Die Heb­am­me als Erfül­lungs­ge­hil­fe des Beleg­arz­tes – und die Haft­pflicht­ver­si­che­run­gen

Ein dop­pelt ver­si­cher­tes Haft­pflicht-Risi­ko führt zu Aus­gleichs­pflich­ten zwi­schen den bei­den Ver­si­che­run­gen. Ist ein Risi­ko (hier: Inan­spruch­nah­me als Heb­am­me wegen Geburts­schä­den) sowohl über die Ver­si­che­rung des Beleg­arz­tes als auch über die des Anstel­lungs­kran­ken­hau­ses der Heb­am­me ver­si­chert, kann die Ver­si­che­rung des Arz­tes die Heb­am­me per­sön­lich nicht auf antei­li­gen Aus­gleich in Anspruch neh­men; vor­ran­gig ist viel­mehr die Ver­si­che­rung des Kran­ken­hau­ses in Rück­griff zu neh­men

Die Heb­am­me als Erfül­lungs­ge­hil­fe des Beleg­arz­tes – und die Haft­pflicht­ver­si­che­run­gen

In dem jetzt vom Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main ent­schie­de­nen Fall begehr­te die kla­gen­de Haft­pflicht­ver­si­che­rung eines Arz­tes von der beklag­ten Heb­am­me antei­li­gen Aus­gleich geleis­te­ter Zah­lun­gen für einen Geburts­scha­den. Der ver­si­cher­te Arzt und die beklag­te Heb­am­me waren an der Ent­bin­dung eines Kin­des im Jahr 1995 betei­ligt. Der Frau­en­arzt war Beleg­arzt in de Kran­ken­haus aus dem Raum Gie­ßen, in dem Heb­am­me ange­stellt war. Nach dem Beleg­arzt­ver­trag haf­te­te der Arzt den Pati­en­ten gegen­über unmit­tel­bar für alle Schä­den, die bei der ärzt­li­chen Ver­sor­gung ent­ste­hen; mit­wir­ken­de Ange­stell­te des Kran­ken­hau­ses – wie die Heb­am­me – sind dabei Erfül­lungs­ge­hil­fen des Beleg­arz­tes. Der Beleg­arzt war nach dem Beleg­arzt­ver­trag ver­pflich­tet, eine aus­rei­chen­de Haft­pflicht­ver­si­che­rung auch für die­se Erfül­lungs­ge­hil­fen abzu­schlie­ßen.

Das Kind erlitt unter der Geburt einen schwe­ren Atem­still­stand (Asphy­xie). Der ver­si­cher­te Arzt wur­de in der Fol­ge wegen Behand­lungs­feh­lern rechts­kräf­tig zu Scha­dens­er­satz und einem Schmer­zens­geld in Höhe von 300.000 € ver­ur­teilt. Mit der vor­lie­gen­den Kla­ge nimmt die Haft­pflicht­ver­si­che­rung des Arz­tes nun­mehr die Heb­am­me auf Aus­gleich von 75% die­ser Ver­pflich­tun­gen in Anspruch.

Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Land­ge­richt Gie­ßen hat­te der Kla­ge auf Basis einer hälf­ti­gen Haf­tungs­ver­tei­lung statt­ge­ge­ben [1]. Die hier­ge­gen gerich­te­te Beru­fung der Heb­am­me hat­te jetzt vor dem Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main Erfolg:

Die kla­gen­de Ver­si­che­rung habe kei­ne Ansprü­che gegen die Heb­am­me, ent­schied das Ober­lan­des­ge­richt. Dabei kön­ne offen­blei­ben, ob der Heb­am­me mög­li­cher­wei­se eben­so wie dem Arzt ein Behand­lungs­feh­ler unter­lau­fen sei. Der Beleg­arzt­ver­trag sehe jeden­falls vor, dass der Beleg­arzt den Pati­en­ten gegen­über unmit­tel­bar für alle Schä­den haf­te und eine aus­rei­chen­de Haft­pflicht­ver­si­che­rung auch für die Heb­am­me abzu­schlie­ßen habe. Der Heb­am­me sei damit für den Fall der Ver­let­zung ihrer Pflich­ten Haft­pflicht­schutz gegen Ansprü­che von Pati­en­ten zuge­sagt, ohne dass ein Rück­griff vor­be­hal­ten wäre.

Außer­dem, so das OLG wei­ter, sei die Heb­am­me im Rah­men ihrer Tätig­keit dop­pelt ver­si­chert gewe­sen: Zum einen über die Haft­pflicht­ver­si­che­rung des Arz­tes, zum ande­ren über die Haft­pflicht­ver­si­che­rung ihres Kran­ken­hau­ses. Die Heb­am­me sei damit vor Ver­mö­gens­ein­bu­ßen wegen der Belas­tung mit Scha­dens­er­satz­an­sprü­chen von Pati­en­ten dop­pelt abge­si­chert gewe­sen.

Ist das iden­ti­sche Inter­es­se gegen die iden­ti­sche Gefahr, wie hier, mehr­fach haft­pflicht­ver­si­chert, füh­re dies zu einem Innen­aus­gleich zwi­schen den Haft­pflicht­ver­si­che­rern. Es bestehe dem­nach ein Vor­rang des Innen­aus­gleichs zwi­schen den bei­den betei­lig­ten Ver­si­che­rern. Die kla­gen­de Ver­si­che­rung müs­se sich damit an die Ver­si­che­rung des Kran­ken­hau­ses wen­den, soweit sie Aus­gleich der bereits erbrach­ten Zah­lun­gen begeh­re.

Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main, Urteil vom 17. Dezem­ber 2019 – 8 U 73/​18

  1. LG Gie­ßen, Urteil vom 09.05.2018 – 3 O 494/​08[]