Reich­wei­te eines Unter­las­sungs­ge­bots

Die Ver­let­zung eines bestimm­ten Schutz­rechts kann die Ver­hän­gung eines Ord­nungs­mit­tels für kern­glei­che Ver­let­zun­gen ande­rer Schutz­rech­te recht­fer­ti­gen, wenn die kern­glei­chen Ver­let­zungs­hand­lun­gen in das Erkennt­nis­ver­fah­ren und die Ver­ur­tei­lung ein­be­zo­gen sind1.

Reich­wei­te eines Unter­las­sungs­ge­bots

Das recht­lich Cha­rak­te­ris­ti­sche der kon­kre­ten Ver­let­zungs­form, das für die Bestim­mung des Kerns der ver­bo­te­nen Hand­lung und die Reich­wei­te des Voll­stre­ckungs­ti­tels maß­geb­lich ist, ist auf die Schutz­rech­te beschränkt, die Prü­fungs­ge­gen­stand im Erkennt­nis­ver­fah­ren gewe­sen sind.

Im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Rechts­streit zwi­schen zwei Inter­net-Koch­por­ta­len ist das titu­lier­te Unter­las­sungs­ge­bot auf die drei Licht­bil­der „Schin­ken­krus­ten­bra­ten”, „Ame­ri­ka­ner” und „Siga­ra Börek mit Hack” beschränkt. Der Bun­des­ge­richts­hof hat im Vor­ver­fah­ren im Zusam­men­hang mit der Fra­ge der Bestimmt­heit des Unter­las­sungs­an­trags aus­ge­führt, dass sich das Unter­las­sungs­be­geh­ren auf die drei genann­ten Licht­bil­der als kon­kre­te Ver­let­zungs­form bezieht2. Dar­aus folgt eine ent­spre­chen­de Beschrän­kung des antrags­ge­mäß aus­ge­spro­che­nen Unter­las­sungs­ge­bots.

Zwar umfasst das in einem Unter­las­sungs­ti­tel aus­ge­spro­che­ne Ver­bot über die mit der ver­bo­te­nen Form iden­ti­schen Hand­lun­gen hin­aus auch im Kern gleich­ar­ti­ge Abwand­lun­gen, in denen das Cha­rak­te­ris­ti­sche der kon­kre­ten Ver­let­zungs­form zum Aus­druck kommt. Das gilt auch dann, wenn das Ver­bot auf die kon­kre­te Ver­let­zungs­form beschränkt ist. In die­sem Fall haben die neben der in Bezug genom­me­nen kon­kre­ten Ver­let­zungs­hand­lung abs­trakt for­mu­lier­ten Merk­ma­le die Funk­ti­on, den Kreis der Vari­an­ten näher zu bestim­men, die von dem Ver­bot als kern­glei­che Ver­let­zungs­for­men erfasst sein sol­len3.

Dem­entspre­chend kann die Ver­let­zung eines bestimm­ten Schutz­rechts die Ver­mu­tung der Wie­der­ho­lungs­ge­fahr nicht nur für Ver­let­zun­gen des­sel­ben Schutz­rechts, son­dern auch für Ver­let­zun­gen ande­rer Schutz­rech­te begrün­den, soweit die Ver­let­zungs­hand­lun­gen trotz Ver­schie­den­heit der Schutz­rech­te im Kern gleich­ar­tig sind4. Vor­aus­set­zung dafür ist jedoch, dass die kern­glei­chen Ver­let­zungs­hand­lun­gen in das Erkennt­nis­ver­fah­ren und die Ver­ur­tei­lung ein­be­zo­gen sind. In dem Fall „Rest­wert­bör­se II” traf das zu, weil sich der Klä­ger gegen die Ver­wer­tung von Licht­bil­dern eines von ihm erstell­ten Gut­ach­tens gewandt hat­te, das er ins­ge­samt zum Gegen­stand der Kla­ge gemacht hat­te, eine unbe­rech­tig­te Ver­wer­tung jedoch allein für fünf von 34 Licht­bil­dern erwie­sen war. Eben­so hat der Bun­des­ge­richts­hof im Fall „Mar­ken­par­füm­ver­käu­fe” den auf­grund der Ver­let­zung einer Mar­ke begrün­de­ten Unter­las­sungs­an­spruch auf alle im Kla­ge­an­trag genann­ten Mar­ken erstreckt5. Eine noch aus­rei­chen­de Ein­be­zie­hung kern­glei­cher Ver­let­zungs­hand­lun­gen in das Ver­fah­ren lag auch in der Sache „SPIEGEL-CD-ROM” vor, in der die Beklag­te dazu ver­ur­teilt wor­den ist, es zu unter­las­sen, die Auf­nah­men von 63 in einer Anla­ge auf­ge­führ­ten Foto­gra­fen auf CD-ROM (SPIE­GEL-Jahr­gän­ge 1989 bis 1993) zu ver­brei­ten oder ver­brei­ten zu las­sen6. Durch den Ver­weis auf kon­kre­te Foto­gra­fen und erschie­ne­ne Jahr­gän­ge einer Zeit­schrift waren die in den Rechts­streit ein­be­zo­ge­nen Schutz­rech­te hier abschlie­ßend bestimmt.

Die Kern­theo­rie erlaubt aber nicht, die Voll­stre­ckung aus einem Unter­las­sungs­ti­tel auf Schutz­rech­te zu erstre­cken, die nicht Gegen­stand des vor­her­ge­hen­den Erkennt­nis­ver­fah­rens gewe­sen sind. Ins­be­son­de­re kommt kei­ne Voll­stre­ckung von Ord­nungs­mit­teln wegen der Ver­let­zung sol­cher Schutz­rech­te in Betracht, die zur Zeit des Erkennt­nis­ver­fah­rens noch nicht ein­mal ent­stan­den waren. Denn dies wäre eine wegen des Sank­ti­ons­cha­rak­ters der Ord­nungs­mit­tel des § 890 ZPO unzu­läs­si­ge Titel­er­wei­te­rung. Dem­ge­gen­über beschränkt sich die Kern­theo­rie dar­auf, ein im „Kern” fest­ste­hen­des und bei des­sen sach­ge­rech­ter Aus­le­gung auch eine abwei­chen­de Hand­lung bereits umfas­sen­des Ver­bot auf Letz­te­re anzu­wen­den7. Das recht­lich Cha­rak­te­ris­ti­sche der kon­kre­ten Ver­let­zungs­form, das für die Bestim­mung des Kerns der ver­bo­te­nen Hand­lung maß­geb­lich ist, ist daher auf das beschränkt, was bereits Prü­fungs­ge­gen­stand im Erkennt­nis­ver­fah­ren gewe­sen ist8. Da jedes Schutz­recht im Streit­fall jedes vom Gläu­bi­ger ange­fer­tig­te Licht­bild einen eige­nen Streit­ge­gen­stand dar­stellt, kann sich das recht­lich Cha­rak­te­ris­ti­sche der kon­kre­ten Ver­let­zungs­form nicht über die kon­kre­ten Schutz­rech­te hin­aus erstre­cken, die Gegen­stand des Erkennt­nis­ver­fah­rens waren. Eine Aus­nah­me davon ist auch dann nicht gerecht­fer­tigt, wenn es sich um gleich­ar­ti­ge Schutz­rech­te des­sel­ben Rechts­in­ha­bers han­delt. Nur so ist der Umfang der Rechts­kraft sicher fest­stell­bar und eine Grund­la­ge der Voll­stre­ckung gege­ben, die den Bestimmt­heits­an­for­de­run­gen genügt9.

Die Licht­bil­der „Mala­ga-Eis” und „Kör­ner-But­ter­milch-Brot”, die Gegen­stand des Ord­nungs­mit­tel­ver­fah­rens sind, stel­len gegen­über den zur Kon­kre­ti­sie­rung des Unter­las­sungs­ge­bots her­an­ge­zo­ge­nen Foto­gra­fi­en „Schin­ken­krus­ten­bra­ten”, „Ame­ri­ka­ner” und „Siga­ra Börek mit Hack” ande­re Schutz­ge­gen­stän­de dar. Sie wer­den des­halb von dem im Ver­fah­ren – I ZR 166/​07 ergan­ge­nen Unter­las­sungs­ti­tel nicht erfasst.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 3. April 2014 – I ZB 42/​11

  1. Fort­füh­rung von BGH, Urteil vom 20.06.2013 – I ZR 55/​12, GRUR 2013, 1235 Rn. 18 = WRP 2014, 75 Rest­wert­bör­se II
  2. BGH, GRUR 2010, 616 Rn. 16 marions-kochbuch.de
  3. vgl. BGH, Urteil vom 19.05.2010 – I ZR 177/​07, GRUR 2010, 855 Rn. 17 = WRP 2010, 1035 Foli­en­rol­los, mwN
  4. BGH, Urteil vom 20.06.2013 – I ZR 55/​12, GRUR 2013, 1235 Rn. 18 = WRP 2014, 75 Rest­wert­bör­se II
  5. BGH, Urteil vom 23.02.2006 – I ZR 272/​02, BGHZ 166, 253 Rn. 39 f.
  6. BGH, Urteil vom 05.07.2001 – I ZR 311/​98, BGHZ 148, 221, 223 ff.
  7. BGH, Urteil vom 30.03.1989 – I ZR 85/​87, WRP 1989, 572, 574 Bio­äqui­va­lenz-Wer­bung, inso­weit nicht in BGHZ 107, 136; vgl. Teplitz­ky, Wett­be­werbs­recht­li­che Ansprü­che und Ver­fah­ren, 10. Aufl., Kap. 57 Rn. 14
  8. vgl. Teplitz­ky aaO Kap. 57 Rn. 12; Spät­gens in Gloy/​Loschelder/​Erdmann, Hand­buch des Wett­be­werbs­rechts, 4. Aufl., § 112 Rn. 52
  9. vgl. BGH, WRP 1989, 572, 574 Bio­äqui­va­lenz-Wer­bung