Der ver­jäh­rungs­recht­li­che Sekun­där­an­spruch in der Steu­er­be­ra­ter­haf­tung

Der ver­jäh­rungs­recht­li­che Sekun­där­an­spruch eines Man­dan­ten ent­steht trotz beson­de­rer Augen­fäl­lig­keit eines mehr­fach wie­der­hol­ten Feh­lers bei der Abfas­sung von Steu­er­erklä­run­gen grund­sätz­lich nicht ohne einen neu­en Anhalts­punkt, der den Bera­ter ver­an­las­sen muss, sei­ne feh­ler­haf­ten Annah­men zu über­prü­fen.

Der ver­jäh­rungs­recht­li­che Sekun­där­an­spruch in der Steu­er­be­ra­ter­haf­tung

Die Ver­jäh­rung der Steu­er­be­ra­ter­haf­tung rich­tet sich in Fäl­len, in denen der Scha­dens­er­satz­an­spruch vor dem 15.12.2004 ent­stan­den ist, gemäß Art. 229 § 12 Abs. 1 Satz 1 Nr. 13, Satz 2 und § 6 Abs. 1 Satz 2, Abs. 3 EGBGB wei­ter nach § 68 StBerG in der bis zu die­sem Tage gel­ten­den Fas­sung, wobei der ver­jäh­rungs­recht­li­che Sekun­där­an­spruch ein­ge­schlos­sen ist 1.

Die neue­re Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zur Ent­ste­hung des ver­jäh­rungs­recht­li­chen Sekun­där­an­spruchs gegen­über einem Steu­er­be­ra­ter betont, dass neben den unter­las­se­nen Hin­weis auf began­ge­ne Pflicht­ver­let­zun­gen und den Scha­den in Gestalt der ein­ge­tre­te­nen Pri­mär­ver­jäh­rung der Anlass tre­ten muss, wel­cher der steu­er­li­che Bera­ter unbe­ach­tet gelas­sen hat 2. Wie­der­holt der Steu­er­be­ra­ter auf­grund fort­wir­ken­den Irr­tums über einen steu­er­recht­lich erheb­li­chen Umstand bei der Anfer­ti­gung von Steu­er­erklä­run­gen nur sei­nen ers­ten Feh­ler und hat er dabei kei­nen neu­en Anhalts­punkt, der auf den began­ge­nen Feh­ler und das beson­de­re Haf­tungs­ri­si­ko der zurück­lie­gen­den Tätig­keit hin­deu­tet, so fehlt der Anlass, der den ver­jäh­rungs­recht­li­chen Sekun­där­an­spruch wegen unter­las­se­ner Auf­klä­rung des Man­dan­ten über die mög­li­che Haf­tung und ihre Ver­jäh­rung begrün­den kann 3.

Dabei bedarf es nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs eines neu­en Anhalts­punk­tes, der auf den began­ge­nen Feh­ler hin­deu­tet, grund­sätz­lich auch dann, wenn die­ser Feh­ler beson­ders auf­fäl­lig ist. Drängt sich die Erkennt­nis des Feh­lers gera­de­zu auf, wel­cher den Erst­scha­den ver­ur­sacht hat, kann der neue Anhalts­punkt ledig­lich im Ein­zel­fall schwä­cher sein als bei weni­ger leicht erkenn­ba­ren Feh­lern. Ganz feh­len – wie im vor­lie­gen­den Fall – darf ein neu­er Anhalts­punkt, nach dem der Steu­er­be­ra­ter sei­nen frü­he­ren Feh­ler hät­te erken­nen müs­sen, nicht, weil der ver­jäh­rungs­recht­li­che Sekun­där­an­spruch eine neue, eigen­stän­di­ge Pflicht­wid­rig­keit des Rechts­be­ra­ters vor­aus­setzt 4.

Zu einer neu­en, eigen­stän­di­gen Pflicht­wid­rig­keit des Bera­ters kommt es nicht, wenn ein Feh­ler nur auf­grund der bis­he­ri­gen Annah­men zur Sach- und Rechts­la­ge in die nächst­fol­gen­de Steu­er­erklä­rung über­nom­men wird. Dies begrün­det eine wei­te­re Pri­mär­haf­tung des Bera­ters, aber kei­ne Sekun­där­haf­tung für den ers­ten Feh­ler. Für die­se Wür­di­gung ist es hier nicht von Belang, ob der Beklag­te die Mög­lich­keit zu wei­te­ren Abschrei­bun­gen gemäß § 4 Abs. 3 des För­der­ge­biets­ge­set­zes recht­lich kom­plett über­se­hen hat, wie das Beru­fungs­ge­richt meint, oder ob er in Kennt­nis des Geset­zes auf­grund einer fal­schen Berech­nung das Abschrei­bungs­vo­lu­men durch die Ansät­ze in den Jah­ren 1996 bis 1998 für erschöpft hielt, wie es der Beklag­te in der Revi­si­ons­in­stanz vor­ge­tra­gen hat. Eben­so kommt es nicht dar­auf an, dass der Beklag­te hier nicht nur als Steu­er­be­ra­ter gehan­delt hat, son­dern auch als geschäfts­füh­ren­der Gesell­schaf­ter mit den Steu­er­an­ge­le­gen­hei­ten der Grund­stücks­ge­sell­schaft befasst war.

Hat ein Bera­ter selbst sei­nen Feh­ler vor Man­dats­be­en­di­gung erkannt, ist ein äuße­rer Hin­weis auf den vor­ge­fal­le­nen Irr­tum über Rechts- oder Tat­fra­gen als Anlass einer neu­en Prü­fung unnö­tig. Die eige­ne Erkennt­nis des began­ge­nen Feh­lers gibt dann Anlass genug, dass der beklag­te Bera­ter den Man­dan­ten über die mög­li­chen Haf­tungs­fol­gen sei­ner (ers­ten) Pflicht­wid­rig­keit und ihre Ver­jäh­rung auf­klärt. Eine sol­che Erkennt­nis sei­ner Feh­ler in den Steu­er­erklä­run­gen hat der Beklag­te jedoch bestrit­ten.

Die Dar­le­gungs- und Beweis­last für die Vor­aus­set­zun­gen des ver­jäh­rungs­recht­li­chen Sekun­där­an­spruchs liegt bei dem geschä­dig­ten Man­dan­ten, der damit die ansons­ten begrün­de­te Ver­jäh­rungs­ein­re­de des beklag­ten Steu­er­be­ra­ters ent­kräf­ten will 5. Zu die­ser Last des Man­dan­ten gehört nach dem Schutz­zweck des Sekun­där­an­spruchs auch der Vor­trag und Nach­weis, dass der Anlass, den Man­dan­ten über die Mög­lich­keit der eige­nen Haf­tung und ihre Ver­jäh­rung auf­zu­klä­ren, sich so recht­zei­tig erge­ben hat, dass bei Erfül­lung die­ser Pflicht des Bera­ters der Man­dant die Pri­mär­ver­jäh­rung noch hem­men konn­te 6.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 15. Novem­ber 2012 – IX ZR 109/​09

  1. vgl. BGH, Urteil vom 13.11.2008 – IX ZR 69/​07, WM 2009, 283 Rn. 7 f[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 14.07.2005 – IX ZR 284/​01, WM 2005, 2106, 2107 f unter B. II. 2.; Beschluss vom 17.07.2008 – IX ZR 174/​05, DSt­RE 2009, 251 Rn. 2; Urteil vom 16.10.2008 – IX ZR 135/​07, WM 2008, 2307 Rn. 21; vom heu­ti­gen Tage – IX ZR 184/​09, zVb[]
  3. inso­weit über­holt Zugehör/​Chab, Hand­buch der Anwalts­haf­tung, 3. Aufl., Rn. 1396 bei Fn. 369[]
  4. BGH, Urteil vom 13.11.2008, aaO Rn. 11 f; vom 12.07.2012 – IX ZR 96/​10, WM 2012, 2106 Rn. 12 – zur Anwalts­haf­tung[]
  5. BGH, Urteil vom 01.02.2007 – IX ZR 180/​04, WM 2007, 801 Rn. 14; vom 12.07.2012, aaO Rn. 18[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 12.07.2012, aaO, Rn. 12[]