Der Rechts­an­walts als Man­dant – und die bestehen­den Beleh­rungs­pflich­ten

Eine Rechts­an­walts­so­zie­tät ist auch dann ver­pflich­tet, über die Erfolgs­aus­sich­ten eines von der Man­dan­tin beab­sich­tig­ten Rechts­streits zu beleh­ren, wenn das Man­dat von einer Gesell­schaft mit beschränk­ter Haf­tung erteilt wor­den ist, deren Geschäfts­füh­rer und Gesell­schaf­ter selbst Rechts­an­wäl­te und Mit­glie­der der beauf­trag­ten Sozie­tät sind. Auch in die­sem Fall kann ver­mu­tet wer­den, die Man­dan­tin hät­te sich bei pflicht­ge­mä­ßer Beleh­rung bera­tungs­ge­recht ver­hal­ten und wäre dem anwalt­li­chen Rat gefolgt.

Der Rechts­an­walts als Man­dant – und die bestehen­den Beleh­rungs­pflich­ten

Die anwalts­ver­trag­li­chen Pflich­ten eines Rechts­an­walts wer­den nicht dadurch geschmä­lert, dass mit der­sel­ben Ange­le­gen­heit noch ein wei­te­rer Rechts­an­walt betraut wor­den ist 1. Eben­so wenig wird die Prü­fungs­pflicht eines Rechts­an­walts dadurch ein­ge­schränkt, dass er die zu klä­ren­den Rechts­fra­gen bereits in einem ande­ren Man­dats­ver­hält­nis unter­sucht hat.

Die Rechts­an­walts­so­zie­tät war der Pflicht zur Prü­fung der Erfolgs­aus­sich­ten der Kla­ge auch nicht des­halb ent­ho­ben, weil die Geschäfts­füh­rer der Man­dan­tin Rechts­an­wäl­te waren. Die recht­li­che Bear­bei­tung des ihm anver­trau­ten Fal­les obliegt dem Rechts­an­walt auch im Ver­hält­nis zu einem rechts­kun­di­gen Man­dan­ten 2. Der anwalts­ver­trag­li­che Anspruch des Man­dan­ten auf umfas­sen­de Bera­tung wird nicht dadurch ein­ge­schränkt, dass der Man­dant die gera­de einem Drit­ten in Auf­trag gege­be­ne recht­li­che Prü­fung auch selbst hät­te vor­neh­men kön­nen.

Der Rechts­an­walt muss die Erfolgs­aus­sich­ten des Begeh­rens sei­nes Man­dan­ten umfas­send prü­fen und den Man­dan­ten hier­über beleh­ren. Dazu hat er dem Auf­trag­ge­ber den sichers­ten und gefahr­lo­ses­ten Weg vor­zu­schla­gen und ihn über mög­li­che Risi­ken auf­zu­klä­ren, damit der Man­dant zu einer sach­ge­rech­ten Ent­schei­dung in der Lage ist 3. Die mit der Erhe­bung einer Kla­ge ver­bun­de­nen Risi­ken muss der Rechts­an­walt nicht nur benen­nen, son­dern auch deren unge­fäh­res Aus­maß abschät­zen 4. Ist eine Kla­ge prak­tisch aus­sichts­los, muss der Rechts­an­walt dies klar her­aus­stel­len und darf sich nicht mit dem Hin­weis begnü­gen, die Erfolgs­aus­sich­ten sei­en offen 5.

Die Fra­ge, wie sich der Man­dant bei ver­trags­ge­rech­ter Beleh­rung durch den recht­li­chen Bera­ter ver­hal­ten hät­te, zählt zur haf­tungs­aus­fül­len­den Kau­sa­li­tät, die der Man­dant nach dem Maß­stab des § 287 ZPO zu bewei­sen hat 6. Zu Guns­ten des Man­dan­ten ist jedoch zu ver­mu­ten, die­ser wäre bei pflicht­ge­mä­ßer Bera­tung den Hin­wei­sen des Rechts­an­walts gefolgt, sofern im Fal­le sach­ge­rech­ter Auf­klä­rung aus der Sicht eines ver­nünf­tig urtei­len­den Man­dan­ten ein­deu­tig eine bestimm­te tat­säch­li­che Reak­ti­on nahe­ge­le­gen hät­te. Eine sol­che Ver­mu­tung kommt hin­ge­gen nicht in Betracht, wenn nicht nur eine ein­zi­ge ver­stän­di­ge Ent­schluss­mög­lich­keit bestan­den hät­te, son­dern nach pflicht­ge­mä­ßer Bera­tung ver­schie­de­ne Hand­lungs­wei­sen ernst­haft in Betracht gekom­men wären, die unter­schied­li­che Vor­tei­le und Risi­ken in sich gebor­gen hät­ten 7. Greift die Ver­mu­tung bera­tungs­ge­rech­ten Ver­hal­tens ein, so liegt hier­in kei­ne Beweis­last­um­kehr, son­dern ein Anscheins­be­weis, der durch den Nach­weis von Tat­sa­chen ent­kräf­tet wer­den kann, die für ein aty­pi­sches Ver­hal­ten des Man­dan­ten im Fal­le pflicht­ge­mä­ßer Bera­tung spre­chen 8.

Der Ver­mu­tung bera­tungs­ge­rech­ten Ver­hal­tens steht nicht der Umstand ent­ge­gen, dass die Geschäfts­füh­rer der Man­dan­tin zum Zeit­punkt der Kla­ge­er­he­bung im Vor­pro­zess selbst Rechts­an­wäl­te waren.

Die Ver­mu­tung bera­tungs­ge­rech­ten Ver­hal­tens ist nicht dar­auf zuge­schnit­ten, dass der Man­dant als juris­ti­scher Laie dem Rat sei­nes Rechts­an­walts regel­mä­ßig fol­gen wer­de. Für eine sol­che Annah­me sei hin­ge­gen kein Raum, wenn sich der Pro­zess­an­walt sowie zwei Rechts­an­wäl­te als Geschäfts­füh­rer der bera­te­nen Gesell­schaft "auf Augen­hö­he" gegen­über­stün­den. Die­se Auf­fas­sung trifft nicht zu. Ein Man­dant, der selbst Jurist ist, wird einem recht­lich zutref­fen­den Hin­weis sei­nes Rechts­an­walts auf einen Gesichts­punkt, den er selbst über­se­hen hat, im eige­nen Inter­es­se regel­mä­ßig eben­so fol­gen wie ein juris­ti­scher Laie, der wegen feh­len­der Rechts­kennt­nis kei­ne eigen­stän­di­ge Prü­fung der Rechts­la­ge vor­ge­nom­men hat.

Für die Anwend­bar­keit die­ser Beweis­grund­sät­ze ist es uner­heb­lich, dass die Geschäfts­füh­rer der Man­dan­tin zum Zeit­punkt der Kla­ge­er­he­bung im Vor­pro­zess Sozi­en der Rechts­an­walts­so­zie­tät waren.

Soweit das von der Man­dan­tin erteil­te Man­dat durch einen ande­ren Sozi­us oder einen bei der Rechts­an­walts­so­zie­tät ange­stell­ten Rechts­an­walt bear­bei­tet wor­den ist, kann bei Sozi­en, die gleich­zei­tig Geschäfts­füh­rer der Man­dan­tin waren, in deren Eigen­schaft als Geschäfts­füh­rer der Man­dan­tin eben­so wie bei einem außen­ste­hen­den Geschäfts­füh­rer ange­nom­men wer­den, die­se hät­ten sich typi­scher­wei­se der Über­zeu­gungs­kraft zutref­fen­der recht­li­cher Bera­tung nicht ver­schlos­sen. Soweit die­se Sozi­en das Man­dat selbst bear­bei­tet haben, hät­ten sie als beauf­trag­te Rechts­an­wäl­te ihren Irr­tum erken­nen müs­sen, wodurch zugleich ihre unzu­tref­fen­de Auf­fas­sung in ihrer Eigen­schaft als Geschäfts­füh­rer der Man­dan­tin berich­tigt wor­den wäre.

Der Ein­wand, die betref­fen­den Rechts­an­wäl­te hät­ten in ihrer Eigen­schaft als Sozi­en der Rechts­an­walts­so­zie­tät kei­ne ande­re Rechts­auf­fas­sung ver­tre­ten kön­nen als in ihrer Eigen­schaft als Geschäfts­füh­rer der Man­dan­tin, lie­fe dem­ge­gen­über dar­auf hin­aus, die Haf­tung einer beauf­trag­ten Rechts­an­walts­so­zie­tät allein des­halb zu ver­kür­zen, weil das Man­dat durch einen Sozi­us in frem­dem Namen erteilt wor­den ist. Es gibt jedoch kei­nen Sach­grund für die Ein­schrän­kung der anwalt­li­chen Berufs­haf­tung, wenn das Man­dat einer Sozie­tät durch einen ihrer Sozi­en erteilt wor­den ist, der dabei für einen Drit­ten gehan­delt hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 10. Mai 2012 – IX ZR 125/​10

  1. BGH, Urteil vom 24.03.1988 – IX ZR 114/​87, NJW 1988, 3013, 3014; vom 08.07.1993 – IX ZR 242/​92, NJW 1993, 2676, 2677[]
  2. BGH, Urteil vom 19.12.1991 – IX ZR 41/​91, WM 1992, 739, 740; vom 29.04.1993 – IX ZR 101/​92, WM 1993, 1508, 1511; vom 26.10.2000 – IX ZR 289/​99, WM 2001, 98, 99 f[]
  3. BGH, Urteil vom 01.03.2007 – IX ZR 261/​03, BGHZ 171, 261 Rn. 9; vom 07.02.2008 – IX ZR 149/​04, WM 2008, 946 Rn. 12[]
  4. BGH, Urteil vom 08.12.1983 – I ZR 183/​81, BGHZ 89, 178, 182; vgl. auch BGH, Urteil vom 06.02.1992 – IX ZR 95/​91, WM 1992, 742, 743[]
  5. BGH, Urteil vom 08.12.1983, aaO; vom 17.04.1986 – IX ZR 200/​85, BGHZ 97, 372, 376; vom 13.03.1997 – IX ZR 81/​96, WM 1997, 1392, 1393; vom 29.04.2003 – IX ZR 54/​02, WM 2003, 1628, 1629; vgl. auch zur steu­er­li­chen Bera­tung BGH, Urteil vom 23.02.2012 – IX ZR 92/​08, WM 2012, 758 Rn. 11[]
  6. BGH, Urteil vom 11.05.1995 – IX ZR 140/​94, BGHZ 129, 386, 399; vom 13.01.2005 – IX ZR 455/​00, WM 2005, 1615, 1616[]
  7. BGH, Urteil vom 30.09.1993 – IX ZR 73/​93, BGHZ 123, 311, 314 f, 319; vom 19.01.2006 – IX ZR 232/​01, WM 2006, 927 Rn. 26; vom 23.11.2006 – IX ZR 21/​03, WM 2007, 419 Rn. 23[]
  8. BGH, Urteil vom 30.09.1993, aaO S. 315; vom 13.03.2008 – IX ZR 136/​07, WM 2008, 1560 Rn.19[]