Ver­fil­mungs­ver­trag aus den 60er Jah­ren und die DVD-Ver­wer­tung

Die Aus­wer­tung eines Films auf Video­kas­set­te und DVD greift in das aus­schließ­li­che Recht des Klä­gers zur Ver­viel­fäl­ti­gung (§ 15 Abs. 1 Nr. 1, § 16 UrhG) und Ver­brei­tung (§ 15 Abs. 1 Nr. 2, § 17 UrhG) sei­nes Dreh­buchs ein. Durch einen im Jahr 1963 geschlos­se­nen Ver­fil­mungs- und Dreh­buch­ver­trag konn­te nicht das Recht zur Aus­wer­tung des ver­film­ten Dreh­buchs durch Video­kas­set­te und DVD ein­ge­räumt wer­den. Wegen die­ser Nut­zung kann sich daher nicht auf ein vom Dreh­buch­au­tor abge­lei­te­tes Nut­zungs­recht beru­fen wer­den.

Ver­fil­mungs­ver­trag aus den 60er Jah­ren und die DVD-Ver­wer­tung

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall erwäh­nen der Ver­fil­mungs- und Dreh­buch­ver­trag die Aus­wer­tung auf Video­kas­set­te und DVD nicht und kön­nen sie auch gar nicht erwäh­nen, weil die­se Nut­zungs­ar­ten damals noch unbe­kannt waren. Bei Abschluss des Ver­tra­ges im Jah­re 1963 war die Aus­wer­tung auf Video­kas­set­te eine noch nicht bekann­te Art der Nut­zung von Kino­fil­men 1. Die Aus­wer­tung auf DVD ist erst nach der Aus­wer­tung auf Video­kas­set­te bekannt gewor­den und wirt­schaft­lich an deren Stel­le getre­ten 2.

Nach den Bestim­mun­gen des geschlos­se­nen Ver­fil­mungs­ver­tra­ges erstreckt sich der Rechts­über­gang auch auf alle zukünf­ti­gen Arten, Sys­te­me und Ver­fah­ren der Kine­ma­to­gra­phie und deren Mög­lich­kei­ten einer Aus­wer­tung des Films und sei­ner Tei­le ein­schließ­lich der Über­tra­gung durch Draht, Rund­funk und Tele­vi­si­on. Es kann dahin­ste­hen, ob dies die zum Zeit­punkt des Ver­trags­ab­schlus­ses noch unbe­kann­te Mög­lich­keit einer Aus­wer­tung des Films auf Video­kas­set­te und auf DVD umfasst. Die Anfor­de­run­gen an eine wirk­sa­me Ein­räu­mung von Nut­zungs­rech­ten für unbe­kann­te Nut­zungs­ar­ten sind jeden­falls des­halb nicht erfüllt, weil die Ver­ein­ba­rung nicht erken­nen lässt, dass die Ver­trags­par­tei­en bei der Fest­le­gung der Pau­schal­ver­gü­tung erör­tert und berück­sich­tigt haben, dass die­se auch die Nut­zungs­rech­te für unbe­kann­te Nut­zugs­ar­ten abgel­ten soll.

Die Fra­ge, ob der Dreh­buch­au­tor der Thea­ter­ge­sell­schaft mit dem Ver­fil­mungs- und Dreh­buch­ver­trag vom 19. März 1963 auch Nut­zungs­rech­te für noch nicht bekann­te Nut­zungs­ar­ten ein­ge­räumt hat, ist auf der Grund­la­ge der zum Zeit­punkt des Ver­trags­ab­schlus­ses gel­ten­den Rechts­la­ge zu beant­wor­ten. Auf Ver­trä­ge, die vor dem Inkraft­tre­ten des Urhe­ber­rechts­ge­set­zes am 1. Janu­ar 1966 (§ 143 Abs. 2 UrhG) abge­schlos­sen wor­den sind, sind die Vor­schrif­ten des Urhe­ber­rechts­ge­set­zes grund­sätz­lich nicht anzu­wen­den. Abwei­chen­des gilt ledig­lich für die §§ 42 und 43 UrhG und – mit Ein­schrän­kun­gen – die §§ 40 und 41 UrhG (§ 132 Abs. 1 UrhG). Maß­geb­lich sind daher die zum Zeit­punkt des Ver­trags­ab­schlus­ses gel­ten­den Geset­ze und dane­ben die zu die­ser Zeit von der Recht­spre­chung aner­kann­ten Rechts­grund­sät­ze 3. Vor dem 1. Janu­ar 1966 getrof­fe­ne Ver­fü­gun­gen, die nach dem damals gel­ten­den Recht wirk­sam waren, sind wirk­sam geblie­ben (§ 132 Abs. 2 UrhG).

Bis zum Inkraft­tre­ten des Urhe­ber­rechts­ge­set­zes am 1. Janu­ar 1966 konn­ten Nut­zungs­rech­te für noch nicht bekann­te Nut­zungs­ar­ten zwar wirk­sam ein­ge­räumt wer­den 4. Es gab bis zu die­sem Zeit­punkt kei­ne Vor­schrift, der zufol­ge – wie nach der vom 1.01.1966 bis zum 31.12. 2007 gel­ten­den Rege­lung des § 31 Abs. 4 UrhG – die Ein­räu­mung von Nut­zungs­rech­ten für noch nicht bekann­te Nut­zungs­ar­ten sowie Ver­pflich­tun­gen hier­zu unwirk­sam war. Das Recht des Urhe­bers konn­te nach § 8 Abs. 3 LUG und § 10 Abs. 3 KUG viel­mehr unbe­schränkt auf ande­re über­tra­gen wer­den.

Eine wirk­sa­me Ein­räu­mung von Nut­zungs­rech­ten für noch nicht bekann­te Nut­zungs­ar­ten setz­te aller­dings eine ein­deu­ti­ge Erklä­rung des Berech­tig­ten hin­sicht­lich der Ein­räu­mung sol­cher Nut­zungs­rech­te oder eine ange­mes­se­ne Betei­li­gung des Berech­tig­ten an den Erlö­sen aus deren Ver­wer­tung vor­aus; auch eine Ein­räu­mung von Nut­zungs­rech­ten für unbe­kann­te Nut­zungs­ar­ten an Film­wer­ken durch Fil­mur­he­ber an Film­her­stel­ler war nur unter die­ser Vor­aus­set­zung gül­tig 5. Bei einer Ver­ein­ba­rung, die kei­ne ange­mes­se­ne Betei­li­gung des Urhe­bers an den Erlö­sen aus der Ver­wer­tung unbe­kann­ter Nut­zungs­ar­ten vor­sieht, ist eine ein­deu­ti­ge Erklä­rung des Berech­tig­ten hin­sicht­lich der Ein­räu­mung der Nut­zungs­rech­te für unbe­kann­te Nut­zungs­ar­ten nur anzu­neh­men, wenn bei der Fest­le­gung der Ver­gü­tung erkenn­bar erör­tert und berück­sich­tigt wur­de, dass mit ihr auch die Ein­räu­mung die­ser Rech­te abge­gol­ten ist 6.

Die­se Vor­aus­set­zung ist im Streit­fall nicht erfüllt. Der Ver­fil­mungs- und Dreh­buch­ver­trag sieht zwar eine für dama­li­ge Zei­ten nen­nens­wer­te Ver­gü­tung vor. Dies ist aber damit zu erklä­ren, dass der Klä­ger schon bei Ver­trags­schluss ein bekann­ter Dreh­buch­au­tor war. Die Ver­trags­par­tei­en haben nicht indi­vi­du­ell ver­ein­bart, dass Nut­zungs­rech­te auch für unbe­kann­te Nut­zungs­ar­ten über­tra­gen wer­den. Sie haben ledig­lich die für eine Viel­zahl von Ver­trä­gen vor­for­mu­lier­ten "All­ge­mei­nen Bedin­gun­gen" in den Ver­trag ein­be­zo­gen, nach denen sich der Rechts­über­gang auch auf alle zukünf­ti­gen Arten, Sys­te­me und Ver­fah­ren der Kine­ma­to­gra­phie und deren Mög­lich­kei­ten einer Aus­wer­tung des Films und sei­ner Tei­le ein­schließ­lich der Über­tra­gung durch Draht, Rund­funk und Tele­vi­si­on erstreckt. Unter die­sen Umstän­den kann nicht ange­nom­men wer­den, dass der Klä­ger sich bewusst damit ein­ver­stan­den erklärt hat, dass die Ein­räu­mung von Nut­zungs­rech­ten auch für unbe­kann­te Nut­zungs­ar­ten mit der ver­ein­bar­ten Pau­schal­ver­gü­tung abge­gol­ten sein soll.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 28. Okto­ber 2010 – I ZR 85/​09

  1. vgl. BGH, Urteil vom 11.10.1990 – I ZR 59/​89, GRUR 1991, 133, 136 f. = WRP 1991, 166 – Video­zweit­aus­wer­tung I; vgl. auch BGH, Urteil vom 26.01.1995 – I ZR 63/​93, BGHZ 128, 336, 340 ff. – Video­zweit­aus­wer­tung III[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 19.05.2005 – I ZR 285/​02, BGHZ 163, 109, 115 ff. – Der Zau­ber­berg[]
  3. vgl. Schricker/​Katzenberger, Urhe­ber­recht, 4. Aufl., § 132 UrhG Rn. 3; Wandtke/​Bullinger/​Braun/​Jani, Urhe­ber­recht, 3. Aufl., § 132 UrhG Rn. 2; Möhring/​Nicolini/​Hartmann, Urhe­ber­rechts­ge­setz, 2. Aufl., § 132 Rn. 6[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 5.06.1985 – I ZR 53/​83, GRUR 1986, 62, 66 – GEMA-Ver­mu­tung I, inso­weit nicht in BGHZ 95, 274 abge­druckt; Urteil vom 15.10.1987 – I ZR 96/​85, GRUR 1988, 296, 299 – GEMA-Ver­mu­tung IV[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 28.10.2010 – I ZR 18/​09 Rn. 16 bis 27 – Der Frosch mit der Mas­ke[]
  6. BGH, Urteil vom 28.10.2010 – I ZR 18/​09 Rn. 39 – Der Frosch mit der Mas­ke[]