Der Flucht­ver­such aus der DDR – und das Urhe­ber­recht am Film

Das Leis­tungs­schutz­recht aus § 72 Abs. 1 UrhG an ein­zel­nen Film­bil­dern umfasst auch das Recht zur Ver­wer­tung der Ein­zel­bil­der in Form eines Films.

Der Flucht­ver­such aus der DDR – und das Urhe­ber­recht am Film

In dem jetzt vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Rechts­streit ging es um einen Film mit Sze­nen einer Flucht aus der DDR. Der Kame­ra­mann Her­bert Ernst hat­te am 17. August 1962 das Ster­ben und den Abtrans­port des Peter Fech­ter, der bei sei­nem Flucht­ver­such aus der dama­li­gen DDR von Sol­da­ten der Natio­na­len Volks­ar­mee an der Ost­ber­li­ner Sei­te der Ber­li­ner Mau­er nahe des soge­nann­ten Check­point Char­lie ange­schos­sen wor­den war, von der West­ber­li­ner Sei­te der Ber­li­ner Mau­er aus gefilmt.

Die Klä­ger behaup­ten, Her­bert Ernst habe ihnen die urhe­ber­recht­li­chen Nut­zungs­rech­te an die­ser Film­auf­nah­me ein­ge­räumt; die beklag­te Rund­funk­an­stalt habe die­se Auf­nah­me ohne ihre Zustim­mung unter ande­rem am 13. August 2010 in der Ber­li­ner Abend­schau gesen­det. Sie haben die Beklag­te des­halb mit Schrei­ben vom 31. August 2010 abge­mahnt und sodann Kla­ge auf Unter­las­sung und Wert­er­satz erho­ben.

Das erst­in­stanz­lich mit dem Rechts­streit befass­te Land­ge­richt Ber­lin wies die Kla­ge ab [1], das Ber­li­ner Kam­mer­ge­richt wies die gegen das kla­ge­ab­wei­sen­de Urteil gerich­te­te Beru­fung der Klä­ger zurück [2]. Die von den Klä­gern gel­tend gemach­ten Ansprü­che sei­en, so das Kam­mer­ge­richt, jeden­falls ver­wirkt, nach­dem Her­bert Ernst über 48 Jah­re kei­ne Ansprü­che gel­tend gemacht habe, obwohl Film­auf­nah­men vom Tod des Peter Fech­ter wie­der­holt gesen­det wor­den sei­en.

Auf die Revi­si­on der Klä­ger hat der Bun­des­ge­richts­hof nun das Beru­fungs­ur­teil des Kam­mer­ge­richts teil­wei­se auf­ge­ho­ben und die Sache inso­weit zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Beru­fungs­ge­richt zurück­ver­wie­sen:

Der von den Klä­gern gel­tend gemach­te Unter­las­sungs­an­spruch wegen Aus­strah­lung des Films am 13. August 2010 kann – so der Bun­des­ge­richts­hof – nicht wegen Ver­wir­kung abge­wie­sen wer­den. Dem steht ent­ge­gen, dass mit einer Ver­wir­kung von Ansprü­chen wegen began­ge­ner Rechts­ver­let­zun­gen kein Frei­brief für künf­ti­ge Rechts­ver­let­zun­gen ver­bun­den ist. Gegen­über dem Anspruch auf Fest­stel­lung der Wert­er­satz­pflicht für unbe­rech­tig­te Nut­zun­gen der Film­auf­nah­men kann die Beklag­te sich dage­gen – so der BGH wei­ter – zwar grund­sätz­lich mit Erfolg auf Ver­wir­kung beru­fen; denn sie durf­te im Blick auf die jahr­zehn­te­lan­ge unbe­an­stan­de­te Nut­zung der Auf­nah­men dar­auf ver­trau­en, nicht im Nach­hin­ein auf Wert­er­satz in Anspruch genom­men zu wer­den. Da die Ver­wir­kung aber nicht zu einer Abkür­zung der (kur­zen) Ver­jäh­rungs­frist von drei Jah­ren füh­ren darf, sind ledig­lich bis zum 31. Dezem­ber 2007 ent­stan­de­ne Ansprü­che ver­wirkt, deren Ver­jäh­rung durch die Kla­ge­er­he­bung im Jahr 2011 nicht mehr gehemmt wer­den konn­te.

Ansprü­che der Klä­ger auf Unter­las­sung und auf Wert­er­satz wegen Nut­zun­gen seit dem 1. Janu­ar 2008 schei­tern nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs auch nicht dar­an, dass die Film­auf­nah­me nicht als Film­werk und die Film­ein­zel­bil­der nicht als Licht­bild­wer­ke geschützt sind, weil es sich dabei ledig­lich um doku­men­tie­ren­de Auf­nah­men und nicht um per­sön­li­che geis­ti­ge Schöp­fun­gen han­delt. Denn an den ein­zel­nen Film­bil­dern besteht jeden­falls ein Leis­tungs­schutz­recht aus § 72 Abs. 1 UrhG und die­ses umfasst – wie der Bun­des­ge­richts­hof nun­mehr ent­schie­den hat – das Recht zur Ver­wer­tung der Ein­zel­bil­der in Form des Films. Das Beru­fungs­ge­richt wird nun­mehr zu prü­fen haben, ob die Klä­ger – wie sie behaup­ten – Inha­ber der urhe­ber­recht­li­chen Nut­zungs­rech­te an dem von der Beklag­ten gesen­de­ten Film sind.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 22. Janu­ar 2014 – I ZR 86/​12

  1. LG Ber­lin, Urteil vom 20.05.2011 – 15 O 573/​10[]
  2. KG, Urteil vom 28.05.2012 – 24 U 81/​11[]