Das Boot und die wei­te­re Ver­gü­tung des Kame­ra­man­nes

Der Kame­ra­mann eines Films kann von der Pro­duk­ti­ons­ge­sell­schaft eines Films nach § 32a Abs. 2 Satz 1 UrhG eine wei­te­re ange­mes­se­ne Betei­li­gung bean­spru­chen, wenn die Ver­gü­tung, die er mit der Pro­duk­ti­ons­ge­sell­schaft ver­ein­bart hat, in einem auf­fäl­li­gen Miss­ver­hält­nis zu den Vor­tei­len steht, die die Beklag­ten mit der Aus­strah­lung des Films erzielt haben.

Das Boot und die wei­te­re Ver­gü­tung des Kame­ra­man­nes

So hat der Bun­des­ge­richts­hof in dem hier vor­lie­gen­den Fall des Kame­ra­man­nes von „Das Boot“ ent­schie­den und wegen Berech­nungs­feh­lern das Beru­fungs­ur­teil auf­ge­ho­ben und die Sache zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Beru­fungs­ge­richt zurück­ver­wie­sen. Mit der vom Beru­fungs­ge­richt gege­be­nen Begrün­dung kann dem Klä­ger ein Anspruch auf Zah­lung einer wei­te­ren ange­mes­se­nen Betei­li­gung nicht zuer­kannt wer­den.

Geklagt hat­te der Chef­ka­me­ra­mann des in den Jah­ren 1980/​1981 her­ge­stell­ten Film­werks „Das Boot“. Für sei­ne Mit­wir­kung an der Pro­duk­ti­on des Films erhielt er von der Pro­duk­ti­ons­ge­sell­schaft eine Pau­schal­ver­gü­tung in Höhe von 204.000 DM (104.303,54 Euro). Der Film wur­de natio­nal und inter­na­tio­nal im Kino, im Fern­se­hen sowie auf Video­kas­set­te und DVD aus­ge­wer­tet.

Die Beklag­ten sind öffent­lich-recht­li­che Rund­funk­an­stal­ten, die zusam­men mit dem in einem geson­der­ten Rechts­streit in Anspruch genom­me­nen West­deut­schen Rund­funk (WDR) in der Arbeits­ge­mein­schaft der öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk­an­stal­ten in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land (ARD) zusam­men­ge­schlos­sen sind. Im vor­lie­gen­den Rechts­streit nimmt der Klä­ger die Beklag­ten wegen der Aus­strah­lun­gen des Films im Pro­gramm „Das Ers­te“ der ARD, in von den Beklag­ten ver­ant­wor­te­ten Drit­ten Pro­gram­men und Digi­tal­sen­dern und dem Sen­der 3Sat auf Zah­lung einer wei­te­ren ange­mes­se­nen Betei­li­gung gemäß § 32a Abs. 2 Satz 1 UrhG in Anspruch. Für Aus­strah­lun­gen des Films in der Zeit vom 29. März 2002 bis zum 12. März 2016 bean­sprucht er eine Nach­ver­gü­tung in Höhe von min­des­tens 521.446,96 Euro. Für Aus­strah­lun­gen ab dem 13. März 2016 ver­langt er die Fest­stel­lung der Zah­lungs­ver­pflich­tung der Beklag­ten.

Das Land­ge­richt Stutt­gart [1] hat der Zah­lungs­kla­ge in Höhe von 77.333,79 Euro und dem Fest­stel­lungs­an­trag teil­wei­se statt­ge­ge­ben. Auf die Beru­fun­gen der Par­tei­en hat das Beru­fungs­ge­richt dem Klä­ger für den Zeit­raum vom 29. März 2002 bis zum 12. März 2016 eine wei­te­re ange­mes­se­ne Betei­li­gung in Höhe von 315.018,29 Euro zuge­spro­chen und fest­ge­stellt, dass ihm auch ab dem 13. März 2016 eine wei­te­re ange­mes­se­ne Betei­li­gung zusteht [2]. Mit den vom Beru­fungs­ge­richt zuge­las­se­nen Revi­sio­nen ver­folgt der Klä­ger sein wei­ter­ge­hen­des Kla­ge­be­geh­ren wei­ter und erstre­ben die Beklag­ten die voll­stän­di­ge Abwei­sung der Kla­ge.

In sei­ner Urteils­be­grün­dung hat der Bun­des­ge­richts­hof aus­ge­führt, dass der Kame­ra­mann als Mit­ur­he­ber des Films der Pro­duk­ti­ons­ge­sell­schaft das Recht zur Nut­zung sei­ner urhe­ber­recht­lich geschütz­ten Leis­tun­gen ein­ge­räumt hat. Die Beklag­ten lei­ten das Recht zur Aus­strah­lung des Films von der Pro­duk­ti­ons­ge­sell­schaft her. Der Klä­ger kann von den Beklag­ten daher nach § 32a Abs. 2 Satz 1 UrhG eine wei­te­re ange­mes­se­ne Betei­li­gung bean­spru­chen, wenn die Ver­gü­tung, die er mit der Pro­duk­ti­ons­ge­sell­schaft ver­ein­bart hat, in einem auf­fäl­li­gen Miss­ver­hält­nis zu den Vor­tei­len steht, die die Beklag­ten mit der Aus­strah­lung des Films erzielt haben. Ein auf­fäl­li­ges Miss­ver­hält­nis liegt jeden­falls vor, wenn die ver­ein­bar­te Ver­gü­tung nur die Hälf­te der ange­mes­se­nen Ver­gü­tung beträgt, also der Ver­gü­tung, die mit Rück­sicht auf die Höhe der erziel­ten Vor­tei­le übli­cher- und red­li­cher­wei­se zu leis­ten ist.

Das Beru­fungs­ge­richt hat sei­ner Prü­fung, ob im Streit­fall ein sol­ches auf­fäl­li­ges Miss­ver­hält­nis besteht, die ver­ein­bar­te Pau­schal­ver­gü­tung in vol­ler Höhe zugrun­de gelegt. Nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs hat das Beru­fungs­ge­richt dabei nicht berück­sich­tigt, dass die Par­tei­en im vor­lie­gen­den Fall allein über eine wei­te­re ange­mes­se­ne Ver­gü­tung des Klä­gers für die Aus­strah­lung des Films im Fern­se­hen durch die Beklag­ten strei­ten und der Prü­fung daher allein der – zu schät­zen­de – Teil der ver­ein­bar­ten Pau­schal­ver­gü­tung zugrun­de zu legen ist, der auf die Ein­räu­mung des Rechts zu die­ser Fern­seh­aus­strah­lung ent­fällt.

Das Beru­fungs­ge­richt hat fer­ner die von den Beklag­ten mit der Nut­zung der urhe­ber­recht­lich geschütz­ten Leis­tung des Klä­gers erziel­ten Vor­tei­le unter Her­an­zie­hung der Ver­gü­tun­gen bestimmt, die der West­deut­sche Rund­funk, der Süd­west­rund­funk und der Nord­deut­sche Rund­funk auf­grund von Tarif­ver­trä­gen den auf Pro­duk­ti­ons­dau­er beschäf­tig­ten Fern­seh­schaf­fen­den für die erneu­te Aus­strah­lung von Eigen­pro­duk­tio­nen im Fern­se­hen zu zah­len haben. Danach ist für Wie­der­ho­lungs­sen­dun­gen eine Wie­der­ho­lungs­ver­gü­tung in Höhe eines bestimm­ten Pro­zent­sat­zes der für die Erst­aus­strah­lung des Films ver­ein­bar­ten Erst­ver­gü­tung zu zah­len. Der Bun­des­ge­richts­hof hat die­se Bemes­sung der Vor­tei­le durch das Beru­fungs­ge­richt gebil­ligt. Den Gerich­ten ist für die im Wege der Schät­zung zu ermit­teln­de Höhe des Vor­teils nach § 287 Abs. 2 ZPO ein wei­tes Ermes­sen ein­ge­räumt. In der Revi­si­ons­in­stanz ist eine sol­che Schät­zung nur ein­ge­schränkt dar­auf über­prüf­bar, ob das Beru­fungs­ge­richt bei sei­ner Ent­schei­dung von zutref­fen­den recht­li­chen Maß­stä­ben aus­ge­gan­gen ist und sämt­li­che für die Beur­tei­lung bedeut­sa­men Tat­sa­chen berück­sich­tigt hat.

Danach ist die vom Beru­fungs­ge­richt vor­ge­nom­me­ne Schät­zung des Vor­teils grund­sätz­lich nicht zu bean­stan­den. Der Vor­teil, den eine öffent­lich-recht­li­che Rund­funk­an­stalt durch die Aus­strah­lung eines Film­werks in ihrem – weit­ge­hend gebüh­ren­fi­nan­zier­ten – Pro­gramm erlangt, kann in der Erspar­nis von Auf­wen­dun­gen für die Erstel­lung eines Pro­gramms gese­hen wer­den, das den Sen­de­platz des Film­werks hät­te fül­len kön­nen. Die von den Beklag­ten durch die Nut­zung der urhe­ber­recht­lich geschütz­ten Leis­tung des Klä­gers erspar­ten Auf­wen­dun­gen kön­nen unter Her­an­zie­hung der Wie­der­ho­lungs­ver­gü­tun­gen geschätzt wer­den, die nach den Tarif­ver­trä­gen auf Pro­duk­ti­ons­dau­er beschäf­tig­ten Fern­seh­schaf­fen­den für die wie­der­hol­te Aus­strah­lung eines Films an der Stel­le des hier in Rede ste­hen­den Films zu zah­len gewe­sen wären.

Nicht fol­ge­rich­tig ist es nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs aller­dings, dass das Beru­fungs­ge­richt sei­ner Berech­nung der Wie­der­ho­lungs­ver­gü­tung die mit dem Klä­ger ver­ein­bar­te Pau­schal­ver­gü­tung in vol­ler Höhe zugrun­de gelegt hat. Da es im Streit­fall allein um die Ermitt­lung der von den Beklag­ten mit der Aus­strah­lung des Films im Fern­se­hen erziel­ten Vor­tei­le geht, ist auch der Berech­nung der Wie­der­ho­lungs­ver­gü­tung nur der – zu schät­zen­de – Teil der Pau­schal­ver­gü­tung zugrun­de zu legen, der auf die Ein­räu­mung des Rechts zur Fern­seh­aus­strah­lung an die Beklag­ten ent­fällt. Dar­über hin­aus hat das Beru­fungs­ge­richt nicht berück­sich­tigt, dass die ver­ein­bar­te Pau­schal­ver­gü­tung nicht nur die Erst­ver­wer­tung, son­dern auch alle wei­te­ren Ver­wer­tun­gen des Films abgel­ten soll­te. Der Berech­nung der Wie­der­ho­lungs­ver­gü­tung ist indes­sen allein der auf die Erst­aus­strah­lung des Films ent­fal­len­de Teil der ver­ein­bar­ten Ver­gü­tung zugrun­de zu legen. Die­se Erst­ver­gü­tung ist im Wege der Schät­zung zu ermit­teln.

Das Beru­fungs­ge­richt hat schließ­lich im Aus­gangs­punkt zutref­fend ange­nom­men, dass die ange­mes­se­ne Ver­gü­tung des Klä­gers gleich­falls in Anleh­nung an die nach den Tarif­ver­trä­gen zu zah­len­de Wie­der­ho­lungs­ver­gü­tung ermit­telt wer­den kann und im Streit­fall damit den Vor­tei­len ent­spricht, die die Beklag­ten aus der Nut­zung der urhe­ber­recht­lich geschütz­ten Leis­tun­gen des Klä­gers gezo­gen haben. Dass das Beru­fungs­ge­richt sei­ner Schät­zung der ange­mes­se­nen Ver­gü­tung nach die­sem Modell die ver­ein­bar­te Pau­schal­ver­gü­tung in vol­ler Höhe zu Grun­de gelegt hat, hält einer Nach­prü­fung jedoch aus den bereits genann­ten Grün­den nicht stand.

Der Annah­me des Beru­fungs­ge­richts, es lie­ge ein auf­fäl­li­ges Miss­ver­hält­nis vor, fehlt es auf­grund der Berech­nungs­feh­ler bei der Prü­fung des vom Klä­ger erho­be­nen Anspruchs an jeder Grund­la­ge. Das Beru­fungs­ge­richt wird daher im wie­der­eröff­ne­ten Beru­fungs­ver­fah­ren erneut zu prü­fen haben, ob der auf die Ein­räu­mung der Rech­te zur Fern­seh­aus­strah­lung durch die Beklag­ten ent­fal­len­de Teil der ver­ein­bar­ten Pau­schal­ver­gü­tung in einem auf­fäl­li­gen Miss­ver­hält­nis zu den von den Beklag­ten mit der Nut­zung der urhe­ber­recht­lich geschütz­ten Leis­tung des Klä­gers erziel­ten Vor­tei­len steht und der Klä­ger von den Beklag­ten daher eine wei­te­re ange­mes­se­ne Betei­li­gung bean­spru­chen kann.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 20. Febru­ar 2020 – I ZR 176/​18 – Das Boot II

  1. LG G Stutt­gart, Urteil vom 28.11.2017 – 17 O 127/​11[]
  2. OLG Stutt­gart, Urteil vom 26.09.2018 – 4 U 2/​18[]