End­fäl­li­ges Ver­brau­cher­dar­lehn – und die geplan­te Til­gung mit­tels Lebens­ver­si­che­rung

Ein end­fäl­li­ger Ver­brau­cher­dar­le­hens­ver­trag, auf den der Dar­le­hens­neh­mer wäh­rend der Lauf­zeit nur Zin­sen an den Dar­le­hens­ge­ber zahlt, und ein im Zusam­men­hang damit abge­schlos­se­ner Ver­trag über eine Kapi­tal­le­bens­ver­si­che­rung, mit der das Dar­le­hen bei Fäl­lig­keit getilgt wer­den soll, sind kei­ne ver­bun­de­nen Ver­trä­ge im Sin­ne des § 358 Abs. 3 BGB in der Fas­sung des Geset­zes vom 23.07.20021, wenn die Ver­si­che­rungs­prä­mie nicht in Form einer Ein­mal­zah­lung zu ent­rich­ten ist, die ganz oder teil­wei­se durch das Dar­le­hen finan­ziert wird. In die­sem Fall kommt auch kei­ne ana­lo­ge Anwen­dung von § 358 BGB in Betracht.

End­fäl­li­ges Ver­brau­cher­dar­lehn – und die geplan­te Til­gung mit­tels Lebens­ver­si­che­rung

Der Wider­ruf des Dar­le­hens­ver­trags führt daher nicht dazu, dass die Dar­lehns­neh­me­rin gemäß § 358 Abs. 2 Satz 1 BGB aF nicht mehr an den Lebens­ver­si­che­rungs­ver­trag gebun­den ist und die Bank gemäß § 358 Abs. 4 Satz 3 BGB aF im Ver­hält­nis zur Dar­lehns­neh­me­rin hin­sicht­lich der Rechts­fol­gen des Wider­rufs in die Rech­te und Pflich­ten des Ver­si­che­rers aus dem Lebens­ver­si­che­rungs­ver­trag ein­ge­tre­ten ist.

Nach § 358 Abs. 3 Satz 1 BGB aF sind ein Ver­trag über die Lie­fe­rung einer Ware oder die Erbrin­gung einer ande­ren Leis­tung und ein Ver­brau­cher­dar­le­hens­ver­trag ver­bun­den, wenn das Dar­le­hen ganz oder teil­wei­se der Finan­zie­rung des ande­ren Ver­trags dient und bei­de Ver­trä­ge eine wirt­schaft­li­che Ein­heit bil­den.

Ob ein end­fäl­li­ger Dar­le­hens­ver­trag, auf den der Dar­le­hens­neh­mer wäh­rend der Lauf­zeit nur Zin­sen an den Dar­le­hens­ge­ber zahlt, und ein im Zusam­men­hang damit abge­schlos­se­ner Ver­trag über eine Kapi­tal­le­bens­ver­si­che­rung, mit der das Dar­le­hen bei Fäl­lig­keit getilgt wer­den soll, ver­bun­de­ne Ver­trä­ge im Sin­ne des § 358 Abs. 3 BGB aF sind, ist in der Lite­ra­tur umstrit­ten. Zum Teil wird dies ganz all­ge­mein bejaht2. Dem­ge­gen­über ver­neint die Gegen­auf­fas­sung das Vor­lie­gen von ver­bun­de­nen Ver­trä­gen, wenn die Ver­si­che­rungs­prä­mi­en nicht durch das Dar­le­hen (mit)finanziert wer­den3.

Zutref­fend ist die zweit­ge­nann­te Auf­fas­sung. Ein end­fäl­li­ger Dar­le­hens­ver­trag und ein der Til­gung des Dar­le­hens die­nen­der Lebens­ver­si­che­rungs­ver­trag bil­den kei­ne ver­bun­de­nen Ver­trä­ge im Sin­ne des § 358 Abs. 3 Satz 1 BGB aF, wenn die Ver­si­che­rungs­prä­mie nicht in Form einer Ein­mal­zah­lung zu ent­rich­ten ist, die ganz oder teil­wei­se durch das Dar­le­hen finan­ziert wird.

Zwar stellt die Kapi­tal­le­bens­ver­si­che­rung eine „ande­re Leis­tung” im Sin­ne die­ser Vor­schrift dar.

Der Dar­le­hens­ver­trag und der Kapi­tal­le­bens­ver­si­che­rungs­ver­trag sind recht­lich selb­stän­di­ge Ver­trä­ge über die Gewäh­rung eines Dar­le­hens und die Gewäh­rung von Ver­si­che­rungs­schutz4. Dem­entspre­chend unter­schied § 492 Abs. 1 Satz 5 Nr. 4 und 6 BGB (in der Fas­sung des Geset­zes vom 23.07.20021, nach­fol­gend aF)) zwi­schen den Kos­ten des Dar­le­hens und den Kos­ten von Ver­si­che­run­gen, die im Zusam­men­hang mit dem Dar­le­hens­ver­trag abge­schlos­sen wur­den5. Dass die Kos­ten der Kapi­tal­le­bens­ver­si­che­rung gemäß § 492 Abs. 1 Satz 5 Nr. 6 BGB aF in der vom Dar­le­hens­neh­mer zu unter­zeich­nen­den Ver­trags­er­klä­rung anzu­ge­ben waren6, ändert nichts dar­an, dass es sich um die Kos­ten einer zu der Dar­le­hens­ge­wäh­rung hin­zu­tre­ten­den „ande­ren” Leis­tung im Sin­ne des § 358 Abs. 3 Satz 1 BGB aF han­delt.

Die­ser Beur­tei­lung steht auch nicht ent­ge­gen, dass der Ver­si­che­rungs­ver­trag für die Pflicht des Dar­le­hens­ge­bers zur Gesamt­be­trags­an­ga­be nach § 492 Abs. 1 Satz 5 Nr. 2 BGB aF von Bedeu­tung sein kann7. Denn die­se Vor­schrift legt nicht die ver­trag­li­chen Haupt­leis­tungs­pflich­ten fest, son­dern regelt nur die ver­trag­li­che Infor­ma­ti­on des Ver­brau­chers8, um ihm eine sach­ge­rech­te Ent­schei­dung über die Kre­dit­auf­nah­me und einen Ver­gleich mit ande­ren Ange­bo­ten zu ermög­li­chen, so dass inso­weit sei­ne (wirt­schaft­li­che) Sicht maß­geb­lich ist9. Dar­aus lässt sich nicht fol­gern, dass die Lebens­ver­si­che­rung kei­ne eigen­stän­di­ge Leis­tung im Sin­ne des § 358 Abs. 3 BGB aF aus einem neben dem Dar­le­hens­ver­trag ste­hen­den Ver­trag beinhal­tet. Hier­für spricht fer­ner, dass aus der Pflicht zur Berück­sich­ti­gung von Lebens­ver­si­che­rungs­bei­trä­gen bei der Gesamt­be­trags­an­ga­be nicht folgt, dass die­se Bei­trä­ge auch bei der Ermitt­lung des effek­ti­ven Jah­res­zin­ses zu berück­sich­ti­gen wären10.

Ein Kapi­tal­le­bens­ver­si­che­rungs­ver­trag ist aber jeden­falls dann kein mit dem Ver­brau­cher­dar­le­hens­ver­trag ver­bun­de­ner Ver­trag, wenn die Ver­si­che­rungs­prä­mie nicht in Form einer Ein­mal­zah­lung zu ent­rich­ten ist, die ganz oder teil­wei­se durch das Dar­le­hen finan­ziert wird.

Denn § 358 Abs. 3 Satz 1 BGB aF ent­hält zwei eigen­stän­di­ge Vor­aus­set­zun­gen11. So muss ers­tens das Dar­le­hen ganz oder teil­wei­se der Finan­zie­rung des ande­ren Ver­trags die­nen und zwei­tens müs­sen bei­de Ver­trä­ge eine wirt­schaft­li­che Ein­heit bil­den. Fehlt schon der not­wen­di­ge Finan­zie­rungs­zu­sam­men­hang, weil die Ver­si­che­rungs­prä­mie nicht ganz oder teil­wei­se aus dem Dar­le­hen finan­ziert wird, kommt es nicht mehr dar­auf an, ob Dar­le­hens- und Kapi­tal­le­bens­ver­si­che­rungs­ver­trag des­halb eine wirt­schaft­li­che Ein­heit bil­den, weil die Aus­set­zung der Til­gung des Dar­le­hens nur im Hin­blick auf den par­al­le­len Abschluss des Ver­si­che­rungs­ver­trags, mit des­sen Ablauf­leis­tung spä­ter die Til­gung erfol­gen soll, ver­ein­bart wur­de. In die­sem Fall dient nicht das Dar­le­hen der Finan­zie­rung des Kapi­tal­le­bens­ver­si­che­rungs­ver­trags, son­dern die aus ande­ren Mit­teln anzu­spa­ren­de Ver­si­che­rungs­sum­me dient der Til­gung des Ver­brau­cher­dar­le­hens. Die­se Kon­stel­la­ti­on wird von § 358 Abs. 3 BGB aF nicht erfasst.

Im vor­lie­gen­den Fall dien­te das Dar­le­hen auch nicht des­halb ganz oder teil­wei­se der Finan­zie­rung des Lebens­ver­si­che­rungs­ver­trags, weil der Dar­le­hens­nenn­be­trag die ers­te Prä­mie für die Lebens­ver­si­che­rung umfass­te, die direkt von der Bank an den Ver­si­che­rer gezahlt wur­de.

Denn die Ver­si­che­rungs­prä­mie war nicht in Form einer Ein­mal­zah­lung zu erbrin­gen, son­dern in 180 monat­li­chen Raten, und die Zah­lung der ers­ten Rate aus dem Dar­le­hens­ver­trag stellt sich ledig­lich als Abkür­zung der Zah­lungs­we­ge dar, die – wor­auf der Dar­lehns­neh­mer­ver­tre­ter in der münd­li­chen Ver­hand­lung hin­ge­wie­sen hat – eine zuver­läs­si­ge und pünkt­li­che Zah­lung der ers­ten, nach §§ 35, 38 VVG (in der bis zum 31.12 2007 gel­ten­den Fas­sung) für den Bestand des Ver­si­che­rungs­ver­trags beson­ders bedeut­sa­men Prä­mie gewähr­leis­ten soll­te. Dies ergibt sich dar­aus, dass der Aus­zah­lungs­be­trag des Dar­le­hens nicht durch einen genau bezif­fer­ten Finanz­be­darf der Dar­lehns­neh­me­rin bestimmt wur­de. Viel­mehr wur­de ein „glat­ter” Dar­le­hens­nenn­be­trag gewählt, von dem zunächst eine Bear­bei­tungs­ge­bühr und die ers­te Ver­si­che­rungs­prä­mie abge­zo­gen und sodann ver­schie­de­ne Kre­di­te der Dar­lehns­neh­me­rin abge­löst wur­den, bevor der vier­stel­li­ge Rest­be­trag zur frei­en Ver­fü­gung an die Dar­lehns­neh­me­rin aus­ge­zahlt wur­de. Fer­ner war zwi­schen den Par­tei­en ver­ein­bart, dass die Ver­si­che­rungs­prä­mi­en mit den Zins­ra­ten durch die beklag­te Dar­le­hens­ge­be­rin von einem Kon­to der Dar­lehns­neh­me­rin ein­ge­zo­gen und sodann an den Ver­si­che­rer wei­ter­ge­lei­tet wer­den. Wäre die ers­te Ver­si­che­rungs­prä­mie nicht direkt von der Bank an den Ver­si­che­rer gezahlt wor­den, hät­te die Dar­lehns­neh­me­rin die­se Prä­mie aus ihrem sons­ti­gen Ver­mö­gen zah­len müs­sen, wäh­rend ein ent­spre­chend höhe­rer Betrag an sie zur frei­en Ver­fü­gung aus­ge­zahlt wor­den wäre.

Es kommt auch kei­ne ana­lo­ge Anwen­dung von § 358 Abs. 3 Satz 1 BGB aF in Betracht. Für eine Ana­lo­gie fehlt es jeden­falls an einer plan­wid­ri­gen Rege­lungs­lü­cke12.

Das Vor­lie­gen einer sol­chen Rege­lungs­lü­cke kann nicht aus der Ein­fü­gung von § 359a BGB aF, der gemäß Art. 229 § 22 Abs. 2 EGBGB nur für seit dem 11.06.2010 abge­schlos­se­ne Ver­trä­ge gilt, abge­lei­tet wer­den. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­si­on dien­te die Schaf­fung die­ser Vor­schrift nicht dazu, eine vom Gesetz­ge­ber als aus­fül­lungs­be­dürf­tig erkann­te Lücke in § 358 Abs. 3 BGB aF im Inter­es­se der Rechts­si­cher­heit durch eine aus­drück­li­che Rege­lung zu schlie­ßen, son­dern der Umset­zung der neu­en Vor­ga­ben der Ver­brau­cher­kre­dit­richt­li­nie13. Da die Mit­glied­staa­ten die Vor­schrif­ten zur Umset­zung der Ver­brau­cher­kre­dit­richt­li­nie nach deren Art. 27 Abs. 1 Unter­abs. 214 ab dem 11.06.2010 anzu­wen­den haben, sind die Vor­ga­ben die­ser Richt­li­nie für vor die­sem Datum abge­schlos­se­ne Ver­trä­ge nicht maß­geb­lich und erfor­dern dies­be­züg­lich auch kei­ne rück­wir­ken­de richt­li­ni­en­kon­for­me Aus­le­gung der natio­na­len Vor­schrif­ten.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 5. Mai 2015 – XI ZR 406/​13

  1. BGBl. I S. 2850
  2. Hön­nin­ger in juris­PK-BGB, 7. Aufl., § 358 Rn. 10; Scholz, Ver­brau­cher­kre­dit­ver­trä­ge, 2. Aufl., Rn. 347
  3. Nobbe/​Maihold, Kom­men­tar zum Kre­dit­recht, 2. Aufl., § 358 BGB Rn. 32; Bülow/​Artz, Ver­brau­cher­kre­dit­recht, 8. Aufl., § 495 BGB Rn. 271; Bülow WuB – I E 2. § 358 BGB 1.09; Münch­Komm-BGB/Ha­ber­sack, 6. Aufl., § 358 Rn. 13; Stau­din­ger/Kes­sal-Wulf, BGB, Neubearb.2012, § 358 Rn. 39; Soergel/​Pfeiffer, BGB, 13. Aufl., § 358 Rn. 21; Dre­scher, Ver­brau­cher­kre­dit­ge­setz und Ban­ken­pra­xis, 1994, Rn. 254; Emme­rich in v. Westphalen/​Emmerich/​v. Rot­ten­burg, Ver­brKrG, 2. Aufl., § 9 Rn. 73; Münstermann/​Hannes, Ver­brKrG, 1991, Rn. 545; Pech­told, Der Tat­be­stand des ver­bun­de­nen Geschäfts zwi­schen nor­mier­ter Recht­spre­chung und Rege­lungs­kon­zep­ti­on des § 9 Ver­brKrG, 2000, S. 272 f.; uner­gie­big zu die­ser Fra­ge trotz des zwei­ten Leit­sat­zes KG Ber­lin, WM 2005, 2218, 2222
  4. vgl. BGH, Urteil vom 15.12 2009 – XI ZR 45/​09, BGHZ 184, 1 Rn. 21 zur Rest­schuld­ver­si­che­rung
  5. vgl. BGH, Urteil vom 15.12 2009, aaO
  6. vgl. BGH, Urteil vom 18.01.2005 – XI ZR 17/​04, BGHZ 162, 20, 27 ff. zu § 4 Abs. 1 Satz 4 Nr. 1 Buchst. f Ver­brKrG aF
  7. vgl. BGH, Urtei­le vom 18.12 2001 – XI ZR 156/​01, BGHZ 149, 302, 306 ff.; vom 08.06.2004 – XI ZR 150/​03, BGHZ 159, 270, 277; und vom 19.02.2008 – XI ZR 23/​07, WM 2008, 681 Rn. 14
  8. vgl. BGH, Urteil vom 13.05.2014 – XI ZR 405/​12, BGHZ 201, 168 Rn. 34 f.
  9. vgl. BGH, Urtei­le vom 18.12 2001, aaO, S. 308; und vom 08.06.2004, aaO, S. 277 f.
  10. vgl. BGH, Urteil vom 18.01.2005 – XI ZR 17/​04, BGHZ 162, 20, 25 f. zu § 4 Abs. 1 und 2 Ver­brKrG aF
  11. vgl. BGH, Urteil vom 28.05.2013 – XI ZR 6/​12, WM 2013, 1314 Rn. 30; Münch­Komm-BGB/Ha­ber­sack, 6. Aufl., § 358 Rn. 29; Palandt/​Grüneberg, BGB, 74. Aufl. § 358 Rn. 10; Stau­din­ger/Kes­sal-Wulf, BGB, Neubearb.2012, § 358 Rn. 25; Nobbe/​Maihold, Kom­men­tar zum Kre­dit­recht, 2. Aufl., § 358 BGB Rn. 25, 36
  12. zu die­sem Erfor­der­nis sie­he BGH, Urteil vom 22.05.2012 – XI ZR 290/​11, BGHZ 193, 238 Rn. 45 mwN
  13. vgl. BT-Drs. 16/​11643 S. 73
  14. in der berich­tig­ten Fas­sung, ABl. EU 2009 Nr. L 207 S. 14