Ver­jäh­rung, weil der Ehe­gat­te den Anla­ge­pro­spekt gele­sen hat?

Die Kennt­nis oder grob fahr­läs­si­ge Unkennt­nis vom Bera­tungs­feh­ler eines Anla­ge­be­ra­ters lässt sich nicht schon dar­aus her­lei­ten, dass der Ehe­gat­te des Anle­gers den Anla­ge­pro­spekt nach Ein­stel­lung der pro­spek­tier­ten Aus­schüt­tun­gen "genau durch­ge­le­sen" hat. Die bei der Lek­tü­re des Pro­spekts gewon­ne­nen Erkennt­nis­se muss sich der Anle­ger nur dann zurech­nen las­sen, wenn der Ehe­gat­te als Wis­sens­ver­tre­ter des Anle­gers tätig gewor­den ist. Dies setzt ins­be­son­de­re vor­aus, dass ihm im Zusam­men­hang mit der Ver­fol­gung des Scha­dens­er­satz­an­spruchs gegen den Bera­ter die Kennt­nis­nah­me von bestimm­ten Tat­sa­chen oder die Vor­nah­me der erfor­der­li­chen Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen über­tra­gen wor­den ist. Letz­te­res darf auch bei Ehe­gat­ten nicht schlicht ver­mu­tet, son­dern muss vom Tatrich­ter auf der Grund­la­ge hin­rei­chend trag­fä­hi­ger Anhalts­punk­te fest­ge­stellt wer­den.

Ver­jäh­rung, weil der Ehe­gat­te den Anla­ge­pro­spekt gele­sen hat?

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs kommt es hin­sicht­lich der Kennt­nis der für den Beginn der Ver­jäh­rungs­frist maß­ge­ben­den Umstän­de grund­sätz­lich auf die Per­son des Anspruchs­in­ha­bers selbst an 1.

Aller­dings muss sich der Anspruchs­in­ha­ber das Wis­sen eines Drit­ten ent­spre­chend § 166 Abs. 1 BGB und mit Rück­sicht auf Treu und Glau­ben (§ 242 BGB) dann als eige­nes Wis­sen zurech­nen las­sen, wenn er den Drit­ten mit der Erle­di­gung bestimm­ter Ange­le­gen­hei­ten in eige­ner Ver­ant­wor­tung betraut, ins­be­son­de­re ihm im Zusam­men­hang mit der Ver­fol­gung des Anspruchs die Kennt­nis­nah­me von bestimm­ten Tat­sa­chen oder die Vor­nah­me der erfor­der­li­chen Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen über­tra­gen hat; in die­sen Fäl­len ist der Drit­te als "Wis­sens­ver­tre­ter" des Anspruchs­in­ha­bers zu behan­deln 2. Die hier­auf gegrün­de­te Zurech­nung umfasst nicht nur das posi­ti­ve Wis­sen des Wis­sens­ver­tre­ters, son­dern auch sei­ne leicht­fer­ti­ge oder grob fahr­läs­si­ge Unkennt­nis 3.

Die­se Grund­sät­ze erfah­ren kei­ne Aus­nah­me, wenn und soweit es um die Zurech­nung der Kennt­nis (oder einer grob fahr­läs­si­gen Unkennt­nis) des Ehe­gat­ten des Anspruchs­in­ha­bers geht. Die Auf­fas­sung, wonach sich Ehe­leu­te in Bezug auf den Ver­jäh­rungs­be­ginn etwa stets wech­sel­sei­tig ihre Kennt­nis oder grob­fahr­läs­si­ge Unkennt­nis zurech­nen las­sen müss­ten, fin­det im gel­ten­den Recht kei­ne Grund­la­ge; sie lie­fe auch auf eine ver­fas­sungs­recht­lich unzu­läs­si­ge Benach­tei­li­gung Ver­hei­ra­te­ter (Art. 6 Abs. 1 GG) hin­aus 4 und wird – soweit ersicht­lich – weder im Schrift­tum noch in der Recht­spre­chung ver­tre­ten. Etwas ande­res ergibt sich ins­be­son­de­re nicht aus dem Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs vom 20.01.1976 5. Im dor­ti­gen Fall bejah­te der Bun­des­ge­richts­hof eine Wis­sens­zu­rech­nung unter Ehe­gat­ten nach den Grund­sät­zen über den Wis­sens­ver­tre­ter mit der Begrün­dung, dass die Ehe­frau "die gan­ze Ange­le­gen­heit ihrem Ehe­mann über­las­sen hat". Dabei ging es um Scha­dens­er­satz­an­sprü­che des gemein­sa­men min­der­jäh­ri­gen Kin­des der Ehe­gat­ten wegen eines ärzt­li­chen Behand­lungs­feh­lers (Strah­len­scha­den) und die dies­be­züg­li­chen Kennt­nis­se bei­der Ehe­gat­ten als gemein­sa­me gesetz­li­che Ver­tre­ter ihres Kin­des, mit­hin um einen Gegen­stand der gemein­schaft­li­chen elter­li­chen Sor­ge. Eine Abwei­chung von den vor­ge­nann­ten Grund­sät­zen über die Zurech­nung der Kennt­nis oder grob fahr­läs­si­gen Unkennt­nis eines "Wis­sens­ver­tre­ters" ist hier­nach nicht erkenn­bar.

Sonach kommt es für die Fra­ge, ob der Anle­ger sich die Pro­spekt­lek­tü­re sei­ner Ehe­frau ver­jäh­rungs­recht­lich zurech­nen las­sen muss, maß­geb­lich dar­auf an, ob die oben beschrie­be­nen Vor­aus­set­zun­gen für die Annah­me einer Wis­sens­ver­tre­tung vor­lie­gen. Soweit das Beru­fungs­ge­richt die Wis­sens­ver­tre­tung und den Grund­satz von Treu und Glau­ben (§ 242 BGB) neben­ein­an­der gestellt und eine par­al­le­le und "iso­lier­te" Anwen­dung von § 242 BGB bejaht hat, hat es nicht berück­sich­tigt, dass das Insti­tut der Wis­sens­ver­tre­tung sei­ner­seits – neben § 166 Abs. 1 BGB – auf § 242 BGB gegrün­det ist. Für einen par­al­le­len und iso­lier­ten Rück­griff auf § 242 BGB besteht neben dem Insti­tut der Wis­sens­ver­tre­tung in aller Regel – und so auch im vor­lie­gen­den Fall – weder ein Bedarf noch ein recht­fer­ti­gen­der Anlass.

Für die Annah­me einer Wis­sens­ver­tre­tung des Anle­gers durch sei­ne Ehe­frau genügt es nicht, dass die Kapi­tal­an­la­ge unter Mit­wir­kung der Ehe­frau und im gemein­sa­men Inter­es­se der Alters­vor­sor­ge bei­der Ehe­gat­ten ein­ge­gan­gen wur­de. Erfor­der­lich ist viel­mehr, dass der Anle­ger sei­ne Ehe­frau im Zusam­men­hang mit der Ver­fol­gung der hier in Rede ste­hen­den Scha­dens­er­satz­an­sprü­che mit der Kennt­nis­nah­me oder der Ermitt­lung von Tat­sa­chen, hier ins­be­son­de­re der Lek­tü­re des Anla­ge­pro­spekts, betraut hat­te. Die hier­nach gebo­te­ne wil­lent­li­che und bewuss­te Ein­schal­tung des Ehe­gat­ten als Wis­sens­ver­tre­ter des Anspruchs­in­ha­bers darf nicht schlicht ver­mu­tet, son­dern muss vom Tatrich­ter auf der Grund­la­ge hin­rei­chend trag­fä­hi­ger Anhalts­punk­te fest­ge­stellt wer­den.

Dass im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren die Ehe­frau des Klä­gers nach ihrer Bekun­dung den Anla­ge­pro­spekt "im Zusam­men­hang mit der Ein­stel­lung der Aus­schüt­tun­gen durch die Göt­tin­ger Grup­pe" – also schon in einer gewis­sen "Kri­sen­la­ge" – durch­las, lässt nicht ohne Wei­te­res den Schluss dar­auf zu, dass dies mit Wis­sen und Wol­len des Klä­gers gesche­hen sei, etwa in dem Sin­ne, dass er die Pro­spekt­lek­tü­re sei­ner Ehe­frau über­tra­gen habe.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 13. Dezem­ber 2012 – III ZR 298/​11

  1. s. etwa BGH, Urteil vom 29.01.1968 – III ZR 118/​67, NJW 1968, 988; BGH, Urtei­le vom 15.10.1992 – IX ZR 43/​92, NJW 1993, 648, 652; vom 19.03.1997 – XII ZR 287/​95, NJW 1997, 2049, 2050 und vom 23.01.2007 aaO Rn. 35[]
  2. s. BGH, Urteil vom 29.01.1968 aaO S. 988 f; BGH, Urtei­le vom 20.01.1976 – VI ZR 15/​74, NJW 1976, 2344 f; vom 16.05.1989 aaO S. 2323 mwN; vom 15.10.1992 aaO; vom 18.01.1994 – VI ZR 190/​93, NJW 1994, 1150, 1151; vom 04.02.1997 – VI ZR 306/​95, BGHZ 134, 343, 347 f; vom 19.03.1997 aaO und vom 23.01.2007 aaO S. 11 f Rn. 35; vgl. auch BGH, Urteil vom 20.10.2011 – III ZR 252/​10, NJW 2012, 447, 448 Rn. 12; BGH, Urteil vom 25.03.1982 – VII ZR 60/​81, BGHZ 83, 293, 296[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 20.10.2011 aaO S. 449 Rn. 21; BGH, Urteil vom 16.05.1989 aaO S. 2323 f[]
  4. vgl. BVerfGE 76, 126, 129[]
  5. BGH, Urteil vom 20.01.1976 – VI ZR 15/​74 aaO[]