Rück­wir­ken­de Anord­nung einer Ent­gelt­ge­neh­mi­gungs­pflicht für Tele­fon­an­bie­ter

Die Bun­des­netz­agen­tur als Regu­lie­rungs­be­hör­de für den Bereich der Tele­kom­mu­ni­ka­ti­on darf zwar eine Geneh­mi­gungs­pflicht für die Ent­gel­te eines markt­mäch­ti­gen Unter­neh­mens grund­sätz­lich auch mit rück­wir­ken­der Gel­tung anord­nen, darf bei ihrer Ermes­sens­ent­schei­dung aber nicht allein die Erkennt­nis­la­ge in dem Zeit­punkt zugrun­de legen, auf den die Geneh­mi­gungs­pflicht zurück­be­zo­gen wird.

Rück­wir­ken­de Anord­nung einer Ent­gelt­ge­neh­mi­gungs­pflicht für Tele­fon­an­bie­ter

In dem jetzt vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig ent­schie­den Fall klag­te die Deut­sche Tele­kom AG, die öffent­li­che Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­net­ze betreibt und unter ande­rem breit­ban­di­ge digi­ta­le Daten­über­tra­gungs­diens­te anbie­tet. Die Bun­des­netz­agen­tur stell­te fest, dass die Klä­ge­rin auf einem inso­weit abge­grenz­ten Markt über beträcht­li­che Markt­macht ver­fügt. Sie leg­te ihr des­halb in einer Regu­lie­rungs­ver­fü­gung aus dem Sep­tem­ber 2006 ver­schie­de­ne Pflich­ten auf, die ins­be­son­de­re den Zugang von Wett­be­wer­bern zu die­sem Markt sicher­stel­len sol­len. Sie ord­ne­te fer­ner an, dass die Ent­gel­te der Klä­ge­rin einer Geneh­mi­gungs­pflicht unter­lie­gen und die Klä­ge­rin ein Stan­dar­d­an­ge­bot für die von ihr abzu­schlie­ßen­den Ver­trä­ge zu ver­öf­fent­li­chen hat. Auf die Kla­ge der Klä­ge­rin hob das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in einem frü­he­ren Revi­si­ons­ver­fah­ren unter Abwei­sung der Kla­ge im Übri­gen die­se Regu­lie­rungs­ver­fü­gung auf, soweit die Pflicht zur Ent­gelt­ge­neh­mi­gung und zur Ver­öf­fent­li­chung eines Stan­dar­d­an­ge­bots betrof­fen war, weil die Bun­des­netz­agen­tur das ihr ein­ge­räum­te Ermes­sen nicht aus­ge­übt habe [1]. Durch eine Ver­fü­gung aus dem Juni 2009 ergänz­te die Bun­des­netz­agen­tur ihre Regu­lie­rungs­ver­fü­gung aus dem Sep­tem­ber 2006. Sie unter­warf rück­wir­kend ab die­sem Zeit­punkt die Ent­gel­te der Klä­ge­rin erneut der Geneh­mi­gung und ver­pflich­te­te sie, ein Stan­dar­d­an­ge­bot zu ver­öf­fent­li­chen. Sie stell­te sich dabei auf den Stand­punkt, ob und wel­che Ver­pflich­tun­gen der Klä­ge­rin nach­träg­lich auf­zu­er­le­gen sei­en, beur­tei­le sich maß­geb­lich nach der Sach­la­ge, wie sie bei Erlass der Regu­lie­rungs­ver­fü­gung im Sep­tem­ber 2006 bestan­den habe. Alle in der Fol­ge­zeit gewon­ne­nen Erkennt­nis­se müs­se sie – die Bun­des­netz­agen­tur – aus­blen­den.

Die Kla­ge der Klä­ge­rin gegen die ergän­zen­de Regu­lie­rungs­ver­fü­gung hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Köln abge­wie­sen [2]. Es hat unter ande­rem ange­nom­men, die Pflich­ten aus der ursprüng­li­chen Regu­lie­rungs­ver­fü­gung und die rück­wir­kend erneut auf­er­leg­ten Pflich­ten bil­de­ten ein ein­heit­li­ches Regu­lie­rungs­kon­zept, mit der Fol­ge, dass es für ihre Recht­mä­ßig­keit allein auf die Sach­la­ge bei Erlass der ursprüng­li­chen Regu­lie­rungs­ver­fü­gung ankom­men kön­ne.

Auf die Revi­si­on der Klä­ge­rin hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt die ergän­zen­de Regu­lie­rungs­ver­fü­gung der Bun­des­netz­agen­tur auf­ge­ho­ben. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hält es aller­dings grund­sätz­lich für zuläs­sig, eine gericht­lich auf­ge­ho­be­ne Geneh­mi­gungs­pflicht unter Ver­mei­dung des fest­ge­stell­ten Ermes­sens­feh­lers rück­wir­kend wie­der anzu­ord­nen. Die erneu­te Anord­nung der Geneh­mi­gungs­pflicht und ihre Rück­wir­kung sind geeig­net, inzwi­schen bereits ergan­ge­nen ein­zel­nen Ent­gelt­ge­neh­mi­gun­gen nach­träg­lich die erfor­der­li­che Grund­la­ge wie­der­zu­ver­schaf­fen und die­se so abzu­si­chern. Für die Recht­mä­ßig­keit der ergän­zen­den Regu­lie­rungs­ver­fü­gung kommt es aber auf die Erkennt­nis­la­ge zum Zeit­punkt ihres Erlas­ses an. Die zwi­schen­zeit­lich auf­ge­ho­be­ne Auf­er­le­gung der Pflicht zur Ent­gelt­ge­neh­mi­gung beruh­te auf der pro­gnos­ti­schen Abschät­zung der Markt­ent­wick­lung wäh­rend der Regu­lie­rungs­pe­ri­ode. Bei der spä­te­ren Ent­schei­dung über die erneu­te Auf­er­le­gung die­ser Pflicht darf nicht unbe­rück­sich­tigt blei­ben, ob und inwie­weit im Lich­te aktu­el­ler Erkennt­nis­se die sei­ner­zei­ti­ge Pro­gno­se wei­ter­hin stich­hal­tig ist. Eine etwa erfor­der­li­che Ergän­zung einer schon bestehen­den Regu­lie­rungs­ver­fü­gung darf nicht auf der alten Sach­la­ge auf­bau­en, die mög­li­cher­wei­se zuguns­ten des Regu­lie­rungs­adres­sa­ten bereits über­holt ist. Ähn­li­che Über­le­gun­gen gel­ten für die rück­wir­kend erneu­er­te Pflicht, ein Stan­dar­d­an­ge­bot zu ver­öf­fent­li­chen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 14. Dezem­ber 2011 – 6 C 36.10

  1. BVerwG, Urteil vom 28.01.2009 – 6 C 39.07[]
  2. VG Köln, Urteil vom 25.08.2010 – 21 K 3702/​09[]