Ver­dachts­fäl­le im Ver­fas­sungs­schutz­be­richt

Im Ver­fas­sungs­schutz­be­richt des Bun­des darf kei­ne Bericht­erstat­tung über blo­ße Ver­dachts­fäl­le erfol­gen. Das Bun­des­ver­fas­sungs­schutz­ge­setz ermäch­tigt das Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Innern nicht, in sei­nen Ver­fas­sungs­schutz­be­richt auch sol­che Ver­ei­ni­gun­gen auf­zu­neh­men, bei denen zwar tat­säch­li­che Anhalts­punk­te für Bestre­bun­gen gegen die frei­heit­li­che demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung vor­lie­gen, sol­che Bestre­bun­gen aber noch nicht sicher fest­ge­stellt wer­den kön­nen (soge­nann­te Ver­dachts­fäl­le).

Ver­dachts­fäl­le im Ver­fas­sungs­schutz­be­richt

Die­ser Ent­schei­dung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts lag der Fall der "Bür­ger­be­we­gung pro Köln" zugrun­de: Der Klä­ger, die Bür­ger­be­we­gung pro Köln, betei­ligt sich in der Stadt Köln an Kom­mu­nal­wah­len. Seit 2004 ist er mit einer Frak­ti­on im Rat der Stadt Köln ver­tre­ten.

Das beklag­te Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Innern erwähn­te "pro Köln" in den von ihm her­aus­ge­ge­be­nen und auch im Inter­net ver­öf­fent­lich­ten Ver­fas­sungs­schutz­be­rich­ten der Jah­re 2008, 2009 und 2010 im Kapi­tel „Rechts­ex­tre­mis­ti­sche Bestre­bun­gen und Ver­dachts­fäl­le" bzw. „Rechts­ex­tre­mis­mus“. Unter Über­schrif­ten wie „Wahl­kampf­the­ma Isla­mi­sie­rung Euro­pas“ oder „Euro­pa­wei­te Anti-Isla­mi­sie­rungs­kam­pa­gne“ wird über das Bünd­nis „Städ­te gegen Isla­mi­sie­rung“ und im Zusam­men­hang damit über von "pro Köln" orga­ni­sier­te Kon­gres­se gegen den Bau von Mosche­en und gegen „isla­mi­sche Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten“ („Anti-Isla­mi­sie­rungs-Kon­gress“, „Anti-Mina­rett-Kon­gress“) berich­tet. Hier­bei ist teil­wei­se ver­merkt, dass "pro Köln" auf­grund tat­säch­li­cher Anhalts­punk­te für rechts­ex­tre­mis­ti­sche Bestre­bun­gen unter Beob­ach­tung des Ver­fas­sungs­schut­zes ste­he. Den ein­schlä­gi­gen Pas­sa­gen ist jeweils die fett­ge­druck­te Rand­be­mer­kung „Bür­ger­be­we­gung pro Köln e.V. (Ver­dachts­fall)“ bei­gefügt.

Die "Bür­ger­be­we­gung pro Köln" hat gegen ihre Auf­nah­me in die Ver­fas­sungs­schutz­be­rich­te Kla­ge erho­ben mit den Anträ­gen, das beklag­te Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Innern zu ver­ur­tei­len, die wei­te­re Ver­brei­tung der Ver­fas­sungs­schutz­be­rich­te 2008, 2009 und 2010 zu unter­las­sen, wenn nicht zuvor die Pas­sa­gen über "pro Köln" ent­fernt oder unle­ser­lich gemacht wer­den sowie im nächs­ten Ver­fas­sungs­schutz­be­richt rich­tig zu stel­len, dass die Berich­te über ihn rechts­wid­rig gewe­sen sind.

Mit die­ser Kla­ge ist "pro Köln" in den Vor­in­stan­zen vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin 1 und dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg 2 ohne Erfolg geblie­ben. Auf die Revi­si­on von "pro Köln" hat nun jedoch das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt der Kla­ge statt­ge­ge­ben:

Das Bun­des­ver­fas­sungs­schutz­ge­setz lässt eine Bericht­erstat­tung über den blo­ßen Ver­dacht ver­fas­sungs­feind­li­cher Bestre­bun­gen nicht zu, ent­schied das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt.

Wie das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt bereits ent­schie­den hat, bestehen grund­sätz­lich kei­ne ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken dage­gen, dass das Vor­lie­gen tat­säch­li­cher Anhalts­punk­te für den Ver­dacht ver­fas­sungs­feind­li­cher Bestre­bun­gen für die Auf­nah­me in den Ver­fas­sungs­schutz­be­richt aus­reicht. Vor­aus­ge­setzt ist aller­dings, dass der Gesetz­ge­ber die zustän­di­ge Stel­le zu einer Bericht­erstat­tung über blo­ße Ver­dachts­fäl­le ermäch­tigt hat und dass die tat­säch­li­chen Anhalts­punk­te für ver­fas­sungs­feind­li­che Bestre­bun­gen hin­rei­chend gewich­tig sind, um die Ver­öf­fent­li­chung in Ver­fas­sungs­schutz­be­rich­ten auch ange­sichts der nach­tei­li­gen Aus­wir­kun­gen auf die Betrof­fe­nen zu recht­fer­ti­gen.

Der ein­schlä­gi­gen Bestim­mung des Bun­des­ver­fas­sungs­schutz­ge­set­zes über den Ver­fas­sungs­schutz­be­richt lässt sich bereits nicht mit aus­rei­chen­der Bestimmt­heit ent­neh­men, dass das Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Innern ermäch­tigt sein soll, über die Fäl­le hin­aus, in denen Gewiss­heit über ver­fas­sungs­feind­li­che Bestre­bun­gen besteht, auch über sol­che Fäl­le zu berich­ten, in denen tat­säch­li­che Anhalts­punk­te erst einen Ver­dacht sol­cher Bestre­bun­gen erge­ben. In die­sen Fäl­len darf der Ver­fas­sungs­schutz die Ver­ei­ni­gung zwar wei­ter beob­ach­ten und Infor­ma­tio­nen über sie sam­meln, ihre Auf­nah­me in den Bericht ist aber noch nicht zuläs­sig.

Weil die Kla­ge bereits wegen des Feh­lens einer aus­rei­chen­den Rechts­grund­la­ge für eine Ver­dachts­be­richt­erstat­tung begrün­det war, brauch­te das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt nicht zu ent­schei­den, ob hier über­haupt tat­säch­li­che Anhalts­punk­te für ver­fas­sungs­feind­li­che Bestre­bun­gen des Klä­gers vor­la­gen und ob die­se gege­be­nen­falls das hin­rei­chen­de Gewicht gehabt hät­ten, um eine Auf­nah­me des Klä­gers in den Ver­fas­sungs­schutz­be­richt zu recht­fer­ti­gen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 26. Juni 2013 – 6 C 4.12

  1. VG Ber­lin, Urteil vom 17.09.2010 – 1 K 296.09[]
  2. OVG Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 23.11.2011 – 1 B 111.10[]