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urtei­le vom 15. Dezem­ber 2010 – 6 C 8.09 bis 11.09

  1. Gesetz zur Ände­rung des Lan­des­hoch­schul­ge­büh­ren­ge­set­zes und ande­rer Geset­ze vom 19.12.2005, GBl S. 794, ber. GBl 2006 S. 15[]
  2. BVerwG – 6 C 10.09[]
  3. BVerwG – 6 C 9.09[]
  4. VG Karls­ru­he, Urtei­le vom 16.04.2008 – 7 K 1499/​07; und vom 11.07.2007 – 7 K 3075/​06 und 7 K 2966/​06[]
  5. VG Frei­burg, Urteil vom 20.06.2007 – 1 K 2324/​06[]
  6. VGH Baden-Würt­tem­berg, Urtei­le vom 16.02.2009 – 2 S 1527/​08, 2 S 1855/​07, 2 S 2833/​07 und 2 S 2544/​07[]
  7. BVerwG, Urteil vom 29.04.2009 – 6 C 16.08[]