Der Pflich­ten­ver­stoß eines Drit­ten – und der Ein­tritt des Rechts­schutz­falls

Die Bestim­mung in § 14 (3) ARB 75, wonach der Ver­si­che­rungs­fall bereits als ein­ge­tre­ten gilt, wenn ein Drit­ter begon­nen hat oder begon­nen haben soll, gegen Rechts­pflich­ten oder Rechts­vor­schrif­ten zu ver­sto­ßen, und bei meh­re­ren Ver­stö­ßen der ers­te adäqua­tur­säch­li­che maß­geb­lich sein soll, bedarf der ein­schrän­ken­den Aus­le­gung.

Der Pflich­ten­ver­stoß eines Drit­ten – und der Ein­tritt des Rechts­schutz­falls

Der Geset­zes- oder Pflich­ten­ver­stoß eines Drit­ten, mag er auch die spä­te­re Rechts­ver­fol­gung des Ver­si­che­rungs­neh­mers adäquat­kau­sal begrün­den, kann nur dann den Rechts­schutz­fall aus­lö­sen und zeit­lich fest­le­gen, wenn bereits ein gesetz­li­ches oder ver­trag­li­ches Schuld­ver­hält­nis zwi­schen dem Ver­si­che­rungs­neh­mer und sei­nem Geg­ner ansteht.

Für eine auf Pfän­dung und Über­wei­sung des Anspruchs gegen einen Dritt­schuld­ner gestütz­te Ein­zie­hungs­kla­ge hat der Bun­des­ge­richts­hof bereits ent­schie­den, dass es sich inso­weit – in Abgren­zung zur Ver­fol­gung des Prim­är­an­spruchs, des­sen Erfül­lung mit­tels der Pfän­dung und Über­wei­sung des gegen einen Dritt­schuld­ner gerich­te­ten Anspruchs erreicht wer­den soll in Anse­hung der Rechts­schutz­ver­si­che­rung nicht ledig­lich um eine Maß­nah­me zur Voll­stre­ckung des Prim­är­an­spruchs und damit eine Fort­set­zung des ihn betref­fen­den Rechts­schutz­fal­les, son­dern um einen neu­en, eigen­stän­di­gen Rechts­schutz­fall han­delt. Er beruht dar­auf, dass nach Dar­stel­lung des Rechts­schutz­ver­si­che­rungs­neh­mers der Dritt­schuld­ner gegen­über dem Pfand­gläu­bi­ger sei­ner Ver­pflich­tung aus der gepfän­de­ten For­de­rung nicht nach­kommt. Ob der Rechts­schutz­ver­si­che­rer für die­sen zusätz­li­chen Rechts­schutz­fall ein­zu­ste­hen hat, hängt allein davon ab, ob sich sein Leis­tungs­ver­spre­chen auch auf die mit der Ein­zie­hungs­kla­ge gel­tend gemach­ten recht­li­chen Inter­es­sen erstreckt [1].

Das lässt sich auf die im hier ent­schie­de­nen Streit­fall beab­sich­tig­te, auf § 157 VVG a.F. gestütz­te Ein­zie­hungs­kla­ge gegen den Haft­pflicht­ver­si­che­rer des (insol­ven­ten) Wirt­schafts­prü­fers über­tra­gen. Auch hier ver­fol­gen die Klä­ger nicht mehr den gegen den Schä­di­ger gerich­te­ten Scha­dens­er­satz­an­spruch, son­dern den ihnen zu Voll­stre­ckungs­zwe­cken zuge­wie­se­nen ver­trag­li­chen Deckungs­an­spruch die­ses Schä­di­gers aus des­sen Haft­pflicht­ver­si­che­rungs­ver­hält­nis. Dabei han­delt es sich um einen vom ursprüng­li­chen Haft­pflicht­be­geh­ren getrennt zu beur­tei­len­den, neu­en Rechts­schutz­ver­si­che­rungs­fall, der nicht auf die Ver­fol­gung eines Scha­dens­er­satz­an­spruchs i.S. von § 14 (1) ARB 75 gerich­tet ist, son­dern ver­trag­li­che Ver­si­che­rungs­leis­tun­gen zum Gegen­stand hat, wes­halb der Ein­tritt die­ses Ver­si­che­rungs­fal­les nach § 14 (3) ARB 75 zu beur­tei­len ist.

Stellt mit­hin die Ein­zie­hungs­kla­ge einen eigen­stän­di­gen, auf Ver­trags­rechts­schutz gerich­te­ten Rechts­schutz­fall dar, ist die­ser im hier ent­schie­de­nen Fall nicht mehr in ver­si­cher­ter Zeit son­dern nach­ver­trag­lich ein­ge­tre­ten.

Das ist nach § 14 (3) ARB 75 zu bestim­men. Danach besteht Ver­si­che­rungs­schutz von dem Zeit­punkt an, in dem der Ver­si­che­rungs­neh­mer oder ein ande­rer einen Ver­stoß gegen Rechts­pflich­ten oder Rechts­vor­schrif­ten began­gen hat, wenn der maß­geb­li­che Ver­stoß in ver­si­cher­ter Zeit, d.h. nach Beginn und vor Ende des Ver­si­che­rungs­schut­zes, ein­ge­tre­ten ist.

Wie der Bun­des­ge­richts­hof bereits mehr­fach [2] dar­ge­legt hat, ent­schei­det über die zeit­li­che Ein­ord­nung des Rechts­schutz­fal­les allein der Tat­sa­chen­vor­trag, mit dem der Ver­si­che­rungs­neh­mer den Ver­stoß begrün­det. Als frü­hest­mög­li­cher Zeit­punkt kommt dabei erst das sei­nem Anspruchs­geg­ner hier dem Berufs­haft­pflicht­ver­si­che­rer als Dritt­schuld­ner – vor­ge­wor­fe­ne pflicht­wid­ri­ge Ver­hal­ten in Betracht, aus dem der Ver­si­che­rungs­neh­mer sei­nen Anspruch her­ge­lei­tet hat [3]. Das ist im Streit­fall die erst im Jah­re 2010 erklär­te Wei­ge­rung des Haft­pflicht­ver­si­che­rers, für die Pflicht­ver­let­zun­gen des Wirt­schafts­prü­fers Deckung zu gewäh­ren.

Die Bestim­mung in § 14 (3) ARB 75, wonach der Ver­si­che­rungs­fall bereits als ein­ge­tre­ten gilt, wenn ein Drit­ter begon­nen hat oder begon­nen haben soll, gegen Rechts­pflich­ten oder Rechts­vor­schrif­ten zu ver­sto­ßen, und bei meh­re­ren Ver­stö­ßen der ers­te adäqua­tur­säch­li­che maß­geb­lich sein soll, führt zu kei­nem ande­ren Ergeb­nis.

Die­se Anknüp­fung an die ers­te Ursa­che des Scha­dens kann zu einer sehr wei­ten Vor­ver­la­ge­rung des Ver­si­che­rungs­fal­les füh­ren [4]. Ihre wort­laut­kon­for­me Anwen­dung birgt die Gefahr einer ufer­lo­sen Rück­ver­la­ge­rung des für die zeit­li­che Bestim­mung des Rechts­schutz­ver­si­che­rungs­fal­les maß­geb­li­chen Gesche­hens in sich, die in der Mehr­zahl der Fäl­le den berech­tig­ten Inter­es­sen des Ver­si­che­rungs­neh­mers wider­spricht [5], weil sie häu­fig zur Annah­me von Vor­ver­trag­lich­keit führt. Umge­kehrt sind aber auch berech­tig­te Inter­es­sen des Ver­si­che­rers berührt, weil der Rege­lungs­wort­laut eine zeit­lich weit aus­ge­dehn­te Nach­haf­tung zur Fol­ge haben kann. Die Klau­sel hält des­halb nur in einer inter­es­se­ge­rech­ten ein­schrän­ken­den Aus­le­gung nach dem maß­geb­li­chen Ver­ständ­nis eines durch­schnitt­li­chen Ver­si­che­rungs­neh­mers [6] einer Inhalts­kon­trol­le (§ 307 BGB) stand [7].

Den bei­den in § 14 (1) und (3) ARB 75 beschrie­be­nen Rechts­schutz­fäl­len ist gemein, dass sie für den durch­schnitt­li­chen Ver­si­che­rungs­neh­mer erkenn­bar nach Wort­laut, Sys­te­ma­tik und Zweck glei­cher­ma­ßen erst über die Ver­let­zung von Pflich­ten eines den Ver­si­che­rungs­neh­mer und sei­nen Geg­ner ver­bin­den­den Schuld­ver­hält­nis­ses fest­ge­legt wer­den [8]. Dabei kann es sich sowohl um ein gesetz­li­ches als auch um ein ver­trag­li­ches Schuld­ver­hält­nis han­deln. Ohne die­sen recht­li­chen Bezug des Erst­ereig­nis­ses zum Rechts­schutz­be­geh­ren des Ver­si­che­rungs­neh­mers ist eine inter­es­sen­ge­rech­te zeit­li­che Ein­ord­nung des Ver­si­che­rungs­fal­les nicht mög­lich [9]. Der Geset­zes- oder Pflich­ten­ver­stoß eines Drit­ten, mag er auch die spä­te­re Rechts­ver­fol­gung des Ver­si­che­rungs­neh­mers adäquat­kau­sal begrün­den, kann des­halb nur dann den Rechts­schutz­fall aus­lö­sen und zeit­lich fest­le­gen, wenn zeit­gleich bereits ein sol­ches Ver­hält­nis zwi­schen dem Ver­si­che­rungs­neh­mer und sei­nem Geg­ner ansteht.

Dar­an fehlt es in dem hier ent­schie­de­nen Fall bei den in den Jah­ren 2003 und 2004 ver­üb­ten Pflicht­ver­let­zun­gen des Wirt­schafts­prü­fers. Sie hat­ten zwar des­sen Scha­dens­er­satz­ver­pflich­tung gegen­über den Klä­gern zur Fol­ge; die Rechts­be­zie­hung zwi­schen den Klä­gern und dem Berufs­haft­pflicht­ver­si­che­rer des Wirt­schafts­prü­fers konn­te aber frü­hes­tens mit der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens gegen den Schä­di­ger im Jah­re 2010 ent­ste­hen, weil erst sie den Klä­gern nach § 157 VVG a.F. die Mög­lich­keit eröff­ne­te, abge­son­der­te Befrie­di­gung aus dem Leis­tungs­an­spruch des Treu­hän­ders gegen sei­nen Berufs­haft­pflicht­ver­si­che­rer zu ver­lan­gen [10]. Der ers­te von den Klä­gern behaup­te­te Ver­stoß gegen Pflich­ten aus die­sem Schuld­ver­hält­nis liegt in der im Jah­re 2010 erklär­ten Wei­ge­rung des Berufs­haft­pflicht­ver­si­che­rers, Deckung zu gewäh­ren. Der Rechts­schutz­fall ist damit in nicht mehr ver­si­cher­ter Zeit (hier: Ver­si­che­rungs­en­de im Jahr 2006) ein­ge­tre­ten.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 5. Novem­ber 2014 – IV ZR 22/​13

  1. BGH, Urteil vom 29.10.2008 – IV ZR 128/​07, r+s 2009, 107 Rn. 15[]
  2. BGH, Beschluss vom 17.10.2007 – IV ZR 37/​07, VersR 2008, 113 Rn. 3; BGH, Urtei­le vom 28.09.2005 – IV ZR 106/​04, VersR 2005, 1684 unter – I 2; vom 19.03.2003 – IV ZR 139/​01, VersR 2003, 638 unter 1 a; vom 24.04.2013 – IV ZR 23/​12, r+s 2013, 283 Rn. 12; vom 30.04.2014 – IV ZR 47/​13, r+s 2014, 354 Rn. 16, 18[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 17.10.2007 aaO; BGH, Urteil vom 19.03.2003 – IV ZR 139/​01 aaO[]
  4. vgl. zu § 4 (1) Satz 1 a ARB 94: BGH, Urteil vom 30.04.2014 – IV ZR 47/​13, r+s 2014, 354 Rn. 15 ff.[]
  5. statt aller Looschelders/​Paffenholz, ARB [2014] § 4 ARB 2010 Rn. 14[]
  6. BGH, Urteil vom 23.06.1993 – IV ZR 135/​92, BGHZ 123, 83, 85 und stän­dig[]
  7. BGH, Urteil vom 30.04.2014 aaO Rn. 17[]
  8. vgl. für § 4 (1) Satz 1 a und c ARB 94: BGH, Urteil vom 30.04.2014 aaO Rn.19 m.w.N.[]
  9. BGH, Urteil vom 30.04.2014 aaO[]
  10. Prölss/​Martin/​Voit/​Knappmann, VVG 27. Aufl. § 157 Rn. 1; vgl. auch Prölss/​Martin/​Lücke, VVG, 28. Aufl. § 110 Rn. 3[]