Staat­li­ches Sport­wet­ten­mo­no­pol nur bei kon­sis­ten­ter Bekämp­fung von Sucht­ge­fah­ren

Ein staat­li­ches Sport­wet­ten­mo­no­pol ist nur bei kon­sis­ten­ter Bekämp­fung von Sucht­ge­fah­ren zuläs­sig, ent­schied jetzt das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig in drei aus Bay­ern – aus Nürn­berg – stam­men­den Ver­fah­ren: Das in Bay­ern – eben­so wie in ande­ren Bun­des­län­dern – auf der Grund­la­ge des Glücks­spiel­staats­ver­tra­ges bestehen­de staat­li­che Mono­pol für Sport­wet­ten ist nur dann mit euro­päi­schem Recht ver­ein­bar, wenn sich sei­ne recht­li­che und tat­säch­li­che Aus­ge­stal­tung wider­spruchs­frei am gesetz­li­chen Ziel der Sucht­be­kämp­fung ori­en­tiert; außer­dem dür­fen Rege­lung und Anwen­dungs­pra­xis bei ande­ren Arten des Glücks­spiels die­sem Ziel nicht wider­spre­chen.

Staat­li­ches Sport­wet­ten­mo­no­pol nur bei kon­sis­ten­ter Bekämp­fung von Sucht­ge­fah­ren

Nach dem Glücks­spiel­staats­ver­trag ist es allein den staat­li­chen bzw. staat­lich beherrsch­ten Lot­te­rie­ver­wal­tun­gen der Bun­des­län­der gestat­tet, Sport­wet­ten zu ver­an­stal­ten; zur Ver­mitt­lung sind aus­schließ­lich die zuge­las­se­nen Annah­me­stel­len befugt. Dar­über hin­aus dür­fen Sport­wet­ten weder ver­an­stal­tet noch an in- oder aus­län­di­sche Anbie­ter ver­mit­telt wer­den, auch nicht über das Inter­net.

Gegen­stand der Ver­fah­ren waren Beschei­de der Stadt Nürn­berg aus dem Jahr 2006. Den Klä­gern wur­de unter­sagt, Sport­wet­ten an in Öster­reich bzw. Mal­ta nie­der­ge­las­se­ne und dort kon­zes­sio­nier­te Unter­neh­men zu ver­mit­teln.

Zwei der Klä­ger 1 ver­mit­tel­ten Sport­wet­ten an ein in Öster­reich ansäs­si­ges und dort staat­lich kon­zes­sio­nier­tes Wett­un­ter­neh­men. Die drit­te Klä­ge­rin 2betrieb in zwei Geschäfts­lo­ka­len die Ver­mitt­lung von Sport­wet­ten an ein Unter­neh­men, das sei­nen Sitz in Mal­ta hat und dort über eine staat­li­che Kon­zes­si­on ver­fügt. Mit den ange­foch­te­nen Beschei­den unter­sag­te die beklag­te Stadt Nürn­berg den Klä­gern jeweils die Ver­mitt­lung von Sport­wet­ten und ver­pflich­te­te sie, ihren Betrieb ein­zu­stel­len. Die­se Beschei­de stütz­ten sich auf das staat­li­che Sport­wet­ten­mo­no­pol.

Die hier­ge­gen erho­be­nen Kla­gen wur­den vom Ver­wal­tungs­ge­richt Ans­bach abge­wie­sen 3, die hier­ge­gen gerich­te­ten Beru­fun­gen blei­ben vor dem Baye­ri­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hof in Mün­chen eben­falls erfolg­los 4. Der Baye­ri­sche Ver­wal­tungs­ge­richts­hof hat aber die Revi­si­on zuge­las­sen, soweit das jewei­li­ge Ver­fah­ren die Recht­mä­ßig­keit der Unter­sa­gungs­ver­fü­gung nach dem Inkraft­tre­ten des Glücks­spiel­staats­ver­tra­ges zum 1. Janu­ar 2008 zum Gegen­stand hat, wonach es allein den staat­li­chen bzw. staat­lich beherrsch­ten Lot­te­rie­ver­wal­tun­gen der Bun­des­län­der gestat­tet ist, über die Lot­te­rie-Annah­me­stel­len Sport­wet­ten anzu­bie­ten.

Die Revi­sio­nen vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt betra­fen damit allein die Fra­ge der Recht­mä­ßig­keit der Beschei­de unter Gel­tung des am 1. Janu­ar 2008 in Kraft getre­te­nen Glücks­spiel­staats­ver­tra­ges.

Im Revi­si­ons­ver­fah­ren machen die Klä­ger jeweils eine Ver­let­zung ihrer Berufs­frei­heit gel­tend. Deren Ein­schrän­kung sei unver­hält­nis­mä­ßig, weil der Glücks­spiel­staats­ver­trag das Ziel des Gesetz­ge­bers, die Spiel­sucht zu bekämp­fen, nicht nach­hal­tig ver­fol­ge und das Sport­wet­ten­mo­no­pol nicht erfor­der­lich sei, die­ses Ziel zu ver­wirk­li­chen. Bei ande­ren Glücks­spie­len wer­de ein nied­ri­ge­res Schutz­ni­veau für aus­rei­chend erach­tet. So sei­en bei Spiel­ban­ken (Casi­nos) und Spiel­hal­len sowie für Pfer­de­wet­ten pri­va­te Ver­an­stal­ter zuge­las­sen. Außer­dem mei­nen die Klä­ger, die Rege­lun­gen des Glücks­spiel­staats­ver­tra­ges wider­sprä­chen euro­pa­recht­li­chen Vor­ga­ben, ins­be­son­de­re der Dienst­leis­tungs­frei­heit. Dazu ver­wei­sen die Klä­ger auf die neue­re Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs zum Glücks­spiel­recht. Die­ser Argu­men­ta­ti­on folg­te das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt jedoch nicht:

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt stell­te zur Ver­ein­bar­keit des Sport­wet­ten­mo­no­pols mit dem Uni­ons­recht dar­auf ab, dass der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on den Mit­glied­staa­ten die Befug­nis zuge­steht, das natio­na­le Schutz­ni­veau im Glücks­spiel­be­reich auto­nom fest­zu­le­gen und unter Berück­sich­ti­gung der ver­schie­de­nen Glücks­spiel­ar­ten unter­schied­li­che Rege­lun­gen zu tref­fen 5. Ein Mono­pol für bestimm­te Glücks­spie­le kann trotz einer libe­ra­le­ren Rege­lung in ande­ren Glücks­spiel­be­rei­chen zuläs­sig sein. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof ver­langt aber, dass der­ar­ti­ge Beschrän­kun­gen der Nie­der­las­sungs- und der Dienst­leis­tungs­frei­heit die mit ihnen ver­bun­de­nen Zie­le in kohä­ren­ter und sys­te­ma­ti­scher Wei­se ver­fol­gen.

Die Annah­me des Baye­ri­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs, die­ses Kohä­renz­erfor­der­nis sei nur iso­liert ("sek­to­ral") für den dem jewei­li­gen Mono­pol unter­wor­fe­nen Glücks­spiel­sek­tor oder allen­falls auf ein kras­ses Miss­ver­hält­nis der für die ver­schie­de­nen Glücks­spiel­ar­ten erlas­se­nen und prak­ti­zier­ten Rege­lun­gen zu prü­fen, trifft nicht zu. Das auf die Sucht­be­kämp­fung und den Spie­ler­schutz gestütz­te Sport­wet­ten­mo­no­pol erfüllt die vom Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on auf­ge­stell­ten Anfor­de­run­gen nur, wenn ande­re Glücks­spie­le mit ähn­li­chem oder höhe­rem Sucht­po­ten­zi­al nicht die­sen Ziel­set­zun­gen wider­spre­chend behan­delt wer­den. In den Blick zu neh­men ist dabei nicht allein die recht­li­che Aus­ge­stal­tung, son­dern auch die tat­säch­li­che Hand­ha­bung. Das Ziel der Begren­zung der Wett­tä­tig­kei­ten darf weder kon­ter­ka­riert noch dür­fen ihm ent­ge­gen­lau­fen­de Aus­ge­stal­tun­gen in den ande­ren Glücks­spiel­be­rei­chen gedul­det wer­den. Dies­be­züg­lich hat der Baye­ri­sche Ver­wal­tungs­ge­richts­hof auf­grund sei­nes sek­to­ral ver­eng­ten Prü­fungs­maß­sta­bes kei­ne hin­rei­chen­den Fest­stel­lun­gen getrof­fen.

In zwei der drei Ver­fah­ren 6 hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt des­halb die Beru­fungs­ur­tei­le auf­ge­ho­ben und die Sachen zur ander­wei­ti­gen Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an den Baye­ri­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hof zurück­ver­wie­sen.

In dem drit­ten Ver­fah­ren 7 hat es dage­gen die Revi­si­on des Klä­gers zurück­ge­wie­sen. Die von ihm im Ver­eins­heim eines Sport­ver­eins durch­ge­führ­te Ver­mitt­lung von Sport­wet­ten ist unab­hän­gig von dem staat­li­chen Sport­wet­ten­mo­no­pol bereits wegen feh­len­der räum­li­cher Tren­nung sei­ner Wett­an­nah­me­stel­le von Sport­ein­rich­tun­gen und Sport­er­eig­nis­sen rechts­wid­rig und damit nicht erlaub­nis­fä­hig. Der Klä­ger wird durch die Unter­sa­gung auch nicht in sei­nen durch das Grund­ge­setz geschütz­ten Grund­rech­ten ver­letzt. Auf eine Ver­let­zung der uni­ons­recht­lich garan­tier­ten Dienst­leis­tungs- oder Nie­der­las­sungs­frei­heit kann er sich als tür­ki­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger nicht beru­fen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urtei­le vom 24. Novem­ber 2010 – 8 C 13.09, 8 C 14.09 und 8 C 15.09

  1. BVerwG 8 C 13.09 und 8 C 14.09[]
  2. BVerwG 8 C 15.09[]
  3. VG Ans­bach, Urtei­le vom 30.01.2007 – AN 4 K 06.1769, AN 4 K 06.2642 und AN 4 K 06.2529[]
  4. BayVGH Mün­chen, Urtei­le vom 18.12.2008 – 10 BV 07.558, 10 BV 07.774 und 10 BV 07.775[]
  5. EuGH, Urtei­le vom 08.09.2010 – C‑316/​07, C‑358/​07 bis C‑360/​07, C‑409/​07 und C‑410/​07, C‑46/​08, C‑409/​06[]
  6. BVerwG 8 C 14.09 und 8 C 15.09[]
  7. BVerwG 8 C 13.09[]