Der Gewinn­ab­füh­rungs­ver­trag und die Anpas­sung von Genuss­schein­be­din­gun­gen

Genuss­schein­be­din­gun­gen sind anzu­pas­sen, wenn das emit­tie­ren­de Unter­neh­men als abhän­gi­ge Gesell­schaft einen Beherr­schungs- und Gewinn­ab­füh­rungs­ver­trag abschließt. Mit der Fra­ge, wie dies zu gesche­hen hat, hat­te sich jetzt der Bun­des­ge­richts­hof in zwei bei ihm anhän­gi­gen Ver­fah­ren zu befas­sen:

Der Gewinn­ab­füh­rungs­ver­trag und die Anpas­sung von Genuss­schein­be­din­gun­gen

In dem einen Fall hat die R. Hypo­the­ken­bank AG im Jahr 2000 Genuss­schei­ne zu einem Gesamt­nenn­be­trag in Höhe von 200 Mio. € in einer Stü­cke­lung zu je 1.000 € bege­ben. Die Klä­ge­rin ist Eigen­tü­me­rin von 22 die­ser Genuss­schei­ne. Die Genuss­schei­ne hat­ten eine Lauf­zeit bis Ende 2012. In den Genuss­schein­be­din­gun­gen heißt es u. a.:

Die Genuss­schein­in­ha­ber erhal­ten eine dem Gewinn­an­teil der Aktio­nä­re der R. vor­ge­hen­de jähr­li­che Aus­schüt­tung aus dem Bilanz­ge­winn.
Reicht der Bilanz­ge­winn zur Aus­schüt­tung nicht aus, so ver­min­dert sich die­se.
Die Genuss­schein­in­ha­ber neh­men am lau­fen­den Ver­lust (Jah­res­fehl­be­trag) in vol­ler Höhe teil.

Im Jahr 2002 ver­schmolz die R. Hypo­the­ken­bank AG mit einer ande­ren Gesell­schaft zur Beklag­ten. Die­se schloss mit der C. I. Hol­ding GmbH einen Beherr­schungs- und Gewinn­ab­füh­rungs­ver­trag, der am 4. Sep­tem­ber 2007 im Han­dels­re­gis­ter ein­ge­tra­gen wur­de. Im Geschäfts­jahr 2009 erziel­te die Beklag­te einen fik­ti­ven, ohne Berück­sich­ti­gung des Ver­lust­aus­gleichs­an­spruchs aus dem Beherr­schungs- und Gewinn­ab­füh­rungs­ver­trag errech­ne­ten Jah­res­fehl­be­trag in Höhe von 169,7 Mio. €. Des­halb wei­ger­te sie sich, auf die Genuss­schei­ne Zah­lun­gen zu leis­ten. Außer­dem hat sie die Rück­zah­lungs­an­sprü­che der Genuss­schein­in­ha­ber ent­spre­chend gekürzt.

In dem zwei­ten Fall ging es um Genuss­schei­ne, die von der Hypo­the­ken­bank in E. AG bege­ben wor­den sind. Die­se Bank ver­schmolz zum 1. August 2008 mit der Beklag­ten. Auch dort stell­te sich die Fra­ge, ob die Genuss­schein­be­din­gun­gen nach der Ver­schmel­zung ange­sichts des von der Beklag­ten abge­schlos­se­nen Beherr­schungs- und Gewinn­ab­füh­rungs­ver­tra­ges ange­passt wer­den müs­sen.

Mit ihren jewei­li­gen Kla­gen haben die Klä­ge­rin­nen bean­tragt, die Beklag­te für das Geschäfts­jahr 2009 zur Zah­lung eines nach der von ihnen ver­tre­te­nen Berech­nungs­wei­se ermit­tel­ten Betra­ges zu ver­ur­tei­len und fest­zu­stel­len, dass die Beklag­te ver­pflich­tet ist, künf­tig die Genuss­schei­ne unab­hän­gig von der Ertrags­la­ge der Beklag­ten zu bedie­nen und sie bei Fäl­lig­keit zum Nenn­wert zurück­zu­zah­len.

Das erst­in­stanz­lich mit den bei­den Kla­gen befass­te Land­ge­richt Frank­furt am Main hat die­se im Wesent­li­chen abge­wie­sen [1]. Auf die Beru­fung der Klä­ge­rin­nen hat das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main die erst­in­stanz­li­chen Urtei­le abge­än­dert und den Kla­gen statt­ge­ge­ben [2]. Die gegen die­se Beru­fungs­ur­tei­le erho­be­nen Revi­sio­nen der Beklag­ten hat der Bun­des­ge­richts­hof nun zurück­ge­wie­sen:

Der Bun­des­ge­richths­hof ent­schie­den, dass die Genuss­schein­be­din­gun­gen, wenn sie kei­ne Rege­lung für den Fall des Abschlus­ses eines Beherr­schungs- und Gewinn­ab­füh­rungs­ver­tra­ges ent­hal­ten, ent­spre­chend anzu­pas­sen sind. Der Bun­des­ge­richts­hof hat ange­nom­men, dass die Ver­trags­an­pas­sung so aus­zu­se­hen hat, dass auf die Genuss­schei­ne – unab­hän­gig von der künf­ti­gen Ertrags­la­ge der emit­tie­ren­den Gesell­schaft – die vol­len ursprüng­lich vor­ge­se­he­nen Aus­schüt­tun­gen erbracht wer­den müs­sen und die Rück­zah­lungs­an­sprü­che nicht her­ab­ge­setzt wer­den dür­fen, sofern die Pro­gno­se hin­sicht­lich der Ertrags­ent­wick­lung der Gesell­schaft bei Abschluss des Beherr­schungs- und Gewinn­ab­füh­rungs­ver­tra­ges ent­spre­chend posi­tiv gewe­sen ist. Davon war nach den rechts­feh­ler­frei­en Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts aus­zu­ge­hen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urtei­le vom 18. Mai 2013 – II ZR 2/​12 und II ZR 67/​12

  1. LG Frank­furt am Main, Urtei­le vom 14.12.2010 – 3/​5 O 65/​10; und vom 15.02.2012 – 3/​5 O 100/​10[]
  2. OLG Frank­furt am Main, Urtei­le vom 13.12.2011 – 5 U 56/​11; und vom 07.02.2012 – 5 U 92/​11[]