Pro­gno­se einer dro­hen­den Zah­lungs­un­fä­hig­keit

In die Pro­gno­se, die bei der Prü­fung dro­hen­der Zah­lungs­un­fä­hig­keit vor­zu­neh­men ist, sind auch Zah­lungs­pflich­ten ein­zu­be­zie­hen, deren Fäl­lig­keit im Pro­gno­se­zeit­raum nicht sicher, aber über­wie­gend wahr­schein­lich ist.

Pro­gno­se einer dro­hen­den Zah­lungs­un­fä­hig­keit

Der Schuld­ner han­delt mit Benach­tei­li­gungs­vor­satz, wenn er die Benach­tei­li­gung der Gläu­bi­ger als Erfolg sei­ner Rechts­hand­lung will oder als mut­maß­li­che Fol­ge erkennt und bil­ligt. Kennt der Schuld­ner sei­ne Zah­lungs­un­fä­hig­keit, kann dar­aus nach stän­di­ger Recht­spre­chung auf einen Benach­tei­li­gungs­vor­satz geschlos­sen wer­den. In die­sem Fall weiß der Schuld­ner, dass sein Ver­mö­gen nicht aus­reicht, um sämt­li­che Gläu­bi­ger zu befrie­di­gen. Auch die nur dro­hen­de Zah­lungs­un­fä­hig­keit stellt nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ein star­kes Beweis­an­zei­chen für den Benach­tei­li­gungs­vor­satz des Schuld­ners dar, wenn sie ihm bei der Vor­nah­me der Rechts­hand­lung bekannt war. In die­sen Fäl­len han­delt der Schuld­ner dann nicht mit Benach­tei­li­gungs­vor­satz, wenn er auf­grund kon­kre­ter Umstän­de – etwa der siche­ren Aus­sicht, dem­nächst Kre­dit zu erhal­ten oder For­de­run­gen rea­li­sie­ren zu kön­nen – mit einer bal­di­gen Über­win­dung der Kri­se rech­nen kann. Droht die Zah­lungs­un­fä­hig­keit, bedarf es kon­kre­ter Umstän­de, die nahe legen, dass die Kri­se noch abge­wen­det wer­den kann 1. Die­se Grund­sät­ze gel­ten nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs auch, wenn eine kon­gru­en­te Leis­tung ange­foch­ten wird 2.

Der Begriff der Zah­lungs­un­fä­hig­keit beur­teilt sich im gesam­ten Insol­venz­recht und dar­um auch im Insol­venz­an­fech­tungs­recht nach § 17 InsO. Zah­lungs­un­fä­hig ist der Schuld­ner, wenn er nicht in der Lage ist, die fäl­li­gen Zah­lungs­pflich­ten zu erfül­len (§ 17 Abs. 2 Satz 1 InsO)). Zah­lungs­un­fä­hig­keit droht, wenn der Schuld­ner vor­aus­sicht­lich nicht in der Lage sein wird, die bestehen­den Zah­lungs­pflich­ten im Zeit­punkt ihrer Fäl­lig­keit zu erfül­len (§ 18 Abs. 2 InsO). In die Pro­gno­se, die bei der Prü­fung dro­hen­der Zah­lungs­un­fä­hig­keit anzu­stel­len ist, muss die gesam­te Finanz­la­ge des Schuld­ners bis zur Fäl­lig­keit aller bestehen­den Ver­bind­lich­kei­ten ein­be­zo­gen wer­den. Der vor­han­de­nen Liqui­di­tät und den Ein­nah­men, die bis zu die­sem Zeit­punkt zu erwar­ten sind, müs­sen die Ver­bind­lich­kei­ten gegen­über gestellt wer­den, die bereits fäl­lig sind oder die bis zu die­sem Zeit­punkt vor­aus­sicht­lich fäl­lig wer­den. Ergibt die Pro­gno­se, dass der Ein­tritt der Zah­lungs­un­fä­hig­keit wahr­schein­li­cher ist als deren Ver­mei­dung, droht Zah­lungs­un­fä­hig­keit 3. Die der Pro­gno­se inne­woh­nen­de Unge­wiss­heit kann sich dabei auf die künf­tig ver­füg­ba­ren liqui­den Mit­tel, eben­so aber auch auf den Umfang der künf­tig fäl­lig wer­den­den Ver­bind­lich­kei­ten bezie­hen. Ver­bind­lich­kei­ten aus einem Dar­le­hen kön­nen des­halb nicht nur dann dro­hen­de Zah­lungs­un­fä­hig­keit begrün­den, wenn der Anspruch auf Rück­zah­lung durch eine bereits erfolg­te Kün­di­gung auf einen bestimm­ten in der Zukunft lie­gen­den Zeit­punkt fäl­lig gestellt ist 4, son­dern auch dann, wenn auf­grund gege­be­ner Umstän­de über­wie­gend wahr­schein­lich ist, dass eine Fäl­lig­stel­lung im Pro­gno­se­zeit­raum erfolgt ((vgl. BGH, Urteil vom 22.11.2012 – IX ZR 62/​10, WM 2013, 88 Rn. 15; K. Schmidt, InsO, 18. Aufl., § 18 Rn. 24; Pape in Kübler/​Prütting/​Bork, InsO, 1998, § 18 Rn. 8).

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 5. Dezem­ber 2013 – IX ZR 93/​11

  1. BGH, Urteil vom 22.11.2012 – IX ZR 62/​10, WM 2013, 88 Rn. 7; vom 10.01.2013 – IX ZR 13/​12, WM 2013, 180 Rn. 14; vom 24.01.2013 – IX ZR 11/​12, WM 2013, 361 Rn. 23 f; vom 25.04.2013 – IX ZR 235/​12, WM 2013, 1044 Rn. 24; jeweils mwN[]
  2. BGH, Urteil vom 10.01.2013, aaO Rn. 15[]
  3. Begrün­dung zu § 22 RegE­In­sO, BT-Drs.-. 12/​2443 S. 115; Jaeger/​Müller, InsO, § 18 Rn. 8 ff[]
  4. vgl. HKIn­sO-/Kirch­hof, 6. Aufl., § 18 Rn. 6[]