Nie­der­las­sungs­frei­heit und loka­le Besteue­rung

Die Ver­pflich­tung eines Wirt­schafts­teil­neh­mers, sein Gesell­schafts­ka­pi­tal auf 10 Mio. Euro auf­zu­sto­cken, um zur Bei­trei­bung loka­ler Abga­ben berech­tigt zu sein, ist nicht mit dem Uni­ons­recht über die Nie­der­las­sungs­frei­heit und den frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehr zu ver­ein­ba­ren.

Nie­der­las­sungs­frei­heit und loka­le Besteue­rung

So die Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on in dem hier vor­lie­gen­den Fall, in dem das regio­na­le Ver­wal­tungs­ge­richt für die Lom­bar­dei (Tri­bu­na­le ammi­nis­tra­tivo regio­na­le per la Lom­bar­dia) vom Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on wis­sen möch­te, ob die ita­lie­ni­schen Rechts­vor­schrif­ten mit dem Uni­ons­recht und ins­be­son­de­re mit den Regeln über den frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehr und die Nie­der­las­sungs­frei­heit ver­ein­bar sind.

Die ita­lie­ni­schen Rechts­vor­schrif­ten zur Neu­ord­nung der loka­len Besteue­rung 1 ermäch­ti­gen die Pro­vin­zen und die Gemein­den, ihre eige­nen Ein­nah­men ein­schließ­lich der Steu­er­ein­nah­men durch Ver­ord­nun­gen zu regeln. Die loka­len Gebiets­kör­per­schaf­ten kön­nen drit­te Wirt­schafts­teil­neh­mer mit der Fest­set­zung und Bei­trei­bung der Abga­ben und aller loka­len Ein­nah­men betrau­en. Dann wer­den für die­se Tätig­kei­ten unter Beach­tung der Rechts­vor­schrif­ten der Euro­päi­schen Uni­on über die Über­tra­gung der Ver­wal­tung öffent­li­cher Dienst­leis­tun­gen auf kom­mu­na­ler Ebe­ne Kon­zes­sio­nen ver­ge­ben. Die Kon­zes­sio­nä­re zie­hen die Beträ­ge, die Gegen­stand der Kon­zes­sio­nen sind, zunächst ein und füh­ren sie dann nach Abzug einer „Erhe­bungs­pro­vi­si­on“ am Quar­tals­en­de an die öffent­li­che Ver­wal­tung ab. Der Gewinn der Kon­zes­sio­nä­re stammt auch aus Finanz­ge­schäf­ten, die sie mit den von ihnen gehal­te­nen Gel­dern täti­gen.

Die ita­lie­ni­schen Rechts­vor­schrif­ten 2 sehen außer­dem vor, dass sich pri­va­te Gesell­schaf­ten, die die­se Tätig­kei­ten aus­üben möch­ten, in ein Regis­ter der Rechts­sub­jek­te ein­tra­gen müs­sen, die berech­tigt sind, den Tätig­kei­ten der Abrech­nung und Bei­trei­bung von Abga­ben nach­zu­ge­hen. Sie müs­sen über ein voll­stän­dig ein­ge­zahl­tes Gesell­schafts­ka­pi­tal von 10 Mio. Euro ver­fü­gen, wäh­rend für Gesell­schaf­ten mit über­wie­gend öffent­li­cher Betei­li­gung die­se Vor­aus­set­zung nicht gilt. Wur­den sol­che Dienst­leis­tun­gen an Wirt­schafts­teil­neh­mer ver­ge­ben, die den genann­ten finan­zi­el­len Anfor­de­run­gen nicht genü­gen, ist die Ver­ga­be nich­tig. Die­se Wirt­schafts­teil­neh­mer dür­fen kei­ne neu­en Auf­trä­ge erhal­ten oder an Aus­schrei­bun­gen für den betref­fen­den Bereich teil­neh­men, solan­ge sie ihr Gesell­schafts­ka­pi­tal nicht ent­spre­chend ange­passt haben 3.

Das Tri­bu­na­le ammi­nis­tra­tivo regio­na­le per la Lom­bar­dia (regio­na­les Ver­wal­tungs­ge­richt für die Lom­bar­dei) ist mit meh­re­ren Rechts­strei­tig­kei­ten zwi­schen pri­va­ten Gesell­schaf­ten und Gemein­den aus der Regi­on befasst. Die­se Pri­vat­un­ter­neh­men gaben Ange­bo­te ab, um Kon­zes­sio­nen zu erhal­ten, wur­den aber von den Ver­fah­ren aus­ge­schlos­sen, da sie nicht über ein voll­stän­dig ein­ge­zahl­tes Kapi­tal von 10 Mio. Euro ver­füg­ten.

Auf die Anfra­ge des ita­lie­ni­schen Ver­wal­tungs­ge­richts ant­wor­tet der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, dass die ita­lie­ni­schen Rechts­vor­schrif­ten eine Beschrän­kung der Nie­der­las­sungs­frei­heit und des frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehrs dar­stel­len, da sie ein Min­dest­ge­sell­schafts­ka­pi­tal vor­schrei­ben und pri­va­te Wirt­schafts­teil­neh­mer, die den genann­ten Tätig­kei­ten nach­ge­hen möch­ten, zur Grün­dung einer juris­ti­schen Per­son zwin­gen, die über ein voll­stän­dig ein­ge­zahl­tes Gesell­schafts­ka­pi­tal von 10 Mio. Euro ver­fü­gen muss. Infol­ge­des­sen behin­dert eine sol­che Bestim­mung die Aus­übung der Nie­der­las­sungs­frei­heit und des frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehrs oder macht sie weni­ger attrak­tiv.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on prüft sodann, ob zwin­gen­de Grün­de des All­ge­mein­in­ter­es­ses eine sol­che Beschrän­kung recht­fer­ti­gen kön­nen.

Der ein­zi­ge dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on unter­brei­te­te Recht­fer­ti­gungs­grund besteht in der Not­wen­dig­keit, die öffent­li­che Ver­wal­tung davor zu schüt­zen, dass die kon­zes­sio­nier­te Gesell­schaft ihre Ver­trä­ge, die einen hohen Gesamt­wert haben kön­nen, nicht erfüllt. Die Beträ­ge, die die Kon­zes­sio­nä­re zunächst ein­zie­hen, dann hal­ten und umschla­gen und schließ­lich an die öffent­li­che Ver­wal­tung abfüh­ren müs­sen, belau­fen sich näm­lich in der Pra­xis auf meh­re­re Mil­lio­nen Euro. Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on schließt nicht aus, dass ein sol­ches Ziel einen zwin­gen­den Grund des All­ge­mein­in­ter­es­ses dar­stel­len kann – und nicht ein rein wirt­schaft­li­ches Motiv. Er weist aller­dings dar­auf hin, dass die Recht­fer­ti­gung einer Beschrän­kung der Grund­frei­hei­ten vor­aus­setzt, dass die frag­li­che Maß­nah­me geeig­net ist, das mit ihr ver­folg­te recht­mä­ßi­ge Ziel zu errei­chen, und dass sie nicht über das hin­aus­geht, was zur Errei­chung die­ses Ziels erfor­der­lich ist.

Nach Ansicht des vor­le­gen­den Gerichts wären aber ande­re Vor­keh­run­gen geeig­net, die öffent­li­che Ver­wal­tung ange­mes­sen zu schüt­zen: der Nach­weis der tech­ni­schen und finan­zi­el­len Leis­tungs­fä­hig­keit des betref­fen­den Wirt­schafts­teil­neh­mers, sei­ner Ver­trau­ens­wür­dig­keit und sei­ner Sol­venz oder auch die Her­an­zie­hung von Min­dest­schwel­len in Bezug auf das Gesell­schafts­ka­pi­tal, die sich nach dem Wert der an den Kon­zes­sio­när tat­säch­lich ver­ge­be­nen Auf­trä­ge rich­ten.

Daher stellt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on fest, dass die ita­lie­ni­sche Bestim­mung unver­hält­nis­mä­ßi­ge und somit nicht gerecht­fer­tig­te Beschrän­kun­gen der Grund­frei­hei­ten ent­hält, da sie über den Zweck des Schut­zes der öffent­li­chen Ver­wal­tung vor einer Nicht­er­fül­lung durch die Kon­zes­sio­nä­re hin­aus­geht.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 10. Mai 2012 – C‑357/​10 bis C‑359/​10, Duo­mo Gpa Srl u. a. /​Comu­ne di Bar­anz­a­te u. a.

  1. Decre­to legis­la­tivo Nr. 446 vom 15. Dezem­ber 1997. Die Kom­mis­si­on hat 2005 ein Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren in Bezug auf eine frü­he­re Fas­sung die­ses Decre­to legis­la­tivo ein­ge­lei­tet. Das Ver­fah­ren wur­de 2007 ein­ge­stellt.[]
  2. Decre­to-leg­ge Nr. 185 vom 29. Novem­ber 2008[]
  3. Aus den schrift­li­chen Erklä­run­gen der ita­lie­ni­schen Regie­rung geht her­vor, dass die­se Rege­lung durch Art. 3bis des Decre­to-leg­ge Nr. 40 vom 25. März 2010 neu gefasst wur­de[]