Die miss­bräuch­li­che Abmah­nung wegen einer Urhe­ber­rechts­ver­let­zung

Eine miss­bräuch­li­che Abmah­nung wegen einer Urhe­ber­rechts­ver­let­zung führt grund­sätz­lich nicht zum Erlö­schen des Unter­las­sungs­an­spruchs aus § 97 Abs. 1 UrhG und zur Unzu­läs­sig­keit einer nach­fol­gen­den Kla­ge.

Die miss­bräuch­li­che Abmah­nung wegen einer Urhe­ber­rechts­ver­let­zung

Das Urhe­ber­rechts­ge­setz regelt nicht die Fol­gen einer miss­bräuch­li­chen Gel­tend­ma­chung von Ansprü­chen.

Eine ent­spre­chen­de Anwen­dung des § 8 Abs. 4 UWG im Urhe­ber­recht kommt nicht in Betracht, weil kei­ne plan­wid­ri­ge Rege­lungs­lü­cke besteht. Nach § 8 Abs. 4 UWG ist die Gel­tend­ma­chung der in § 8 Abs. 1 UWG bezeich­ne­ten Ansprü­che auf Besei­ti­gung und Unter­las­sung wegen einer nach § 3 UWG oder § 7 UWG unzu­läs­si­gen geschäft­li­chen Hand­lung unzu­läs­sig, wenn sie unter Berück­sich­ti­gung der gesam­ten Umstän­de miss­bräuch­lich ist, ins­be­son­de­re wenn sie vor­wie­gend dazu dient, gegen den Zuwi­der­han­deln­den einen Anspruch auf Ersatz von Auf­wen­dun­gen oder Kos­ten der Rechts­ver­fol­gung ent­ste­hen zu las­sen. Die Bun­des­rechts­an­walts­kam­mer hat­te im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren zur Umset­zung der Durch­set­zungs­richt­li­nie ange­regt, im Urhe­ber­rechts­ge­setz eine Miss­brauchs­vor­schrift nach dem Vor­bild von § 8 Abs. 4 UWG ein­zu­füh­ren 1. Der Gesetz­ge­ber hat dem nicht ent­spro­chen.

Aller­dings gilt auch für urhe­ber­recht­li­che Ansprü­che das all­ge­mei­ne Ver­bot unzu­läs­si­ger Rechts­aus­übung nach § 242 BGB. Die im Wett­be­werbs­recht zur miss­bräuch­li­chen Gel­tend­ma­chung von Ansprü­chen ent­wi­ckel­ten Rechts­grund­sät­ze beru­hen gleich­falls auf dem Gedan­ken der unzu­läs­si­gen Rechts­aus­übung. Sie kön­nen daher grund­sätz­lich auch für das Urhe­ber­recht frucht­bar gemacht wer­den 2. Dabei sind aller­dings die zwi­schen bei­den Rechts­ge­bie­ten bestehen­den Unter­schie­de zu beach­ten.

Im Wett­be­werbs­recht führt eine im Sin­ne des § 8 Abs. 4 UWG miss­bräuch­li­che außer­ge­richt­li­che Gel­tend­ma­chung des Unter­las­sungs­an­spruchs nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs dazu, dass der Unter­las­sungs­an­spruch auch nicht mehr gericht­lich gel­tend gemacht wer­den kann und eine nach­fol­gen­de – für sich genom­men nicht miss­bräuch­li­che – Kla­ge unzu­läs­sig ist 3.

Die­ser Grund­satz kann nicht ohne wei­te­res auf das Urhe­ber­recht über­tra­gen wer­den. Der Rege­lung des § 8 Abs. 4 UWG kommt neben der Auf­ga­be der Bekämp­fung von Miss­bräu­chen bei der Ver­fol­gung von Wett­be­werbs­ver­stö­ßen auch die Funk­ti­on eines Kor­rek­tivs gegen­über der weit gefass­ten Anspruchs­be­rech­ti­gung nach § 8 Abs. 3 UWG zu. Nach § 8 Abs. 3 UWG kann ein und der­sel­be Wett­be­werbs­ver­stoß durch eine Viel­zahl von Anspruchs­be­rech­tig­ten ver­folgt wer­den. Dies erleich­tert zwar die im Inter­es­se der All­ge­mein­heit lie­gen­de Rechts­ver­fol­gung; die Fül­le der Anspruchs­be­rech­tig­ten kann aber den Anspruchs­geg­ner in erheb­li­chem Maße belas­ten, so ins­be­son­de­re dadurch, dass der Wett­be­werbs­ver­stoß zum Gegen­stand meh­re­rer Abmah­nun­gen und gericht­li­cher Ver­fah­ren gemacht wer­den kann. Umso wich­ti­ger ist es, dass die Rege­lung des § 8 Abs. 4 UWG immer dann eine Hand­ha­be bie­tet, wenn wett­be­werbs­recht­li­che Ansprü­che auf Besei­ti­gung oder Unter­las­sung miss­bräuch­lich gel­tend gemacht wer­den, ins­be­son­de­re wenn sach­frem­de Zie­le die eigent­li­che Trieb­fe­der und das beherr­schen­de Motiv der Ver­fah­rens­ein­lei­tung dar­stel­len 4. Das Inter­es­se der All­ge­mein­heit an der wirk­sa­men Ver­fol­gung von Wett­be­werbs­ver­stö­ßen wird dadurch nicht wesent­lich beein­träch­tigt. Ist ein ein­zel­ner Anspruch­stel­ler wegen miss­bräuch­li­chen Ver­hal­tens von der Gel­tend­ma­chung des Unter­las­sungs­an­spruchs aus­ge­schlos­sen, kann der Unter­las­sungs­an­spruch gleich­wohl von ande­ren Anspruchs­be­rech­tig­ten gel­tend gemacht wer­den.

Bei der Ver­let­zung des Urhe­ber­rechts oder eines ande­ren nach dem Urhe­ber­rechts­ge­setz geschütz­ten Rechts ist dage­gen allein der Ver­letz­te berech­tigt, Ansprü­che gel­tend zu machen (§ 97 UrhG). Die Berech­ti­gung zur Ver­fol­gung von Urhe­ber­rechts­ver­let­zun­gen besteht nicht auch im Inter­es­se der All­ge­mein­heit, son­dern allein im Inter­es­se des Ver­letz­ten. Hät­te eine miss­bräuch­li­che Abmah­nung zur Fol­ge, dass der Ver­letz­te sei­ne Ansprü­che auch nicht mehr gericht­lich gel­tend machen könn­te und eine nach­fol­gen­de Kla­ge unzu­läs­sig wäre, müss­te er die Rechts­ver­let­zung end­gül­tig hin­neh­men. Für eine so weit­ge­hen­de Ein­schrän­kung sei­ner Rech­te gibt es kei­nen sach­li­chen Grund. Ins­be­son­de­re bedarf es im Urhe­ber­recht kei­nes Kor­rek­tivs gegen­über einer weit­rei­chen­den Anspruchs­be­rech­ti­gung einer Viel­zahl von Anspruchs­be­rech­tig­ten.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 31. Mai 2012 – I ZR 106/​10 – "Feri­en­lu­xus­woh­nung"

  1. BRAK, Stel­lung­nah­me Nr. 38/​2007, S. 6[]
  2. J. B. Nor­de­mann in Fromm/​Nordemann, Urhe­ber­recht, 10. Aufl., § 97 UrhG Rn. 189 ff. mwN; ders., WRP 2005, 184, 189 f.; Kef­fer­pütz in Wandtke/​Bullinger, Urhe­ber­recht, 3. Aufl., § 97 UrhG Rn. 18 ff.; Drei­er in Dreier/​Schulze, UrhG, 3. Aufl., § 97a Rn. 8[]
  3. vgl. zu § 13 Abs. 5 UWG BGH, Urteil vom 20.12.2001 I ZR 215/​98, GRUR 2002, 715, 717 = WRP 2002, 977 – Scan­ner­Wer­bung; Urteil vom 17.02.2002 – I ZR 241/​99, BGHZ 149, 371, 379 f. – Miss­bräuch­li­che Mehr­fach­ab­mah­nung; Urteil vom 17.11.2005 – I ZR 300/​02, GRUR 2006, 243 Rn. 22 = WRP 2006, 354 – MEGA SALE; zu § 8 Abs. 4 UWG BGH, Urteil vom 15.12.2011 – I ZR 174/​10, GRUR 2012, 730 Rn. 47 = WRP 2012, 930 – Bau­heiz­ge­rät[]
  4. vgl. zu § 13 Abs. 5 UWG aF BGHZ 144, 165, 169 f. – Miss­bräuch­li­che Mehr­fach­ver­fol­gung; BGH, GRUR 2001, 260, 261 – Viel­fach­ab­mah­ner; zu § 8 Abs. 4 UWG BGH, GRUR 2012, 730 Rn. 14 – Bau­heiz­ge­rät[]