Ver­let­zung meh­re­rer Mar­ken­rech­te

Hat der Klä­ger in den Tat­sa­chen­in­stan­zen Ansprü­che aus ver­schie­de­nen Kenn­zei­chen­rech­ten alter­na­tiv ver­folgt, ist ein gericht­li­cher Hin­weis auf die Not­wen­dig­keit der Anga­be der Rei­hen­fol­ge der gel­tend gemach­ten Kenn­zei­chen­rech­te nicht des­halb ent­behr­lich, weil das Gericht die Ansprü­che für unbe­grün­det hält.

Ver­let­zung meh­re­rer Mar­ken­rech­te

Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs wird der Streit­ge­gen­stand (der pro­zes­sua­le Anspruch) durch den Kla­ge­an­trag, in dem sich die vom Klä­ger in Anspruch genom­me­ne Rechts­fol­ge kon­kre­ti­siert, und den Lebens­sach­ver­halt (Kla­ge­grund) bestimmt, aus dem der Klä­ger die begehr­te Rechts­fol­ge her­lei­tet [1]. Geht der Klä­ger aus einem Schutz­recht vor, wird der Gegen­stand der Kla­ge durch den Antrag und das im Ein­zel­nen bezeich­ne­te Schutz­recht fest­ge­legt [2].

Im Streit­fall lie­gen danach inso­weit unter­schied­li­che Streit­ge­gen­stän­de vor, als die Klä­ge­rin aus ihren ver­schie­de­nen Mar­ken und ihrem Unter­neh­mens­kenn­zei­chen vor­geht. Dage­gen bil­den die Ansprü­che wegen Ver­let­zung eines Mar­ken­rechts nach § 14 Abs. 2 Nr. 2 und 3 Mar­kenG einen ein­heit­li­chen Streit­ge­gen­stand; das­sel­be gilt für den Schutz einer geschäft­li­chen Bezeich­nung nach § 15 Abs. 2 und 3 Mar­kenG [3].

Das Beru­fungs­ge­richt ist zutref­fend davon aus­ge­gan­gen, dass die Klä­ge­rin die ver­schie­de­nen Streit­ge­gen­stän­de in ers­ter Instanz und im Beru­fungs­ver­fah­ren nicht kumu­la­tiv, son­dern alter­na­tiv gel­tend gemacht hat. Das folgt aus der Aus­le­gung des Kla­ge­vor­brin­gens.

Dafür, dass die Klä­ge­rin die ver­schie­de­nen Streit­ge­gen­stän­de im Wege kumu­la­ti­ver Kla­ge­häu­fung ver­folgt hat, erge­ben sich vor­lie­gend ent­ge­gen der Ansicht der Revi­si­on kei­ne Anhalts­punk­te. Viel­mehr lag zum Zeit­punkt der Ent­schei­dung des Beru­fungs­ge­richts Anfang 2010 eine alter­na­ti­ve Kla­ge­häu­fung vor, bei der der Klä­ger sein Kla­ge­be­geh­ren aus meh­re­ren Streit­ge­gen­stän­den her­lei­tet und dem Gericht die Aus­wahl über­lässt, auf wel­chen Streit­ge­gen­stand es die statt­ge­ben­de Ent­schei­dung stützt [4]. Die­se Vor­ge­hens­wei­se ent­sprach einer im Bereich des gewerb­li­chen Rechts­schut­zes ver­brei­te­ten Übung, die der Bun­des­ge­richts­hof in der Ver­gan­gen­heit nicht bean­stan­det und erst­mals in sei­nem Hin­weis­be­schluss vom 24.03.2011 als unzu­läs­sig ange­se­hen hat [5]. Ohne kon­kre­te Anhalts­punk­te im Sach­vor­trag der Klä­ge­rin, an denen es vor­lie­gend fehlt, hat­te das Beru­fungs­ge­richt vor dem Hin­ter­grund der zuvor geüb­ten Pra­xis kei­nen Grund, von einer kumu­la­ti­ven Kla­ge­häu­fung aus­zu­ge­hen [6].

Die Klä­ge­rin kann in der Revi­si­ons­in­stanz nicht mehr von der alter­na­ti­ven Kla­ge­häu­fung zur kumu­la­ti­ven Kla­ge­häu­fung über­ge­hen, weil dar­in eine Kla­ge­än­de­rung liegt, die in der Revi­si­ons­in­stanz nicht mehr mög­lich ist [7].

Die Klä­ge­rin ist jedoch in der Revi­si­ons­in­stanz hilfs­wei­se von der alter­na­ti­ven zur even­tu­el­len Kla­ge­häu­fung über­ge­gan­gen. Sie hat bestimmt, dass sie ihre Ansprü­che zunächst auf ihre Mar­ken­rech­te – und zwar zuerst auf die Mar­ke Nr. 677564 und sodann in nach­ste­hen­der Rei­hen­fol­ge auf die Mar­ken Nr. 85195, Nr.2033253, Nr. 179242, Nr. 179226 und Nr. 1014333 – und anschlie­ßend auf ihr Unter­neh­mens­kenn­zei­chen „Peli­kan Ver­triebs­ge­sell­schaft mbH & Co. KG“ stützt.

Der Über­gang von der alter­na­ti­ven zur even­tu­el­len Kla­ge­häu­fung noch in der Revi­si­ons­in­stanz durch Anga­be der Rei­hen­fol­ge, in der die Rech­te aus den ver­schie­de­nen Kenn­zei­chen gel­tend gemacht wer­den, ist zuläs­sig [8]. Eine ent­spre­chen­de Klar­stel­lung wäre zwar bereits in der Kla­ge gebo­ten gewe­sen. Sie kann aber noch im Lau­fe des Ver­fah­rens, und zwar auch noch in der Beru­fungs- oder der Revi­si­ons­in­stanz nach­ge­holt wer­den. Auf die Anga­be einer Rei­hen­fol­ge hät­te das Beru­fungs­ge­richt nach § 139 Abs. 1 Satz 2 und Abs. 2 und 3 ZPO hin­wir­ken müs­sen. Zu Recht rügt die Revi­si­on, dass ein ent­spre­chen­der Hin­weis des Beru­fungs­ge­richts unter­blie­ben ist.

Aus den Grün­den des Beru­fungs­ur­teils ergibt sich nicht mit hin­rei­chen­der Klar­heit, dass die Klä­ge­rin recht­zei­tig auf die Not­wen­dig­keit hin­ge­wie­sen wor­den ist, die Rei­hen­fol­ge anzu­ge­ben, in der die Rech­te aus den ver­schie­de­nen Kenn­zei­chen gel­tend gemacht wer­den. Dort fin­det sich zwar die Anga­be, dass die Ver­bots­fas­sung im Bun­des­ge­richts­hofs­ter­min erör­tert wor­den ist. Das kann sich aber auch auf die aus Sicht des Beru­fungs­ge­richts zu wei­te Fas­sung des Unter­las­sungs­an­trags bezie­hen. Im Übri­gen ver­folgt das Gesetz mit dem Erfor­der­nis, den Hin­weis akten­kun­dig zu machen, nicht nur den Zweck, Streit dar­über zu ver­mei­den, ob eine bestimm­te Fra­ge in der münd­li­chen Ver­hand­lung erör­tert wor­den ist; das Erfor­der­nis der Doku­men­ta­ti­on sorgt viel­mehr auch dafür, dass der Hin­weis in einer Form erteilt wird, die der Par­tei, an die er sich rich­tet, die Not­wen­dig­keit einer pro­zes­sua­len Reak­ti­on – und sei es in der Form sei­nes Antrags nach § 139 Abs. 5 ZPO – deut­lich vor Augen führt [9]. Des­halb sind gericht­li­che Hin­wei­se, die in der münd­li­chen Ver­hand­lung erteilt wer­den, in der Regel in das Ver­hand­lungs­pro­to­koll auf­zu­neh­men [10], was vor­lie­gend nicht gesche­hen ist.

Ein Hin­weis auf die Not­wen­dig­keit der Anga­be der Rei­hen­fol­ge der gel­tend gemach­ten Kenn­zei­chen­rech­te war ent­ge­gen der Annah­me des Beru­fungs­ge­richts auch nicht des­halb ent­behr­lich, weil ein zuläs­sig gefass­ter Ver­bots­an­trag unbe­grün­det wäre. Die Fra­ge der Bestimmt­heit des Kla­ge­an­trags und des Kla­ge­grunds im Sin­ne von § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO betrifft die Zuläs­sig­keit der Kla­ge. Ein Hin­weis zur Zuläs­sig­keit der Kla­ge ist aber nicht des­halb über­flüs­sig, weil die zuläs­si­ge Kla­ge unbe­grün­det wäre. Dem steht schon die unter­schied­li­che Reich­wei­te einer Kla­ge­ab­wei­sung als unzu­läs­sig oder als unbe­grün­det ent­ge­gen. Wäh­rend das Pro­zes­s­ur­teil in Rechts­kraft nur im Hin­blick auf den behan­del­ten ver­fah­rens­recht­li­chen Punkt erwächst [11] und den Klä­ger nicht hin­dert, nach Behe­bung des Zuläs­sig­keits­man­gels erneut zu kla­gen [12], ist bei einem die Kla­ge sach­lich abwei­sen­den Urteil eine erneu­te Ent­schei­dung über den Anspruch aus­ge­schlos­sen [13].

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 19. April 2012 – I ZR 86/​10

  1. vgl. BGH, Urteil vom 03.04.2003 – I ZR 1/​01, BGHZ 154, 342, 347 f. – Rei­ni­gungs­ar­bei­ten[]
  2. BGH, Urteil vom 20.09.2007 – I ZR 6/​05, GRUR 2005, 1071 Rn. 56 = WRP 2007, 1461Kin­der II; zum Urhe­ber­recht BGH, Urteil vom 24.05.2007 – I ZR 42/​04, GRUR 2007, 691 Rn. 17 = WRP 2007, 996 – Staats­ge­schenk[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 08.03.2012 – I ZR 75/​10, GRUR 2012, 621 Rn. 32 = WRP 2012, 716 – OSCAR[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 24.03.2011 – I ZR 108/​09, BGHZ 189, 56 Rn. 6 ff. – TÜV I[]
  5. vgl. BGHZ 189, 56 Rn. 8 – TÜV I; BGH, Urteil vom 17.08.2011 I ZR 108/​09, GRUR 2011, 1043 Rn. 30 = WRP 2011, 1454 – TÜV II[]
  6. BGH, Urteil vom 15.03.2012 – I ZR 137/​10, GRUR 2012, 630 Rn. 15 = WRP 2012, 824 – CONVERSE II[]
  7. vgl. BGH, GRUR 2011, 1043 Rn. 32 – TÜV II[]
  8. vgl. BGHZ 189, 56 Rn. 13 – TÜV I; Urteil vom 09.11.2011 – I ZR 150/​09, GRUR 2012, 304 Rn. 18 = WRP 2012, 330 – Bas­ler Haar-Kos­me­tik[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 12.05.2011 – I ZR 20/​10, GRUR 2011, 1140 Rn. 23 = WRP 2011, 1606 – Schaum­stoff Lüb­ke[]
  10. vgl. BGH, Urteil vom 22.09.2005 – VII ZR 34/​04, BGHZ 164, 166, 172 f.[]
  11. vgl. BGH, Urteil vom 06.03.1985 – IVb ZR 76/​83, NJW 1985, 2535[]
  12. vgl. BGH, Urteil vom 10.12.1953 – IV ZR 48/​53, BGHZ 11, 222, 223 f.[]
  13. vgl. BGH, Urteil vom 19.11.2003 – VIII ZR 60/​03, BGHZ 157, 47, 50[]