Fern­seh­wer­bung im Pay-TV

Eine Rege­lung über Fern­seh­wer­bung, die für Bezahl­fern­se­hen eine kür­ze­re maxi­ma­le Sen­de­zeit für Wer­bung vor­sieht als für frei emp­fang­ba­res Fern­se­hen, steht grund­sätz­lich im Ein­klang mit dem euro­päi­schen Uni­ons­recht, aller­dings muss der Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit beach­tet wer­den.

Fern­seh­wer­bung im Pay-TV

Dies ent­schied jetzt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on in Bezug auf die in Ita­li­en bestehen­de Rechts­la­ge.

Die Richt­li­nie über audio­vi­su­el­le Medi­en­diens­te 1 sieht für die Fern­seh­wer­bung Min­dest­nor­men und Kri­te­ri­en vor, um den Schutz der Inter­es­sen der Ver­brau­cher als Zuschau­er sicher­zu­stel­len. Dazu legt sie für Fern­seh­wer­be­spots und Tele­shop­ping­s­pots eine Beschrän­kung auf 20 % der Sen­de­zeit pro Stun­de fest, lässt aber den Mit­glied­staa­ten die Befug­nis, für Medi­en­diens­te­an­bie­ter, die ihrer Rechts­ho­heit unter­wor­fen sind, stren­ge­re oder aus­führ­li­che­re Bestim­mun­gen vor­zu­se­hen.

Im ita­lie­ni­schen Recht ist vor­ge­se­hen, dass die Aus­strah­lung von Wer­be­mit­tei­lun­gen durch die Kon­zes­sio­nä­rin des all­ge­mei­nen öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk- und Fern­seh­diens­tes 4 % der wöchent­li­chen Sen­de­zeit und 12 % pro Stun­de nicht über­schrei­ten darf. Die Aus­strah­lung von Wer­be­spots durch ande­re frei emp­fang­ba­re Fern­seh­sen­der darf 15 % der täg­li­chen Sen­de­zeit und 18 % pro Stun­de nicht über­schrei­ten, wäh­rend sie bei Bezahl­fern­seh­sen­dern im Jahr 2011 14 % pro Stun­de nicht über­schrei­ten durf­te (wobei in die­sen bei­den Fäl­len eine even­tu­el­le Über­schrei­tung, die jeden­falls nicht mehr als 2 % pro Stun­de betra­gen darf, in der vor­her­ge­hen­den oder nach­fol­gen­den Stun­de aus­ge­gli­chen wer­den muss).

Am 5. März 2011 strahl­te Sky Ita­lia zwi­schen 21 Uhr und 22 Uhr auf ihrem Bezahl­fern­seh­sen­der Sky Sport 1 24 Wer­be­spots mit einer Gesamt­dau­er von 10 Minu­ten und 4 Sekun­den aus, was 16,78 % der stünd­li­chen Sen­de­zeit ent­sprach und damit die für Bezahl­fern­se­hen gel­ten­de natio­na­le Höchst­sen­de­zeit für Fern­seh­wer­bung von 14 % pro Stun­de über­schritt. Die Auf­sichts­be­hör­de für das Kom­mu­ni­ka­ti­ons­we­sen (AGCOM) ver­häng­te des­halb gegen Sky Ita­lia eine Geld­bu­ße in Höhe von 10 329 €.

Sky Ita­lia bean­trag­te beim Tri­bu­na­le ammi­nis­tra­tivo regio­na­le per il Lazio (Ver­wal­tungs­ge­richt der Regi­on Lati­um, Ita­li­en) die Nich­tig­erklä­rung der Ent­schei­dung der AGCOM, die sie als uni­ons­rechts­wid­rig ansieht.

Der Tri­bu­na­le ammi­nis­tra­tivo regio­na­le legt dar­auf­hin im Rah­men eines Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Fra­ge vor, ob die Richt­li­nie über audio­vi­su­el­le Medi­en­diens­te sowie der Grund­satz der Gleich­be­hand­lung und die durch den AEU-Ver­trag garan­tier­ten Grund­frei­hei­ten eine natio­na­le Rege­lung zulas­sen, die für Bezahl­fern­se­hen eine kür­ze­re maxi­ma­le Sen­de­zeit pro Stun­de für Wer­bung vor­sieht als für frei emp­fang­ba­res Fern­se­hen.

Im Wege eines sol­chen Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens kön­nen die Gerich­te der Mit­glied­staa­ten in einem bei ihnen anhän­gi­gen Rechts­streit dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on Fra­gen nach der Aus­le­gung des Uni­ons­rechts oder nach der Gül­tig­keit einer Hand­lung der Euro­päi­schen Uni­on vor­le­gen. Der Uni­ons­ge­richts­hof ent­schei­det dabei nur über die vor­ge­leg­te Rechts­fra­ge, nicht über den natio­na­len Rechts­streit. Es ist und bleibt Sache des natio­na­len Gerichts, über die Rechts­sa­che im Ein­klang mit der Ent­schei­dung des Uni­ons­ge­richts­hofs zu ent­schei­den. Die­se Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on bin­det in glei­cher Wei­se ande­re natio­na­le Gerich­te, die mit einem ähn­li­chen Pro­blem befasst wer­den.

In sei­nem jetzt ver­kün­de­ten Urteil weist der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on zunächst dar­auf hin, dass die Richt­li­nie kei­ne voll­stän­di­ge Har­mo­ni­sie­rung in den von ihr erfass­ten Berei­chen vor­nimmt, son­dern Min­dest­nor­men vor­sieht 2.

Die Mit­glied­staa­ten sind daher befugt, stren­ge­re oder aus­führ­li­che­re Bestim­mun­gen und in bestimm­ten Fäl­len unter­schied­li­che Bedin­gun­gen vor­zu­se­hen, sofern sie im Ein­klang mit dem Uni­ons­recht ste­hen. Soweit die Richt­li­nie bestimmt, dass der Anteil von Fern­seh­wer­be­spots und Tele­shop­ping­s­pots 20 % nicht über­schrei­ten darf, schließt sie es daher nicht aus, dass die Mit­glied­staa­ten unter­schied­li­che Gren­zen unter­halb die­ser Schwel­le vor­schrei­ben kön­nen. Die natio­na­len Vor­schrif­ten müs­sen aller­dings den Grund­satz der Gleich­be­hand­lung beach­ten.

Der Uni­ons­ge­richts­hof hebt sodann her­vor, dass die Grund­sät­ze und Zie­le der Rege­lun­gen über die Sen­de­zeit für Fern­seh­wer­bung einen aus­ge­wo­ge­nen Schutz der finan­zi­el­len Inter­es­sen der Fern­seh­sen­der und der Wer­be­trei­ben­den einer­seits sowie der Inter­es­sen der Autoren und Urhe­ber sowie der Ver­brau­cher als Zuschau­er ande­rer­seits bezwe­cken. Die­ser Aus­gleich vari­iert in Abhän­gig­keit davon, ob die Fern­seh­sen­der ihre Pro­gram­me gegen Bezah­lung oder ohne Bezah­lung über­tra­gen.

Die finan­zi­el­len Inter­es­sen der Bezahl­fern­seh­sen­der, die durch die von den Zuschau­ern abge­schlos­se­nen Abon­ne­ments Ein­nah­men erzie­len, unter­schei­den sich näm­lich von denen der frei emp­fang­ba­ren Fern­seh­sen­der, die über kei­ne sol­che unmit­tel­ba­re Finan­zie­rungs­quel­le ver­fü­gen und die benö­tig­ten Mit­tel u. a. durch mit Fern­seh­wer­bung erziel­te Ein­nah­men auf­brin­gen müs­sen. Ein sol­cher Unter­schied ist grund­sätz­lich geeig­net, die Bezahl­fern­seh­sen­der in eine objek­tiv ande­re Situa­ti­on zu ver­set­zen.

Auch unter­schei­det sich die Situa­ti­on der Zuschau­er, die Abon­nen­ten eines Bezahl­fern­se­hens sind (und dem Sen­der einen Preis zah­len, um in den Genuss der Pro­gram­me zu kom­men), von der Situa­ti­on der Zuschau­er von frei emp­fang­ba­rem Fern­se­hen.

Dar­aus folgt, dass der natio­na­le Gesetz­ge­ber bei der Suche nach einem aus­ge­wo­ge­nen Schutz der finan­zi­el­len Inter­es­sen der Fern­seh­sen­der und der Inter­es­sen der Fern­seh­zu­schau­er die Sen­de­zeit pro Stun­de für Wer­bung unter­schied­lich begren­zen kann, je nach­dem, ob es sich um Bezahl­fern­se­hen oder frei emp­fang­ba­res Fern­se­hen han­delt.

Schließ­lich weist der Euro­päi­sche Gerichts­hof dar­auf hin, dass die ita­lie­ni­sche Rege­lung eine Beschrän­kung des frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehrs mit sich brin­gen könn­te.

Dazu führt der Uni­ons­ge­richts­hof aus, dass indes­sen der Schutz der Ver­brau­cher gegen ein Über­maß an geschäft­li­cher Wer­bung einen zwin­gen­den Grund des All­ge­mein­in­ter­es­ses dar­stellt, der Beschrän­kun­gen des frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehrs recht­fer­ti­gen kann, soweit die ent­spre­chen­den Beschrän­kun­gen geeig­net sind, die Errei­chung des ver­folg­ten Ziels zu gewähr­leis­ten, und nicht über das hin­aus­ge­hen, was hier­zu erfor­der­lich ist. Es ist Sache des vor­le­gen­den Gerichts, zu prü­fen, ob die­se Vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 18. Juli 2013 – C‑234/​12 [Sky Ita­lia srl /​Auto­ri­tà per le Gar­an­zie nel­le Comu­ni­ca­zio­ni]

  1. Richt­li­nie 2010/​13/​EU des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 10. März 2010 zur Koor­di­nie­rung bestimm­ter Rechts- und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über die Bereit­stel­lung audio­vi­su­el­ler Medi­en­diens­te, ABl.EU L 95, S. 1[]
  2. EuGH, Urteil vom 22.09.2011 – C‑244/​10 und C‑245/​10 [Meso­po­tamia Broad­cast und Roj TV], noch zur Aus­le­gung der Richt­li­nie 89/​552/​EG (sog. Richt­li­nie „Fern­se­hen ohne Gren­zen“), die anschlie­ßend durch die Richt­li­nie über audio­vi­su­el­le Medi­en­diens­te geän­dert und kodi­fi­ziert wur­de.[]