Der Ver­trags­händ­ler und sein Aus­gleichs­an­spruch in der Insol­venz

Kün­digt der Unter­neh­mer den Ver­trags­händ­ler­ver­trag, weil der Ver­trags­händ­ler die Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens über sein Ver­mö­gen bean­tragt hat, ist die nach der Eröff­nung erklär­te Auf­rech­nung mit Insol­venz­for­de­run­gen gegen den Aus­gleichs­an­spruch bei Vor­lie­gen der Anfech­tungs­vor­aus­set­zun­gen insol­venz­recht­lich unwirk­sam.

Der Ver­trags­händ­ler und sein Aus­gleichs­an­spruch in der Insol­venz

Im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat der Unter­neh­mer die Auf­rech­nungs­la­ge durch die frist­lo­se Kün­di­gung des Ver­trags­händ­ler­ver­tra­ges her­bei­ge­führt. Er wuss­te dabei von dem eine Woche zuvor gestell­ten Insol­venz­an­trag. Die Kün­di­gung stell­te eine Rechts­hand­lung im Sin­ne von § 129 Abs. 1 InsO dar. Unter einer Rechts­hand­lung im Sin­ne der §§ 129 ff InsO ist jedes von einem Wil­len getra­ge­ne Han­deln zu ver­ste­hen, das eine recht­li­che Wir­kung aus­löst und das Ver­mö­gen des Schuld­ners zum Nach­teil der Insol­venz­gläu­bi­ger ver­än­dern kann [1]. Dar­auf, ob die recht­li­che Wir­kung auf dem Wil­len des Han­deln­den beruht oder – wie hier – kraft Geset­zes ein­tritt (§ 89b HGB in ent­spre­chen­der Anwen­dung) [2], kommt es nicht an. Die Kün­di­gung hat­te eine Benach­tei­li­gung der Insol­venz­gläu­bi­ger zur Fol­ge, weil sie zu der Mög­lich­keit der Auf­rech­nung führ­te, wel­che den Aus­gleichs­an­spruch der Gesamt­heit der Gläu­bi­ger ent­zog.

Eine Gläu­bi­ger­be­nach­tei­li­gung ist nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs auch nicht des­halb aus­ge­schlos­sen, weil der Aus­gleichs­an­spruch, gegen den der Unter­neh­mer auf­ge­rech­net hat, erst durch die ange­foch­te­ne Rechts­hand­lung – die Kün­di­gung – ent­stan­den und fäl­lig gewor­den ist [3]. Dass die Rechts­hand­lung, wel­che die Auf­rech­nungs­la­ge her­bei­führt, der Mas­se auch Vor­tei­le ver­schafft, steht einer Gläu­bi­ger­be­nach­tei­li­gung nicht ent­ge­gen. Eine Sal­die­rung der Vor- und Nach­tei­le fin­det im Insol­venz­ver­fah­ren grund­sätz­lich nicht statt; eine Vor­teils­aus­glei­chung nach scha­dens­er­satz­recht­li­chen Grund­sät­zen ist im Insol­venz­an­fech­tungs­recht grund­sätz­lich nicht zuläs­sig. Viel­mehr ist der Ein­tritt der Gläu­bi­ger­be­nach­tei­li­gung iso­liert in Bezug auf die kon­kret bewirk­te Min­de­rung des Aktiv­ver­mö­gens oder der Ver­meh­rung der Pas­si­va des Schuld­ners zu beur­tei­len [4].

Die insol­venz­recht­li­che Unwirk­sam­keit ergreift nur die gläu­bi­ger­be­nach­tei­li­gen­de Wir­kung der Her­stel­lung der Auf­rech­nungs­la­ge, nicht jedoch das Grund­ge­schäft (hier: die Kün­di­gung). Nach § 143 Abs. 1 InsO ist (nur) das­je­ni­ge zur Insol­venz­mas­se zurück­zu­ge­wäh­ren, was durch die anfecht­ba­re Hand­lung aus dem Ver­mö­gen des Schuld­ners ver­äu­ßert, weg­ge­ge­ben oder auf­ge­ge­ben wor­den ist, also der ein­ge­tre­te­ne Erfolg als sol­cher. Besteht die objek­ti­ve Gläu­bi­ger­be­nach­tei­li­gung nur in einer ein­zel­nen, abtrenn­ba­ren Wir­kung einer ein­heit­li­chen Rechts­hand­lung, darf deren Rück­ge­währ nicht mit der Begrün­dung aus­ge­schlos­sen wer­den, dass die Hand­lung auch sons­ti­ge, für sich nicht anfecht­ba­re Fol­gen aus­ge­löst habe. Einen Rechts­grund­satz, dass meh­re­re Wir­kun­gen einer Rechts­hand­lung nur ganz oder gar nicht anfecht­bar sei­en, gibt es im Insol­venz­recht nicht [5].

Nicht zu über­zeu­gen ver­mag den Bun­des­ge­richts­hof auch der Ein­wand, dass der Aus­gleichs­an­spruch gemäß oder ent­spre­chend § 89b HGB schon bei Abschluss des Händ­ler­ver­tra­ges in sei­nem Kern ange­legt sei, so dass gemäß §§ 94, 95 InsO mit Insol­venz­for­de­run­gen gegen ihn auf­ge­rech­net wer­den kön­ne, ohne dass § 96 Abs. 1 Nr. 3 InsO ein­grei­fe.

Im vor­lie­gen­den Fall geht es um einen vor der Eröff­nung ent­stan­de­nen und fäl­lig gewor­de­nen Aus­gleichs­an­spruch. Bei ihm ist die sonst nach § 94 InsO mög­li­che Auf­rech­nung nach § 96 Abs. 1 Nr. 3 InsO unwirk­sam.

Der behaup­te­te Wer­tungs­wi­der­spruch zu § 95 InsO besteht nicht, weil die Beklag­te auch dann nicht mit ihren Insol­venz­for­de­run­gen gegen den Aus­gleichs­an­spruch auf­rech­nen könn­te, wenn sie den Ver­trags­händ­ler­ver­trag erst nach der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens gekün­digt hät­te. Die Vor­schrift des § 95 Abs. 1 InsO, nach wel­cher ein Insol­venz­gläu­bi­ger auch mit einer im Zeit­punkt der Eröff­nung auf­schie­bend beding­ten oder noch nicht fäl­li­gen For­de­rung auf­rech­nen kann, sobald die Auf­rech­nungs­vor­aus­set­zun­gen ein­ge­tre­ten sind, erfasst zwar auch Fäl­le, in denen eine gesetz­li­che Vor­aus­set­zung für das Ent­ste­hen der For­de­rung fehlt. Vor­aus­set­zung ist dann aber, dass die For­de­rung in ihrem recht­li­chen Kern auf­grund gesetz­li­cher Bestim­mun­gen oder ver­trag­li­cher Ver­ein­ba­run­gen bereits gesi­chert ist und fäl­lig wird, ohne dass es einer wei­te­ren Rechts­hand­lung bedarf [6]. Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind in der Insol­venz des Han­dels­ver­tre­ters oder Ver­trags­händ­lers nicht erfüllt. Gemäß § 108 Abs. 1 Satz 1 InsO besteht der Han­dels­ver­tre­ter- oder Ver­trags­händ­ler­ver­trag mit Wir­kung für die Insol­venz­mas­se fort [7]. Auch nach der Eröff­nung hät­te der Ver­trag folg­lich gekün­digt wer­den müs­sen, damit der Aus­gleichs­an­spruch ent­steht und fäl­lig wird. Die Vor­aus­set­zun­gen des § 95 InsO wären auch in die­ser Fall­ge­stal­tung nicht erfüllt gewe­sen.

Soweit der Bun­des­ge­richts­hof im Beschluss vom 25.09.2008 [8] die Kün­di­gung eines Ver­trags­händ­ler­ver­tra­ges nicht für insol­venz­recht­lich anfecht­bar gehal­ten hat, hält er an die­ser Ansicht nicht mehr fest.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 7. Mai 2013 – IX ZR 191/​12

  1. BGH, Urteil vom 12.02.2004 – IX ZR 98/​03, WM 2004, 666, 667; vom 14.12.2006 – IX ZR 102/​03, BGHZ 170, 196 Rn. 10; vom 09.07.2009 – IX ZR 86/​08, NZI 2009, 644 Rn. 21[]
  2. vgl. hier­zu BGH, Urteil vom 06.10.2010 – VIII ZR 209/​07, ZIP 2010, 2350 Rn. 24[]
  3. vgl. hier­zu BGH, Urteil vom 06.08.1997 – VIII ZR 92/​96, ZIP 1997, 1839, 1844[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 09.07.2009 – IX ZR 86/​08, NZI 2009, 644 Rn. 26 f; vom 26.04.2012 – IX ZR 146/​11, ZIP 2012, 1183 Rn. 30 ff[]
  5. BGH, Urteil vom 05.04.2001 – IX ZR 216/​98, BGHZ 147, 233, 236; vom 09.07.2009, aaO Rn. 32; vom 11.03.2010 – IX ZR 104/​09, NZI 2010, 414 Rn. 10[]
  6. BGH, Urteil vom 29.06.2004 – IX ZR 147/​03, BGHZ 160, 1, 4; vom 08.01.2009 – IX ZR 217/​07, ZIP 2009, 380 Rn. 32; Münch­Komm-InsO/­Bran­des, 2. Aufl., § 95 Rn. 10; HK-InsO/­Kay­ser, 6. Aufl., § 95 Rn. 15; anders noch BGH, Urteil vom 27.05.2003 – IX ZR 51/​02, BGHZ 155, 87, 93 f zu § 15 KO: es sei uner­heb­lich, dass ein Rück­zah­lungs­an­spruch erst nach Aus­übung des Rück­tritts­rechts ent­ste­he[]
  7. OLG Düs­sel­dorf NZI 2010, 105 f; Münch­Komm-HGB/­von Hoy­nin­gen­Hue­ne, 3. Aufl., § 89b Rn. 40; Emde/​Kelm, ZVI 2004, 382; Stumpf/​Ströbl, MDR 2004, 1209, 1211; Wagner/​WexlerUhlich, BB 2010, 2454, 2455; dies., BB 2011, 519, 520; vgl. zum umge­kehr­ten Fall der Insol­venz des Geschäfts­herrn, die gem. §§ 116, 115 InsO, frü­her § 23 KO, zum Erlö­schen des Auf­trags­ver­hält­nis­ses führt, BGH, Urteil vom 10.12.2002 – X ZR 193/​99, ZIP 2003, 216, 217[]
  8. BGH, Beschluss vom 25.09.2008 – IX ZR 223/​05, nv, Rn. 2[]