Lich­ten­stei­ni­sche Ver­mö­gens­ver­wal­tung – und deut­scher Gerichts­stand

Nach § 29c Abs. 1 Satz 1 ZPO 1 ist für Kla­gen aus Haus­tür­ge­schäf­ten im Sin­ne des § 312 BGB 2 das Gericht zustän­dig, in des­sen Bezirk der Ver­brau­cher zur Zeit der Kla­ge­er­he­bung sei­nen Wohn­sitz, in Erman­ge­lung eines sol­chen sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt hat (jetzt: beson­de­rer Gerichts­stand für Kla­gen aus außer­halb von Geschäfts­räu­men geschlos­se­nen Ver­trä­gen; sie­he jeweils § 29c Abs. 1 Satz 1 ZPO und § 312b BGB 3).

Lich­ten­stei­ni­sche Ver­mö­gens­ver­wal­tung – und deut­scher Gerichts­stand

Der Anwen­dungs­be­reich des § 29c ZPO ist eröff­net, wenn der Klä­ger gel­tend macht, dass ein Haus­tür­ge­schäft im Sin­ne des § 312 BGB vor­lie­ge 4.

Bei der Kla­ge eines Ver­brau­chers aus einem Haus­tür­ge­schäft nach § 29c Abs. 1 Satz 1 ZPO aF ist – anders als bei Kla­gen gegen den Ver­brau­cher nach § 29c Abs. 1 Satz 2 ZPO – kein aus­schließ­li­cher Gerichts­stand gege­ben 5. Der streit­ge­gen­ständ­li­chen Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung steht daher nicht § 40 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 ZPO ent­ge­gen 6.

Der Gerichts­stand für Kla­gen des Ver­brau­chers ist in § 29c Abs. 1 Satz 1 ZPO als beson­de­rer Gerichts­stand aus­ge­stal­tet, um dem Ver­brau­cher zugleich die Mög­lich­keit zu erhal­ten, am all­ge­mei­nen Gerichts­stand der ande­ren Ver­trags­par­tei und am Erfül­lungs­ort zu kla­gen 7. Die Aus­ge­stal­tung des § 29c Abs. 1 Satz 1 ZPO als beson­de­rer Gerichts­stand bedeu­tet indes nicht, dass Gerichts­stands­ver­ein­ba­run­gen, durch die die­ser Gerichts­stand dero­giert wird, gesetz­lich nicht begrenzt bezie­hungs­wei­se aus­ge­schlos­sen sein kön­nen. Letz­te­res erfolgt in § 29c Abs. 3 ZPO. Nach die­ser Vor­schrift ist die streit­ge­gen­ständ­li­che Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung unzu­läs­sig.

Nach § 29c Abs. 3 ZPO ist eine von § 29c Abs. 1 ZPO abwei­chen­de Ver­ein­ba­rung zuläs­sig für den Fall, dass der Ver­brau­cher nach Ver­trags­schluss sei­nen Wohn- oder Auf­ent­halts­ort ins Aus­land ver­legt oder sein Wohn- und Auf­ent­halts­ort im Zeit­punkt der Kla­ge­er­he­bung nicht bekannt ist. Die Vor­schrift erlaubt damit für den von ihr genann­ten Fall in Abwei­chung von § 29c Abs. 1 Satz 2 in Ver­bin­dung mit § 40 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 ZPO den Abschluss einer Gerichts­stand­ver­ein­ba­rung 8.

Hier­in erschöpft sich der Rege­lungs­ge­halt des § 29c Abs. 3 ZPO jedoch nicht. Viel­mehr wird durch die Vor­schrift jen­seits der dort genann­ten Aus­nah­men jeg­li­che von § 29c Abs. 1 ZPO, das heißt auch von – wie vor­lie­gend – § 29c Abs. 1 Satz 1 ZPO abwei­chen­de Ver­ein­ba­rung aus­ge­schlos­sen 9.

Dies ergibt sich bereits unmit­tel­bar aus dem Wort­laut von § 29c Abs. 3 ZPO, der sich unein­ge­schränkt auf den gesam­ten Absatz 1 von § 29c ZPO und nicht nur auf des­sen Satz 2 bezieht 10. Zwar betref­fen die in § 29c Abs. 3 ZPO gere­gel­ten Fall­kon­stel­la­tio­nen, in denen aus­nahms­wei­se eine abwei­chen­de Ver­ein­ba­rung zuläs­sig ist, Kla­gen gegen den Ver­brau­cher und mit­hin § 29c Abs. 1 Satz 2 ZPO. Dar­aus folgt indes nicht, dass sich § 29c Abs. 3 ZPO ins­ge­samt nur auf § 29c Abs. 1 Satz 2 ZPO bezieht.

Auch Ent­ste­hungs­ge­schich­te sowie Sinn und Zweck der Norm spre­chen für eine Aus­le­gung von § 29c Abs. 3 ZPO dahin­ge­hend, dass Gerichts­stands­ver­ein­ba­run­gen, die für Kla­gen des Ver­brau­chers von § 29c Abs. 1 Satz 1 ZPO abwei­chen, nicht zuläs­sig sind.

Die mit dem Gesetz zur Moder­ni­sie­rung des Schuld­rechts vom 26.11.2001 11 ein­ge­füg­te Vor­schrift des § 29c ZPO ist an die Stel­le von § 7 des Geset­zes über den Wider­ruf von Haus­tür­ge­schäf­ten und ähn­li­chen Geschäf­ten (HWiG) 12 getre­ten 13. Nach § 7 Abs. 1 HWiG war das Gericht für Kla­gen aus Haus­tür­ge­schäf­ten aus­schließ­lich zustän­dig, in des­sen Bezirk der Kun­de zur Zeit der Kla­ge­er­he­bung sei­nen Wohn­sitz, in Erman­ge­lung eines sol­chen sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halts­ort hat­te. Für Kla­gen des Ver­brau­chers galt mit­hin ein aus­schließ­li­cher Gerichts­stand, der nach § 40 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 ZPO nicht dero­giert wer­den konn­te. Sinn und Zweck des aus­schließ­li­chen Gerichts­stan­des nach § 7 Abs. 1 HWiG war es, den Ver­brau­cher davor zu schüt­zen, sei­ne Rech­te im Wege der Kla­ge­er­he­bung an einem unter Umstän­den weit ent­fernt lie­gen­den Gericht gel­tend machen zu müs­sen 14.

Durch die Neu­fas­sung von § 7 Abs. 1 HWiG in § 29c Abs. 1 ZPO soll­te der Ver­brau­cher in glei­cher Wei­se wie bis­her geschützt wer­den und zusätz­lich die Mög­lich­keit erhal­ten, am all­ge­mei­nen Gerichts­stand der ande­ren Ver­trags­par­tei und am Erfül­lungs­ort zu kla­gen 13. Mit der somit vom Gesetz­ge­ber aus­drück­lich ange­streb­ten Auf­recht­erhal­tung des bis­he­ri­gen Schutz­ni­veaus wäre es indes nicht ver­ein­bar, wenn durch die Neu­fas­sung nun­mehr – ent­ge­gen § 7 Abs. 1 HWiG – dem Ver­trags­part­ner des Ver­brau­chers die Mög­lich­keit eröff­net wür­de, durch eine Gerichts­stand­ver­ein­ba­rung dem Ver­brau­cher den Gerichts­stand des § 29c Abs. 1 Satz 1 ZPO zu neh­men und ihn auf die­se Wei­se dazu zu zwin­gen, sei­ne Rech­te an einem unter Umstän­den weit ent­fernt lie­gen­den Gericht gel­tend machen zu müs­sen 15. Hier­durch wür­de der Schutz des Ver­brau­chers im Ver­hält­nis zur bis­he­ri­gen Rechts­la­ge nicht erwei­tert, son­dern ein­ge­schränkt.

Der Sinn und Zweck die­ser ursprüng­lich spe­zi­al­ge­setz­li­chen Rege­lung besteht auch nach ihrer Ein­fü­gung in die Zivil­pro­zess­ord­nung unver­än­dert dar­in, den Ver­brau­cher im Pro­zess­fall davor zu bewah­ren, sei­ne Rech­te bei einem mög­li­cher­wei­se weit ent­fern­ten Gericht gel­tend machen zu müs­sen 5. Die­ser fort­be­stehen­de Zweck und die vom Gesetz­ge­ber beab­sich­tig­te Auf­recht­erhal­tung des Schutz­ni­veaus des § 7 Abs. 1 HWiG unter gleich­zei­ti­ger Eröff­nung zusätz­li­cher Gerichts­stän­de wer­den nur durch eine Aus­le­gung von § 29 Abs. 3 ZPO dahin­ge­hend gewähr­leis­tet, dass der bis­he­ri­ge, durch § 7 Abs. 1 HWiG eröff­ne­te Gerichts­stand für den Ver­brau­cher erhal­ten bleibt und wei­ter­hin nicht dero­giert wer­den kann, von § 29c Abs. 1 Satz 1 ZPO abwei­chen­de Ver­ein­ba­run­gen mit­hin nicht zuläs­sig sind.

Die Aus­le­gung von § 29c Abs. 3 ZPO im vor­ste­hen­den Sin­ne steht im Ein­klang mit Art. 16 Abs. 1 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 44/​2001 vom 22.12 2000 des Rates über die gericht­li­che Zustän­dig­keit und die Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung von Ent­schei­dun­gen in Zivil- und Han­dels­sa­chen (EUGVVO) 16. Danach kann die Kla­ge eines Ver­brau­chers gegen den ande­ren Ver­trags­part­ner ent­we­der vor den Gerich­ten des Mit­glied­staats erho­ben wer­den, in des­sen Hoheits­ge­biet die­ser Ver­trags­part­ner sei­nen Wohn­sitz hat, oder vor dem Gericht des Ortes, an dem der Ver­brau­cher sei­nen Wohn­sitz hat. Hier­von kann nach Art. 17 EUGVVO nur in den dort bestimm­ten – vor­lie­gend nicht ein­schlä­gi­gen – Fäl­len abge­wi­chen wer­den. Ins­be­son­de­re kön­nen Gerichts­stands­ver­ein­ba­run­gen grund­sätz­lich nicht in den Haupt­ver­trag auf­ge­nom­men wer­den 17. Zwar sind – wie das Beru­fungs­ge­richt zutref­fend erkannt hat – die Bestim­mun­gen der EUGVVO vor­lie­gend nicht unmit­tel­bar anwend­bar. Anhalts­punk­te dafür, dass der deut­sche Gesetz­ge­ber bei der Aus­ge­stal­tung des natio­na­len Ver­brau­cher­zi­vil­pro­zess­rechts für außer­halb des räum­li­chen Anwen­dungs­be­reichs der EUGVVO lie­gen­de Sach­ver­hal­te hin­ter deren Schutz­ni­veau zurück­blei­ben woll­te, sind jedoch nicht ersicht­lich.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 30. Okto­ber 2014 – III ZR 71/​14

  1. in der für den Streit­fall maß­geb­li­chen Fas­sung der Bekannt­ma­chung vom 05.12 2005, BGBl. I S. 3202[]
  2. in der Fas­sung der Bekannt­ma­chung vom 02.01.2002, BGBl. I 42[]
  3. in der seit dem 13.06.2014 gel­ten­den Fas­sung des Geset­zes zur Umset­zung der Ver­brau­cher­rech­te­richt­li­nie und zur Ände­rung des Geset­zes zur Rege­lung der Woh­nungs­ver­mitt­lung vom 20.09.2013, BGBl. I S. 3642[]
  4. zur Prü­fung der Zustän­dig­keit nach § 29c Abs. 1 Satz 1 ZPO auf der Grund­la­ge des Klä­ger­vor­trags vgl. Münch­Komm-ZPO/Patz­i­na, ZPO, 4. Aufl., § 29c Rn. 25; Zöller/​Vollkommer, ZPO, 30. Aufl., § 29c Rn. 9; Musielak/​Heinrich, ZPO, 11. Aufl., § 29c Rn. 14[]
  5. BGH, Beschluss vom 07.01.2003 – X AZR 362/​02, WM 2003, 605, 606[][]
  6. vgl. in einem Par­al­lel­fall: KG, BKR 2014, 390, 391 f[]
  7. vgl. Ent­wurf eines Geset­zes zur Moder­ni­sie­rung des Schuld­rechts, BT-Drs. 14/​6040 S. 278[]
  8. BeckOK/​Toussaint, ZPO, § 29c [15.06.2014] Rn.19; Musielak/​Heinrich, ZPO, 11. Aufl., § 29c Rn. 13; Hk-ZPO/­Bendt­sen, 5. Aufl., § 29c Rn. 8; Zöller/​Vollkommer, ZPO, 30. Aufl., § 29c Rn. 11[]
  9. OLG Bam­berg, Urteil vom 12.07.2013 – 6 U 8/​13, Sei­te 6 f, n.v.; OLG Stutt­gart, Beschluss vom 05.07.2012 – 5 U 73/​12; Baumbach/​Lauterbach/​Albers/​Hartmann, ZPO, 72. Aufl., § 29c Rn. 7; Teu­ber, Die inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit bei Ver­brau­cher­strei­tig­kei­ten, 2003, Sei­te 137 f; Klein­knecht, Die ver­brau­cher­schüt­zen­den Gerichts­stän­de im deut­schen und euro­päi­schen Zivil­pro­zess­recht, 2007, Sei­te 190[]
  10. OLG Bam­berg aaO; OLG Stutt­gart aaO; Teu­ber aaO[]
  11. BGBl. I S. 3138[]
  12. vom 16.01.1986, BGBl. I S. 122[]
  13. BT-Drs. 14/​6040 aaO[][]
  14. Ent­wurf eines Geset­zes über den Wider­ruf von Haus­tür­ge­schäf­ten und ähn­li­chen Geschäf­ten, BT-Drs. 10/​2876 S. 15[]
  15. OLG Bam­berg aaO; Teu­ber aaO[]
  16. ABl. EG 2001 Nr. L 12 S. 1; vgl. hier­zu Gans­sau­ge, Inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit und anwend­ba­res Recht bei Ver­brau­cher­ver­trä­gen im Inter­net, 2004, Sei­te 85[]
  17. Zöller/​Geimer, ZPO, 30. Aufl., Art. 17 EUGVVO Rn. 1[]
  18. in der für den Streit­fall maß­geb­li­chen Fas­sung der Bekannt­ma­chung vom 05.12 2005, BGBl. I S. 3202[]

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