Fach­an­walt – Fall­zah­len oder Fach­ge­spräch?

Bei Ver­feh­len der in der Fach­an­walts­ord­nung für den Erwerb der beson­de­ren prak­ti­schen Erfah­run­gen in § 5 FAO vor­ge­ge­be­nen Min­dest­quo­ren kann das Defi­zit nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs 1 nicht in einem Fach­ge­spräch kom­pen­siert wer­den.

Fach­an­walt – Fall­zah­len oder Fach­ge­spräch?

Wäh­rend der Erwerb beson­de­rer theo­re­ti­scher Kennt­nis­se nach § 4 Abs. 1 FAO nur "in der Regel" den Besuch eines fach­an­walts­spe­zi­fi­schen Lehr­gangs vor­aus­setzt 2, sind die Fall­zah­len in § 5 FAO vom Sat­zungs­ge­ber abso­lut vor­ge­ge­ben. Der Erwerb beson­de­rer prak­ti­scher Erfah­run­gen setzt danach nicht im Regel­fall, son­dern aus­nahms­los eine Min­dest­zahl bestimm­ter Fäl­le vor­aus. Hat der Rechts­an­walt die­se nicht erreicht, darf ein Fach­ge­spräch nicht durch­ge­führt wer­den.

Hier­an ver­mag auch ein vor dem Anwalts­ge­richts­hof geschlos­se­ner Ver­gleich (über die Durch­füh­rung eines Fach­ge­sprächs) nichts zu ändern. Damit soll­te nicht eine recht­li­che Unge­wiss­heit dar­über besei­tigt wer­den, ob ein Defi­zit der Fall­zah­len durch das Fach­ge­spräch kom­pen­siert wer­den kann. Viel­mehr ging es um die Besei­ti­gung der Unge­wiss­heit, ob der Rechts­an­walt unge­ach­tet des Ver­feh­lens des Min­dest­quo­rums (§ 2 Abs. 1, § 5 Abs. 1 Buchst. l FAO) beson­de­re prak­ti­sche Erfah­run­gen im Rechts­ge­biet nach­zu­wei­sen imstan­de sein wür­de. Für die­sen Fall soll­te sich die Rechts­an­walts­kam­mer dahin bin­den, dem Rechts­an­walt bei "Bestehen" des Fach­ge­sprächs die Befug­nis zum Füh­ren der Fach­an­walts­be­zeich­nung zu ver­lei­hen.

Jedoch war ange­sichts der zwin­gen­den Vor­aus­set­zun­gen des § 5 FAO 3 für ein Fach­ge­spräch zu dem ange­streb­ten Zweck kein Raum. Der Ver­gleich ziel­te somit auf die Besei­ti­gung einer Unge­wiss­heit, die mit der Unzu­läs­sig­keit sei­nes Gegen­stan­des in kei­nem Zusam­men­hang stand 4. Er ging mit­hin ins Lee­re, wes­we­gen das Ergeb­nis des Fach­ge­sprächs weder zuguns­ten noch zuun­guns­ten des Rechts­an­walts berück­sich­tigt wer­den durf­te 5.

Unter die­sen Vor­zei­chen muss­te der Bun­des­ge­richts­hof im vor­lie­gen­den Fall aller­dings nicht ent­schei­den, ob der Ver­gleich im Blick auf die rechts­ir­ri­gen Auf­fas­sun­gen der Par­tei­en bei des­sen Abschluss nicht schon als unwirk­sam nach § 32 Abs. 1 BRAO, § 62 Satz 2 VwVfG i.V.m. § 779 BGB anzu­se­hen wäre 6.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 10. März 2014 – AnwZ (Brfg) 60/​12

  1. vgl. BGH, Urteil vom 16.12 2013 – AnwZ (Brfg) 29/​12, AnwBl.2014, 270 Rn. 28 f. m.w.N.[]
  2. vgl. dazu BGH, Beschluss vom 30.05.2012 – AnwZ (Brfg) 3/​12, BRAK-Mitt.2012, 243 Rn. 6[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 30.05.2012 – AnwZ (Brfg) 3/​12, aaO[]
  4. vgl. BVerwG, NJW 1976, 686, 687 f.[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 07.03.2005 – AnwZ (B) 11/​04, NJW 2005, 2082, 2083[]
  6. vgl. BGH, Urtei­le vom 06.11.2003 – III ZR 376/​02, BGHR BGB § 779 Abs. 1 Sach­ver­halt 2 m.w.N.; vom 21.12 2006 – VII ZR 275/​05, NJW 2007, 838; Stelkens/​Bonk/​Sachs, VwVfG, 8. Aufl., § 55 Rn. 53 ff. m.w.N.; Spieth in Beck­OK, VwVfG, Stand 1.01.2014, § 55 Rn. 56 f.[]