Kirsch­ta­ler und die Sicher­heit von Eck­zäh­nen

Wenn der Bun­des­ge­richts­hof ein Urteil mit dem Leit­satz „Zur Pro­dukt­si­cher­heit eines Gebäck­stücks mit einer Kirsch­fül­lung“ über­schreibt, ahnt man schon, dass es um eine Kuchen­tra­gö­die geht. Und tat­säch­lich:

Kirsch­ta­ler und die Sicher­heit von Eck­zäh­nen

In dem vom BGH zu ent­schei­den­den Fall nimmt der Klä­ger eine Bäcke­rei und Kon­di­to­rei, auf Ersatz mate­ri­el­len und imma­te­ri­el­len Scha­dens in Anspruch. Er ver­zehr­te am 29. Janu­ar 2007 ein von der Beklag­ten her­ge­stell­tes Gebäck­stück mit Kirsch­fül­lung und Streu­sel­be­lag, einen soge­nann­ten „Kirsch­ta­ler“. Zur Her­stel­lung der Fül­lung ver­wen­det die Beklag­te Dunst­sauer­kir­schen, die im eige­nen Saft lie­gen und über einen Durch­schlag abge­siebt wer­den. Beim Ver­zehr die­ses Gebäck­stücks biss der Klä­ger auf einen dar­in ein­ge­ba­cke­nen Kirsch­kern. Dabei brach ein Teil sei­nes obe­ren lin­ken Eck­zahns ab. Für die dadurch erfor­der­lich gewor­de­ne zahn­pro­the­ti­sche Ver­sor­gung hat­te der Klä­ger einen Eigen­an­teil von 235,60 € zu zah­len. Er begehrt Ersatz die­ser Kos­ten sowie ein ange­mes­se­nes Schmer­zens­geld (Vor­stel­lung: 200,00 €).

Das Amts­ge­richt Iser­lohn hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben, die vom Amts­ge­richt zuge­las­se­ne Beru­fung der Beklag­ten wur­de vom Land­ge­richt Hagen zurück­ge­wie­sen. Mit der vom Land­ge­richt zuge­las­se­nen Revi­si­on ver­folgt die Beklag­te ihr Kla­ge­ab­wei­sungs­be­geh­ren wei­ter und der BGH hat­te ein Ein­se­hen mit dem Bäcker:

Zwar hat ein Pro­dukt gemäß § 3 Abs. 1 Prod­HaftG einen Feh­ler, wenn es nicht die Sicher­heit bie­tet, die unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de berech­tig­ter­wei­se erwar­tet wer­den kann. Die nach § 3 Abs. 1 Prod­HaftG maß­geb­li­chen Sicher­heits­er­war­tun­gen beur­tei­len sich dabei grund­sätz­lich nach den­sel­ben objek­ti­ven Maß­stä­ben wie die Ver­kehrs­pflich­ten des Her­stel­lers im Rah­men der delik­ti­schen Haf­tung gemäß § 823 Abs. 1 BGB [1]. Auf wel­chen Per­so­nen­kreis für die Bestim­mung des zu erwar­ten­den Sicher­heits­ni­veaus abzu­stel­len ist, lässt der Wort­laut des Geset­zes offen. In der Lite­ra­tur wird hier­zu teil­wei­se auf den Erwar­tungs­ho­ri­zont der durch die feh­len­de Pro­dukt­si­cher­heit betrof­fe­nen All­ge­mein­heit [2], teil­wei­se aber auch auf die Erwar­tung des durch­schnitt­li­chen Benut­zers oder Ver­brau­chers abge­stellt [3]. In der Sache besteht jedoch Einig­keit, dass es für die Bestim­mung des Feh­ler­be­griffs nicht auf die sub­jek­ti­ven Sicher­heits­er­war­tun­gen des kon­kret Geschä­dig­ten ankommt, son­dern dass in ers­ter Linie die Sicher­heits­er­war­tun­gen des Per­so­nen­krei­ses maß­geb­lich sind, an den sich der Her­stel­ler mit sei­nem Pro­dukt wen­det. Da der Schutz­be­reich der Haf­tung nach dem Pro­dukt­haf­tungs­ge­setz indes­sen nicht auf die Erwer­ber oder Nut­zer von Pro­duk­ten beschränkt ist, son­dern auch unbe­tei­lig­te Drit­te ein­schließt, sind nicht nur die Sicher­heits­er­war­tun­gen des Adres­sa­ten­krei­ses des ver­mark­te­ten Pro­dukts zu berück­sich­ti­gen, son­dern dar­über hin­aus auch das Schutz­ni­veau, wel­ches Drit­te berech­tig­ter­wei­se erwar­ten kön­nen, sofern sie mit der Sache in Berüh­rung kom­men [4]. Maß­geb­lich ist der Sicher­heits­stan­dard, den die in dem ent­spre­chen­den Bereich herr­schen­de Ver­kehrs­auf­fas­sung für erfor­der­lich hält [5].

Ist die Ware für den End­ver­brau­cher bestimmt, muss sie erhöh­ten Sicher­heits­an­for­de­run­gen genü­gen, die auf Wis­sen und Gefahr­steue­rungs­po­ten­ti­al des durch­schnitt­li­chen Kon­su­men­ten Rück­sicht neh­men [6]. Die Haf­tung des Her­stel­lers erwei­tert sich gegen­über den all­ge­mei­nen Maß­stä­ben dann, wenn sei­ne Pro­duk­te an Risi­ko­grup­pen ver­trie­ben wer­den bzw. die­se typi­scher­wei­se gefähr­den. Dem­entspre­chend bestimmt Art. 2 lit. b der Pro­dukt­si­cher­heits­richt­li­nie 2001/​95 EG [7], dass die Pro­dukt­si­cher­heit auch von den Erwar­tun­gen sol­cher Pro­dukt­be­nut­zer abhängt, die bei der Ver­wen­dung des Pro­dukts einem erhöh­ten Risi­ko aus­ge­setzt sind. In die­sem Zusam­men­hang wer­den aus­drück­lich vor allem Kin­der genannt [8]. Wird ein Pro­dukt meh­re­ren Adres­sa­ten­krei­sen dar­ge­bo­ten, hat sich der Her­stel­ler an der am wenigs­ten infor­mier­ten und zur Gefahr­steue­rung kom­pe­ten­ten Grup­pe zu ori­en­tie­ren, also den jeweils höchs­ten Sicher­heits­stan­dard zu gewähr­leis­ten [9].

Zur Gewähr­leis­tung der erfor­der­li­chen Pro­dukt­si­cher­heit hat der Her­stel­ler die­je­ni­gen Maß­nah­men zu tref­fen, die nach den Gege­ben­hei­ten des kon­kre­ten Fal­les zur Ver­mei­dung bzw. Besei­ti­gung einer Gefahr objek­tiv erfor­der­lich und nach objek­ti­ven Maß­stä­ben zumut­bar sind [10]. Dabei sind Art und Umfang einer Siche­rungs­maß­nah­me vor allem von der Grö­ße der Gefahr abhän­gig [11]. Je grö­ßer die Gefah­ren sind, des­to höher sind die Anfor­de­run­gen, die in die­ser Hin­sicht gestellt wer­den müs­sen (BGH, Urteil­vom 26. Mai 1954 – VI ZR 4/​53VersR 1954, 364, 365; vgl. auch BGHZ 116, 60, 67 f. und BVerfG, NJW 1997, 249)). Bei erheb­li­chen Gefah­ren für Leben und Gesund­heit von Men­schen sind dem Her­stel­ler des­halb wei­ter­ge­hen­de Maß­nah­men zumut­bar als in Fäl­len, in denen nur Eigen­tums- oder Besitz­stö­run­gen oder aber nur klei­ne­re kör­per­li­che Beein­träch­ti­gun­gen zu befürch­ten sind [12].

Nach die­sen Grund­sät­zen hat das Beru­fungs­ge­richt nach Auf­fas­sung des BGH aber den von der Beklag­ten her­ge­stell­ten Kirsch­ta­ler zu Unrecht als feh­ler­haft beur­teilt: Da es sich bei einem Gebäck­stück um ein für den End­ver­brau­cher bestimm­tes Lebens­mit­tel han­delt, muss es zwar grund­sätz­lich erhöh­ten Sicher­heits­an­for­de­run­gen genü­gen [13]. Dem steht auch nicht ent­ge­gen, dass es sich bei der Kirsch­fül­lung um ein Natur­pro­dukt han­delt. Der Ver­brau­cher, der ein ver­ar­bei­te­tes Natur­pro­dukt ver­zehrt, darf davon aus­ge­hen, dass sich der Her­stel­ler im Rah­men des Ver­ar­bei­tungs­pro­zes­ses ein­ge­hend mit dem Natur­pro­dukt befasst und dabei Gele­gen­heit gehabt hat, von dem Natur­pro­dukt aus­ge­hen­de Gesund­heits­ri­si­ken zu erken­nen und zu besei­ti­gen, soweit dies mög­lich und zumut­bar ist [14]. Dabei kann jedoch aus Sicht des Kon­su­men­ten bei einer aus Stein­obst bestehen­den Fül­lung eines Gebäck­stücks nicht ganz aus­ge­schlos­sen wer­den, dass die­ses in sel­te­nen Fäl­len auch ein­mal einen klei­nen Stein oder Tei­le davon ent­hält. Eine voll­kom­me­ne Sicher­heit wäre nur dann zu errei­chen, wenn der Her­stel­ler ent­we­der die Kir­schen durch ein eng­ma­schi­ges Sieb drü­cken wür­de, wodurch nur Kirsch­saft her­vor­ge­bracht wür­de, mit dem die Her­stel­lung eines Kirsch­ta­lers nicht mög­lich wäre, oder wenn er jede ein­zel­ne Kir­sche auf even­tu­ell noch vor­han­de­ne Kirsch­stei­ne unter­su­chen wür­de. Ein sol­cher Auf­wand ist dem Her­stel­ler nicht zumut­bar. Er ist aber auch objek­tiv nicht erfor­der­lich, da dem Ver­brau­cher, der auf einen ein­ge­ba­cke­nen Kirsch­kern beißt, kei­ne schwer­wie­gen­de Gesund­heits­ge­fahr droht, die um jeden Preis und mit jedem erdenk­li­chen Auf­wand ver­mie­den oder besei­tigt wer­den müss­te.

Eine völ­li­ge Gefahr­lo­sig­keit kann der Ver­brau­cher nicht erwar­ten. Das Maß der Ver­kehrs­si­cher­heit, das von einem Pro­dukt berech­tig­ter­wei­se erwar­tet wer­den kann, hängt u.a. von sei­ner Dar­bie­tung (§ 3 Abs. 1 lit. a Prod­HaftG), also von der Art und Wei­se ab, in der es in der Öffent­lich­keit prä­sen­tiert wird [15]. Bei einem Gebäck­stück, das unter der Bezeich­nung „Kirsch­ta­ler“ ange­bo­ten wird, geht der Ver­brau­cher davon aus, dass es unter Ver­wen­dung von Kir­schen her­ge­stellt wird. Der Ver­brau­cher weiß auch, dass die Kir­sche eine Stein­frucht ist und dass ihr Frucht­fleisch mit­hin einen Stein (Kirsch­kern) ent­hält. Sei­ne Sicher­heits­er­war­tung kann des­halb berech­tig­ter­wei­se nicht ohne wei­te­res dar­auf gerich­tet sein, dass das Gebäck­stück „Kirsch­ta­ler“ zwar Kir­schen, aber kei­ner­lei Kirsch­ker­ne ent­hält. Eine sol­che Erwar­tung wäre viel­mehr nur dann berech­tigt, wenn bei der Dar­bie­tung eines sol­chen Gebäck­stücks der Ein­druck erweckt wür­de, dass die­ses aus­schließ­lich voll­kom­men ent­stein­te Kir­schen ent­hält. Dar­an fehlt es im Streit­fall.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 17. März 2009 – VI ZR 176/​08

  1. vgl. Staudinger/​Oechsler, BGB [2003], § 3 Prod­HaftG, Rn. 19, Münch­Komm-BGB/­Wag­ner, 5. Aufl., § 3 Prod­HaftG, Rn. 3; Kullmann/​Pfister, Pro­du­zen­ten­haf­tung [Stand: Sep­tem­ber 2008], Bd. I., Kza 1515, S.7; Kull­mann, Pro­dukt­haf­tungs­recht, 5. Aufl., Rn. 435[]
  2. Staudinger/​Oechsler, aaO, Rn. 15 m.w.N.[]
  3. vgl. Kull­mann, aaO, Rn. 435 f.[]
  4. Münch­Komm-BGB/­Wag­ner, aaO, Rn. 5; Staudinger/​Oechsler, aaO, Rn. 15 ff. und Rn. 20[]
  5. BGH, Urteil vom 16. Febru­ar 1972 – VI ZR 111/​70VersR 1972, 559, 560[]
  6. Münch­Komm-BGB/­Wag­ner, aaO, Rn. 8; Schmidt-Sal­zer/Hol­lmann, Kom­men­tar EG-Richt­li­nie Pro­dukt­haf­tung, 2. Aufl., Bd. 1, Art. 6 Rn. 122[]
  7. ABl. EG L 11 vom 15. Janu­ar 2002, S. 4[]
  8. vgl. Staudinger/​Oechsler, aaO, Rn. 28[]
  9. Foers­te in: v. West­pha­len, Pro­dukt­haf­tungs­hand­buch, 2. Aufl., Bd. 2, § 74, Rn. 46; Münch­Komm-BGB/­Wag­ner, aaO[]
  10. Kullmann/​Pfister, aaO; Foers­te, aaO, § 24, Rn. 1[]
  11. vgl. BGHZ 80, 186, 192[]
  12. vgl. BGHZ 99, 167, 174 f.[]
  13. vgl. Kullmann/​Pfister, aaO, Kza 1520, S. 25[]
  14. vgl. Buch­waldt, ZLR 1999, 417, 421[]
  15. Kullmann/​Pfister, aaO, Kza 3604, S. 10[]