Ter­mins­ge­bühr bei einem "auf­ge­dräng­ten" tele­fo­ni­schem Erle­di­gungs­ge­spräch

Eine Ter­mins­ge­bühr nach Nr. 3104 des Ver­gü­tungs­ver­zeich­nis­ses der Anla­ge 1 zum RVG – VV RVG – ent­steht nach Vor­be­mer­kung 3 Abs. 3 Alt. 3 VV RVG für die Mit­wir­kung des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten an auf die Ver­mei­dung oder Erle­di­gung des Ver­fah­rens gerich­te­ten Bespre­chun­gen auch ohne Betei­li­gung des Gerichts; dies gilt nicht für Bespre­chun­gen mit dem Auf­trag­ge­ber.

Ter­mins­ge­bühr bei einem "auf­ge­dräng­ten" tele­fo­ni­schem Erle­di­gungs­ge­spräch

Durch die­se Bestim­mung will der Gesetz­ge­ber die Moti­va­ti­on der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten für eine außer­ge­richt­li­che Strei­ter­le­di­gung dadurch för­dern, dass die Ter­mins­ge­bühr auch dann anfällt, wenn der Rechts­an­walt nach Ertei­lung des Kla­ge­auf­trags an einer auf die Ver­mei­dung eines noch nicht anhän­gi­gen oder die Erle­di­gung eines bereits anhän­gi­gen Ver­fah­rens gerich­te­ten Bespre­chung mit­wirkt 1.

Für die Ent­ste­hung die­ser Vari­an­te der Ter­mins­ge­bühr muss das geführ­te Gespräch zwar nicht auf eine Eini­gung, aber auf eine Ver­mei­dung oder Erle­di­gung des Ver­fah­rens gerich­tet sein. Hier­für genügt es, dass die­se Ziel­rich­tung zunächst nur von einem Gesprächs­teil­neh­mer ver­folgt wird und die Gegen­sei­te zumin­dest grund­sätz­li­che Bereit­schaft zu einem Ver­mei­dungs- oder Erle­di­gungs­ge­spräch zeigt oder sich die­se Ziel­rich­tung wäh­rend eines Gesprä­ches erst ent­wi­ckelt. Ein all­ge­mei­nes Gespräch über die grund­sätz­li­che Bereit­schaft oder abs­trak­te Mög­lich­keit einer außer­ge­richt­li­chen Erle­di­gung, ein Infor­ma­ti­ons­ge­spräch oder ein Gespräch zu rei­nen Ver­fah­rens­fra­gen ist indes nicht aus­rei­chend 2. Hat hier­nach ein Ver­mei­dungs- oder Erle­di­gungs­ge­spräch statt­ge­fun­den, ist es für das Ent­ste­hen der Ter­mins­ge­bühr uner­heb­lich, ob das Ver­fah­ren tat­säch­lich ver­mie­den oder erle­digt wor­den ist 3. Denn dass der Gesetz­ge­ber nur erfolg­rei­che außer­ge­richt­li­che Ver­hand­lun­gen der Par­tei­en hono­rie­ren woll­te, kann dem Wort­laut und der Ent­ste­hungs­ge­schich­te der Vor­schrift nicht ent­nom­men wer­den 4.

Dass das tat­säch­li­che Vor­lie­gen die­ser Vor­aus­set­zun­gen zwi­schen den Betei­lig­ten strei­tig ist, hin­dert die Fest­set­zung der Ter­mins­ge­bühr im Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren nicht. Aus­rei­chend ist inso­weit gemäß § 173 Satz 1 VwGO i.V.m. § 104 Abs. 2 Satz 1 ZPO die Glaub­haft­ma­chung der tat­säch­li­chen Vor­aus­set­zun­gen 5.

Nach den anwalt­lich ver­si­cher­ten Dar­stel­lun­gen im klä­ge­ri­schen Schrift­satz vom 24.06.2010 fan­den im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren unter ande­rem am 11.02.2009 und am 27.03.2009 Tele­fo­na­te zwi­schen den Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten statt, in denen die­se erör­tert haben, wie dem Begeh­ren der Klä­ge­rin, für 2009 vom Beklag­ten nicht mit einer Bei­trags­pflicht belas­tet zu wer­den, ent­spro­chen wer­den kön­ne. "Dabei wur­de sowohl über eine mög­li­che Sat­zungs­än­de­rung des Beklag­ten als auch über die Mög­lich­keit, (zunächst) eine Bei­trags­re­du­zie­rung auf 0, 00 € zu errei­chen, gespro­chen. Die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten bei­der Sei­ten waren sich dar­in einig, dass ggf. z.B. nach einer ent­spre­chen­den Sat­zungs­än­de­rung des Beklag­ten das Ver­fah­ren in der Haupt­sa­che für erle­digt erklärt wer­den kann." Aus die­sem Vor­brin­gen ergibt sich, dass die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Betei­lig­ten kon­kre­te Mög­lich­kei­ten einer Erle­di­gung des bereits lau­fen­den gericht­li­chen Ver­fah­rens fern­münd­lich erör­tert haben.

Der Beklag­te stellt nicht in Abre­de, dass die­se fern­münd­li­chen Erör­te­run­gen mit dem dar­ge­stell­ten Inhalt statt­ge­fun­den haben. Er wen­det ledig­lich ein, der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Klä­ge­rin habe die Tele­fon­ge­sprä­che auf­ge­drängt. Sie sei­en in der Sache nicht hilf­reich, son­dern nur zeit­rau­bend gewe­sen. Der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Beklag­ten habe die­se nur aus kol­le­gia­ler Höf­lich­keit geführt. Der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Klä­ge­rin habe zur Erle­di­gung auch kei­nen Bei­trag geleis­tet. Die von ihm gege­be­nen Hin­wei­se und Bera­tun­gen zur Bei­trags­re­du­zie­rung oder Sat­zungs­än­de­rung habe der Beklag­te nicht gewünscht. Die Erle­di­gung sei letzt­lich nur durch die vom Beklag­ten vor­ge­nom­me­ne Sat­zungs­än­de­rung, an der die Klä­ge­rin und ihr Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter nicht mit­ge­wirkt hät­ten, her­bei­ge­führt wor­den.

Die­se Ein­wän­de stel­len das Vor­lie­gen der für das Ent­ste­hen der Ter­mins­ge­bühr maß­geb­li­chen und von der Klä­ge­rin glaub­haft gemach­ten tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen nicht in Fra­ge. Die Moti­va­ti­on des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Beklag­ten, sich auf ein fern­münd­li­ches Erle­di­gungs­ge­spräch ein­zu­las­sen, ist grund­sätz­lich uner­heb­lich. Dass er ein sol­ches gene­rell nicht füh­ren woll­te, ergibt sich aus sei­nem Vor­brin­gen nicht. Hier­für bestehen auch ange­sichts der mehr­fach geführ­ten Gesprä­che und des unstrei­ti­gen Gesprächs­in­halts kei­ne Anhalts­punk­te. Wenn der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te hier­aus einen fak­ti­schen Zwang zur Füh­rung von Erle­di­gungs­ge­sprä­chen ablei­tet, dem nur durch die Nicht­an­nah­me des Gesprächs begeg­net wer­den kön­ne, geht er fehl. Soll ein (auf­ge­dräng­tes) Erle­di­gungs­ge­spräch und der dar­an anknüp­fen­de Anfall der Ter­mins­ge­bühr ver­mie­den wer­den, muss der ange­spro­che­ne Betei­lig­te oder des­sen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter sei­ne feh­len­de Bereit­schaft, ein sol­ches auf die Erle­di­gung gerich­te­tes Gespräch zu füh­ren, äußern. Hier­durch bleibt die Mög­lich­keit, Tat­sa­chen, Rechts- und Ver­fah­rens­fra­gen außer­ge­richt­lich zu erör­tern, ohne die Ter­mins­ge­bühr aus­zu­lö­sen, erhal­ten. Schließ­lich ist uner­heb­lich, dass die fern­münd­li­chen Erör­te­run­gen letzt­lich nicht zu einer Erle­di­gung geführt haben, son­dern die­se allein auf die Sat­zungs­än­de­rung des Beklag­ten zurück­zu­füh­ren ist

Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 24. Janu­ar 2011 – 8 OA 2/​11

  1. vgl. Ent­wurf eines Geset­zes zur Moder­ni­sie­rung des Kos­ten­rechts (Kos­ten­rechts­mo­der­ni­sie­rungs­ge­setz – KostRMoG), BT-Drs. 15/​1971, S. 148 und 209; BGH, Urteil vom 1.07.2010 – IX ZR 198/​09 7; BGH, Urteil vom 8.02.2007 – IX ZR 215/​05, NJW-RR 2007, 720[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 27.02.2007 – XI ZB 38/​05, NJW 2007, 2858 f.; BGH, Beschluss vom 20.11.2006 – II ZB 9/​06, NJW-RR 2007, 286, 287; OVG Nord­rhein-West­fa­len, Beschluss vom 8.07.2009 – 18 E 1013/​08, NJW 2009, 2840; Gerold/​Schmidt, RVG, 19. Aufl., VV RVG Vorb 3 Rn. 109, 113 ff. m.w.N.[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 1.07.2010, a.a.O.; BGH, Beschluss vom 20.11.2006, a.a.O.; BayVGH, Beschluss vom 14.07.2010 – 2 M 08.1906 6; Gerold/​Schmidt, a.a.O., Rn. 108 jeweils m.w.N.[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 27.02.2007, a.a.O.[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 10.05.2007 – VII ZB 110/​06, NJW 2007, 2859; BGH, Beschluss vom 27.02.2007, a.a.O.; OVG NRW, Beschluss vom 29.01.2008 – 12 E 1029/​07 1[]