Die Haf­tung des Mit­tel­ver­wen­dungs­kon­trol­leurs

Der Bun­des­ge­richts­hof muss­te in einem aktu­el­len Urteil Stel­lung neh­men zur Haf­tung des in einem Kapi­tal­an­la­ge­mo­dell ein­ge­setz­ten Mit­tel­ver­wen­dungs­kon­trol­leurs, der es unter­lässt, vor Auf­nah­me der Tätig­keit der Fonds­ge­sell­schaft sicher­zu­stel­len, dass die Vor­aus­set­zun­gen für eine ord­nungs­ge­mä­ße Ver­wen­dungs­kon­trol­le vor­lie­gen.

Die Haf­tung des Mit­tel­ver­wen­dungs­kon­trol­leurs

Umfang der Kon­troll­pflich­ten

Der Bun­des­ge­richts­hof hat bereits im Jahr 2003 1 einen Mit­tel­ver­wen­dungs­kon­trol­leur gegen­über den künf­ti­gen Anle­gern schon vor Abschluss des Ver­tra­ges und ohne kon­kre­ten Anlass für ver­pflich­tet gehal­ten, sicher­zu­stel­len, dass sämt­li­che Anla­ge­gel­der von Anfang an in sei­ne (Mit-)Verfügungsgewalt gelang­ten, da er ansons­ten nicht in der Lage war, deren Ver­wen­dung zu den ver­trag­lich vor­ge­se­he­nen Zwe­cken auf­trags­ge­recht zu gewähr­leis­ten. Hier­zu gehör­te es, das Anla­ge­mo­dell dar­auf zu unter­su­chen, ob ihm Anla­ge­gel­der vor­ent­hal­ten und damit sei­ner Mit­tel­ver­wen­dungs­kon­trol­le ent­zo­gen wer­den könn­ten. Die­se Ent­schei­dung bezieht sich zwar auf einen Mit­tel­ver­wen­dungs­kon­trol­leur, der zugleich Treu­hand­kom­man­di­tist war. Einen sol­chen tref­fen gegen­über dem blo­ßen Mit­tel­ver­wen­dungs­kon­trol­leur wei­ter­ge­hen­de Prüfungs‑, Kon­troll- und Hin­weis­pflich­ten in Bezug auf alle wesent­li­chen Umstän­de, die für die zu über­neh­men­de Betei­li­gung von Bedeu­tung sind 2. Hin­sicht­lich der Pflich­ten, die aus der Über­nah­me der Mit­tel­ver­wen­dungs­kon­trol­le fol­gen, kann für den Mit­tel­ver­wen­dungs­kon­trol­leur nach dem Zweck des Mit­tel­ver­wen­dungs­kon­troll­ver­trags jedoch nichts ande­res gel­ten.

Die von ihm über­nom­me­ne Funk­ti­on bestand dar­in, die Anle­ger davor zu schüt­zen, dass die geschäfts­füh­ren­den Gesell­schaf­ter Zah­lun­gen von dem Son­der­kon­to vor­neh­men, ohne dass die in § 1 Abs. 3 MVKV genann­ten Vor­aus­set­zun­gen vor­lie­gen. Um die­se Auf­ga­be erfül­len zu kön­nen, muss­te er sicher­stel­len, dass er die ihm oblie­gen­de Kon­trol­le über den Mit­tel­ab­fluss auch tat­säch­lich aus­üben konn­te. Da ein Kon­to, über das nur unter sei­ner Mit­wir­kung ver­fügt wer­den konn­te, eine zen­tra­le Bedin­gung des Kon­troll­ver­tra­ges dar­stell­te und Vor­aus­set­zung für die effek­ti­ve Ver­wirk­li­chung sei­nes Schutz­zwecks war, durf­te er nicht ohne eige­ne Ver­ge­wis­se­rung dar­auf ver­trau­en, dass die für das Son­der­kon­to bestehen­den Zeich­nungs­be­fug­nis­se den Anfor­de­run­gen des Kon­troll­ver­tra­ges ent­spra­chen. Dabei konn­te er schon nicht aus­schlie­ßen, inso­weit von den Geschäfts­füh­rern der Fonds­ge­sell­schaft mit einer "dreis­ten Lüge bedient" zu wer­den. Jeden­falls aber muss­te er gewär­ti­gen, dass es bei der Ein­rich­tung des Son­der­kon­tos infol­ge von Unacht­sam­kei­ten oder Irr­tü­mern auf Sei­ten der Bank oder der Fonds­ge­sell­schaft zu Feh­lern bei der Ein­räu­mung der Zeich­nungs­rech­te kom­men konn­te.

Hier­nach oblag ihm die Über­prü­fung, ob die geschäfts­füh­ren­den Gesell­schaf­ter nur mit ihm gemein­schaft­lich für das Son­der­kon­to zeich­nungs­be­rech­tigt waren.

Die­se Prü­fungs­pflicht bestand zu dem Zeit­punkt, ab dem die Anla­ge "ein­satz­be­reit" war. Die Mit­tel­ver­wen­dungs­kon­trol­le muss­te natur­ge­mäß sicher­ge­stellt sein, bevor die Anle­ger Betei­li­gun­gen zeich­ne­ten und Zah­lun­gen auf ihre Ein­la­gen leis­te­ten 1. Bereits hier­aus folgt, dass den Beklag­ten vor­ver­trag­li­che Pflich­ten gegen­über den (künf­ti­gen) Anle­gern tra­fen. Über­dies ist zu berück­sich­ti­gen, dass der Mit­tel­ver­wen­dungs­kon­troll­ver­trag, wie der bestell­te Kon­trol­leur wuss­te, im Emis­si­ons­pro­spekt als ein die Sicher­heit und Serio­si­tät der Anla­ge sug­ge­rie­ren­des, wer­be­wirk­sa­mes Merk­mal des Fonds her­vor­ge­ho­ben wur­de. Dem­entspre­chend ver­trau­ten nach der gebo­te­nen typi­sie­ren­den Betrach­tungs­wei­se die poten­ti­el­len Anle­ger, die sich für den Zins­fonds inter­es­sier­ten, dar­auf, dass der Beklag­te die Mit­tel­ver­wen­dungs­kon­trol­le gemäß den Ver­trags­be­din­gun­gen ins Werk gesetzt hat­te, § 311 Abs. 2 BGB 3.

Haf­tung gegen­über den (spä­te­ren) Anle­gern

Den (spä­te­ren) Anla­gern gegen­über beschränk­ten sich indes­sen die Pflich­ten des Mit­tel­ver­wen­dungs­kon­trol­leurs nicht auf die blo­ße Über­prü­fung, ob die Zeich­nungs­be­fug­nis­se für das Son­der­kon­to den Anfor­de­run­gen des Mit­tel­ver­wen­dungs­kon­troll­ver­trags ent­spra­chen, und dar­auf, der Fonds­ge­sell­schaft gegen­über auf die Besei­ti­gung der Män­gel hin­zu­wir­ken.

In dem jetzt vom BGH ent­schie­de­nen Rechts­streit war die Gesell­schaft zum Zeit­punkt des Fonds­bei­tritts der Anle­ger bereits gerau­me Zeit tätig, ohne dass der Kon­trol­leur sei­nen Ver­pflich­tun­gen nach­ge­kom­men war. Er konn­te des­halb nicht aus­schlie­ßen, dass es bereits vor dem Bei­tritt der Klä­ger dem Mit­tel­ver­wen­dungs­kon­troll­ver­trag wider­spre­chen­de Aus­zah­lun­gen von dem Son­der­kon­to gege­ben hat­te, durch die das Gesell­schafts­ver­mö­gen – auch zum Nach­teil der künf­tig bei­tre­ten­den Gesell­schaf­ter – fort­wir­kend ver­min­dert wor­den war. In die­ser Situa­ti­on hät­te der Beklag­te sei­nen vor­ver­trag­li­chen Ver­pflich­tun­gen gegen­über den Bei­tritts­in­ter­es­sen­ten nicht allein dadurch genügt, für eine ord­nungs­ge­mä­ße Mit­tel­ver­wen­dungs­kon­trol­le in der Zukunft Sor­ge zu tra­gen. Da eine zweck­wid­ri­ge Min­de­rung des Gesell­schafts­ver­mö­gens bereits ein­ge­tre­ten sein konn­te, hät­te er nach Auf­nah­me der Tätig­keit des Fonds viel­mehr unver­züg­lich zusätz­lich dar­auf hin­wei­sen müs­sen, dass die im Pro­spekt wer­bend her­aus­ge­stell­te Mit­tel­ver­wen­dungs­kon­trol­le bis­lang nicht statt­ge­fun­den hat­te. Er hät­te des­halb auf eine Ände­rung des Pro­spekts drän­gen müs­sen und Anle­ger, die vor einer der­ar­ti­gen Pro­spekt­än­de­rung ihr Inter­es­se an einer Betei­li­gung bekun­de­ten, in geeig­ne­ter ande­rer Wei­se unter­rich­ten müs­sen 4.

Der Bun­des­ge­richts­hof ver­kennt dabei nach eige­nem Bekun­den nicht, dass es für den Kon­trol­leur – anders als in den Fäl­len, in denen der Treu­hand­kom­man­di­tist zum Mit­tel­ver­wen­dungs­kon­trol­leur bestimmt ist und daher zwangs­läu­fig in unmit­tel­ba­ren Kon­takt zu den bei­tritts­wil­li­gen Anle­gern tritt -, durch­aus mit Mühen ver­bun­den gewe­sen wäre, die Anla­ge­in­ter­es­sen­ten recht­zei­tig vor Täti­gung der Anla­ge zu infor­mie­ren. Der BGH ging jedoch in dem kon­kre­ten Fall davon aus, dass ihm zumut­ba­re und hin­rei­chend erfolg­ver­spre­chen­de Mit­tel zur Ver­fü­gung stan­den. So hät­te er ins­be­son­de­re den Ver­trieb und not­falls die Fach­pres­se über die unter­blie­be­ne Mit­tel­ver­wen­dungs­kon­trol­le infor­mie­ren kön­nen. Es wird, so der BGH wei­ter, Sache des Kon­trol­leurs sein, dar­zu­tun und gege­be­nen­falls zu bewei­sen, dass ihm die Erfül­lung die­ser Infor­ma­ti­ons­pflich­ten nicht mög­lich war.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 19. Novem­ber 2009 – III ZR 109/​08

  1. BGH, Urteil vom 24.07.2003 – III ZR 390/​02, NJW-RR 2003, 1342, 1343[][]
  2. z.B.: BGHZ 84, 141, 144 f; BGH, Urtei­le vom 12.02.2009 – III ZR 90/​08, NJW-RR 2009, 613, 614 Rn. 8; und vom 29.05.2008 – III ZR 59/​07, NJW-RR 2008, 1129, 1130 Rn. 8, jeweils m.w.N.[]
  3. vgl. auch BGHZ 145, 187, 197[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 24. Juli 2003 aaO[]