Uni­ons­recht­li­ches Auf­ent­halts­recht des dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen Eltern­teils

Das uni­ons­recht­li­che Auf­ent­halts­recht des dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen Eltern­teils eines min­der­jäh­ri­gen Deut­schen aus Art. 20 AEUV setzt nicht vor­aus, dass der Sach­ver­halt einen Bezug zu einem ande­ren Mit­glied­staat der EU als Deutsch­land auf­weist. Ins­be­son­de­re ist nicht erfor­der­lich, dass das deut­sche Kind Deutsch­land jemals in Rich­tung eines ande­ren EU-Staa­tes ver­las­sen hat oder dies kon­kret beab­sich­tigt.

Uni­ons­recht­li­ches Auf­ent­halts­recht des dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen Eltern­teils

Das uni­ons­recht­li­che Auf­ent­halts­recht des dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen Eltern­teils eines min­der­jäh­ri­gen Deut­schen aus Art. 20 AEUV gilt nicht schran­ken­los, son­dern kann – ins­be­son­de­re aus Grün­den der öffent­li­chen Sicher­heit – unter Beach­tung des Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grund­sat­zes ein­ge­schränkt wer­den. Der erhöh­te Aus­wei­sungs­schutz aus Art. 28 Abs. 2 der Richt­li­nie 2004/​38/​EG fin­det inso­weit kei­ne (ana­lo­ge) Anwen­dung.

Zwar hat der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on in sei­nem Zam­bra­no-Urteil 1 ent­schie­den, dass Art. 20 AEUV es einem Mit­glied­staat ver­wehrt, einem Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen, der sei­nen min­der­jäh­ri­gen Kin­dern, die Uni­ons­bür­ger sind, Unter­halt gewährt, den Auf­ent­halt im Wohn­sitz­mit­glied­staat der Kin­der, des­sen Staats­an­ge­hö­rig­keit sie besit­zen, zu ver­wei­gern. Im hier ent­schie­de­nen Fall ist das Ver­wal­tungs­ge­richt Olden­burg auch der Ansicht, dass der Antrag­stel­ler sich grund­sätz­lich auf die­se Recht­spre­chung beru­fen kann, unge­ach­tet des Umstan­des, dass der Sach­ver­halt kei­nen Bezug zu einem ande­ren Mit­glieds­staat der Euro­päi­schen Uni­on als Deutsch­land auf­weist. Denn der Euro­päi­sche Gerichts­hof ver­langt in der Zam­bra­no-Ent­schei­dung für die Anwend­bar­keit des Art. 20 AEUV gera­de nicht, dass der Uni­ons­bür­ger, von dem der Dritt­staats­an­ge­hö­ri­ge ein Auf­ent­halts­recht ablei­ten will, den Staat sei­ner Staats­an­ge­hö­rig­keit jemals ver­las­sen hat oder dies kon­kret beab­sich­tigt. Ent­spre­chen­de Ein­wän­de der Kom­mis­si­on und eini­ger Mit­glied­staa­ten hat er nicht auf­ge­nom­men 2.

Das uni­ons­recht­li­che Auf­ent­halts­recht aus Art. 20 AEUV gilt aber nicht schran­ken­los 3. Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on selbst hat in dem über­aus knap­pen Zam­bra­no-Urteil zwar kei­ner­lei Aus­füh­run­gen zu die­sen Schran­ken gemacht. Den Schluss­an­trä­gen der Gene­ral­an­wäl­tin vom 30. Sep­tem­ber 2010 kann jedoch ent­nom­men wer­den, dass das Auf­ent­halts­recht aus Art. 20 AEUV unter Beach­tung des Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grund­sat­zes ein­ge­schränkt wer­den kann, ins­be­son­de­re aus Grün­den der öffent­li­chen Sicher­heit. Die Gene­ral­an­wäl­tin betont mehr­fach, dass der Klä­ger des vom Euro­päi­schen Gerichts­hofs zu ent­schei­den­den Ver­fah­rens nicht vor­be­straft war und kei­ne Gefahr für die öffent­li­che Sicher­heit in Bel­gi­en dar­stell­te. Dage­gen hat der Antrag­stel­ler des vor­lie­gen­den Ver­fah­rens eine äußerst schwer­wie­gen­de Straf­tat began­gen und auch durch sein seit­he­ri­ges Ver­hal­ten (ille­ga­le Wie­der­ein­rei­se) gezeigt, dass er nicht gewillt ist, die deut­sche Rechts­ord­nung zu akzep­tie­ren. Aus den oben im Rah­men von § 25 Abs. 5 Auf­en­thG dar­ge­stell­ten Grün­den ist es daher nicht unver­hält­nis­mä­ßig, sein Recht aus Art. 20 AEUV auf Auf­ent­halt im Bun­des­ge­biet für einen über­schau­ba­ren wei­te­ren Zeit­raum ein­zu­schrän­ken. Der Antrag­stel­ler kann ins­be­son­de­re nicht ver­lan­gen, dass die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit der Auf­ent­halts­be­en­di­gung am erhöh­ten Maß­stab von Art. 28 Abs. 2 der Richt­li­nie 2004/​38/​EG gemes­sen wird 4. Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat im Zam­bra­no-Urteil 5 aus­drück­lich klar­ge­stellt, dass die­se Richt­li­nie – anders als Art. 20 AEUV – in einem Fall wie dem vor­lie­gen­den, in dem der Uni­ons­bür­ger sich aus­schließ­lich im Land sei­ner Staats­an­ge­hö­rig­keit auf­hält, nicht zur Anwen­dung kommt.

Ver­wal­tungs­ge­richt Olden­burg, Beschluss vom 31. Mai 2011 – 11 B 1163/​11

  1. EuGH, Urteil vom 08.03.2011 – C‑34/​09 [Zam­bra­no], NVwZ 2011, 545 ff.[]
  2. vgl. zu die­ser Fra­ge aus­führ­lich die Schluss­an­trä­ge der Gene­ral­an­wäl­tin vom 30.09.2010, Zoff. 69 – 101; a.A. wohl OVG NRW, Beschluss vom 29.04.2011 – 18 B 377/​11[]
  3. so im Ergeb­nis auch VGH Bad.-Württ., Urteil vom 04.05.2011 – 11 S 207/​11; vgl. auch EuGH, Urteil vom 02.03.2010 – G 135/​08, Inf. Aus­lR 2010, 185[]
  4. offen gelas­sen von VGH Bad.-Württ., aaO.[]
  5. EuGH, aaO., Ziff. 39[]