Ver­jäh­rungs­be­ginn bei der Steu­er­be­ra­ter­haf­tung

Die Ver­jäh­rung des Scha­dens­er­satz­an­spruchs gegen einen Steu­er­be­ra­ter, wel­cher ver­schul­det hat, dass Ver­lus­te sei­ner Man­dan­ten nied­ri­ger als mög­lich fest­ge­stellt wor­den sind, beginnt regel­mä­ßig mit der Bekannt­ga­be der ent­spre­chen­den Grund­la­gen­be­schei­de 1.

Ver­jäh­rungs­be­ginn bei der Steu­er­be­ra­ter­haf­tung

Unter­läuft einem Steu­er­be­ra­ter infol­ge der Jähr­lich­keit von Steu­er­erklä­run­gen mehr­mals der glei­che Feh­ler, so han­delt es sich um eine Feh­ler­wie­der­ho­lung, die jeweils eine eige­ne haf­tungs­aus­fül­len­de Kau­sa­li­tät in Gang setzt und einen eige­nen Scha­den in Gestalt ungüns­ti­ger Steu­er­be­schei­de bewirkt. Die Scha­dens­ein­heit ist dem­nach in sol­chen Fäl­len zu ver­nei­nen, anders als wenn ein abge­schlos­se­ner Bera­tungs- oder Gestal­tungs­feh­ler in meh­re­re nach­fol­gen­de Ver­an­la­gungs­zeit­räu­me fort­wirkt 2. Mit der Fra­ge, ob der Irr­tum des Steu­er­be­ra­ters auf tat­säch­li­chem oder recht­li­chem Gebiet liegt, hat das nichts zu tun.

Im Jahr 2005 hat der Bun­des­ge­richts­hof 3 in sach­li­cher Abwei­chung von sei­nem Urteil vom 4. April 1991 4 in der blo­ßen Wie­der­ho­lung eines frü­he­ren Feh­lers kei­nen Anlass zur Über­prü­fung der bis­he­ri­gen Tätig­keit gese­hen, wenn sich kei­ne neu­en Umstän­de sach­li­cher oder recht­li­cher Art erge­ben hat­ten, durch die der Steu­er­be­ra­ter ver­an­lasst war, sei­ne Beur­tei­lung einer Über­prü­fung zu unter­zie­hen. Damit fehlt die Grund­la­ge des ver­jäh­rungs­recht­li­chen Sekun­där­an­spruchs.

Die­ser Recht­spre­chungs­wan­del ist in der wei­te­ren Spruch­pra­xis des Bun­des­ge­richts­hofs durch das Urteil vom 16.10.2008 5 und den Beschluss vom 17. Juli 2008 6 bestä­tigt wor­den, an letzt­ge­nann­ter Stel­le mit dem aus­drück­li­chen Zusatz, hier­durch sei die älte­re Sicht­wei­se des Urteils vom 4. April 1991 7 modi­fi­ziert wor­den. Der Bun­des­ge­richts­hof sieht kei­nen Anlass, von sei­ner neue­ren Recht­spre­chung zu den Vor­aus­set­zun­gen der ver­jäh­rungs­recht­li­chen Sekun­där­haf­tung nach dem hier noch anwend­ba­ren § 68 StBerG aF abzu­ge­hen.

Die Bekannt­ga­be der ergan­ge­nen Fest­stel­lungs­be­schei­de setzt die Ver­jäh­rung in Lauf. Die Grund­la­ge für einen Steu­er­an­spruch ist damit zwar anders als in dem vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall eines Grund­la­gen­be­schei­des, wel­cher Gewin­ne nach § 182 Abs. 1 AO mit bin­den­der Wir­kung für Fol­ge­be­schei­de fest­stell­te, noch nicht selb­stän­dig gelegt 8. Die Wir­kung der ergan­ge­nen Ver­lust­fest­stel­lungs­be­schei­de der Jah­re 1998 bis 2000 war jedoch wirt­schaft­lich die einer Steu­er­gut­schrift. Bereits ihr Ver­lust stell­te einen Scha­den dar. Dar­auf, ob die­ser Scha­den sich erst spä­ter bezif­fern ließ, kommt es nicht an. Den Steu­er­pflich­ti­gen ist es gelun­gen, durch Ein­satz ihrer bestands­kräf­tig fest­ge­stell­ten Ver­lust­ab­zü­ge gemäß § 10d Abs. 3 EStG aF höhe­re Steu­er­fest­set­zun­gen in das Jahr 2006 zu ver­schie­ben. Die­ser Zeit­punkt ist jedoch für den Ver­jäh­rungs­be­ginn nicht maß­ge­bend.

Die Beur­tei­lung der Finanz­ver­wal­tung war mit den ergan­ge­nen Fest­stel­lungs­be­schei­den abge­schlos­sen. Das zuvor ledig­lich bestehen­de Scha­dens­ri­si­ko hat­te sich nach der Fest­stel­lungs- und Beur­tei­lungs­tä­tig­keit der Finanz­ver­wal­tung zu einem Scha­den ver­dich­tet. Der teil­wei­se Ver­zehr fest­ge­stell­ter Ver­lust­vor­trä­ge bis Ende 2001 ließ eine spä­te­re steu­er­li­che Mehr­be­las­tung mit hoher Wahr­schein­lich­keit erwar­ten. Der Erhe­bung einer Kla­ge, wel­che die Ersatz­pflicht des Beklag­ten für die erst spä­ter bezif­fer­ba­re steu­er­li­che Mehr­be­las­tung dem Grun­de nach fest­stel­len soll­te, stand dies nicht im Wege. Für ihre Begründ­etheit genüg­te die Wahr­schein­lich­keit, dass ein bezif­fer­ba­rer Scha­den ein­tre­te 9. Ein sol­ches Vor­ge­hen war den Klä­gern nach Erlass der Fest­stel­lungs­be­schei­de daher mög­lich und zumut­bar.

Zum Ver­jäh­rungs­be­ginn eines Scha­dens­er­satz­an­spruchs infol­ge ver­rin­ger­ter Ver­lust­zu­wei­sun­gen hat der Bun­des­ge­richts­hof bereits ent­schie­den, dass es auch hier regel­mä­ßig auf die Bekannt­ga­be der ent­spre­chen­den Fest­stel­lungs­be­schei­de ankommt, selbst wenn es dem Man­dan­ten gelun­gen ist, die höhe­re Steu­er­be­las­tung durch das Vor­zie­hen ande­rer Wer­bungs­kos­ten zunächst hin­aus­zu­schie­ben 10. Die­ser Fall liegt hin­sicht­lich des Ver­jäh­rungs­be­ginns mit dem Streit­fall gleich. Das BGH-Urteil vom 16. Okto­ber 2003 11 betrifft dage­gen eine ande­re Fall­ge­stal­tung, weil bei dem ein­ge­tre­te­nen steu­er­li­chen Objekt­ver­brauch noch völ­lig offen war, ob die dama­li­gen Klä­ger in Zukunft ein wei­te­res Gebäu­de erwer­ben wür­den, für wel­ches sie erhöh­te Abschrei­bun­gen nach § 7b EStG oder § 10e Abs. 1 EStG nicht mehr in Anspruch neh­men konn­ten. Danach war hier die Kla­ge­for­de­rung bei Ein­tritt der Rechts­hän­gig­keit bereits ins­ge­samt ver­jährt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 15. Novem­ber 2012 – IX ZR 184/​09

  1. im Anschluss an BGH, WM 2010, 138[]
  2. vgl. dazu BGH, Urteil vom 18.12.1997 – IX ZR 180/​96, WM 1998, 779, 780[]
  3. BGH, Urteil vom 14.07.2005 – IX ZR 204/​01, WM 2005, 2106, 2107[]
  4. BGH, Urteil vom 04.04.1991 – IX ZR 215/​90, BGHZ 114, 150, 159 aE[]
  5. BGH, Urteil vom 16. Okto­ber 2008 – IX ZR 135/​07, WM 2008, 2307 Rn. 21[]
  6. BGH, Beschluss vom 17.07.2008 – IX ZR 174/​05, DSt­RE 2009, 251 Rn. 2[]
  7. BGHZ aaO[]
  8. vgl. dazu BGH, Urteil vom 10.01.2008 – IX ZR 53/​06, WM 2008, 613 Rn. 7 mwN[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 20.03.2008 – IX ZR 104/​05, WM 2008, 1042 Rn 10[]
  10. vgl. BGH, Urteil vom 12.11.2009 – IX ZR 218/​08, WM 2010, 138 Rn. 10[]
  11. BGH, Urteil vom 16.10.2003 – IX ZR 167/​02, WM 2004, 472, 473 f unter III.02. a[]