Wie­der­be­stel­lung zum Notar

Gibt ein Anwalts­no­tar auf­grund einer Ver­än­de­rung sei­ner Lebens­um­stän­de das Amt des Notars auf und bewirbt er sich zu einem spä­te­ren Zeit­punkt erneut, muss er sich zwar dem Aus­wahl­ver­fah­ren stel­len. Im neu­en Aus­wahl­ver­fah­ren ist aller­dings beson­ders zu berück­sich­ti­gen, dass der Bewer­ber bereits ein­mal erfolg­reich das Bewer­bungs­ver­fah­ren durch­lau­fen und sei­ne fach­li­che und per­sön­li­che Eig­nung für die­ses Amt dadurch und durch die Aus­übung des Amts bewie­sen hat.

Wie­der­be­stel­lung zum Notar

So ent­schied der Bun­des­ge­richts­hof auf die Kon­kur­ren­ten­kla­ge eines ehe­ma­li­gen nord­rhein-west­fä­li­schen Notars, der sich auf eine von 30 aus­ge­schrie­be­nen Ber­li­ner Notar­stel­len bewor­ben hat­te, dass die­ser hin­sich­tich sei­ner fach­li­chen Eig­nung falsch beur­teilt wor­den si, weil sei­ne frü­he­re Tätig­keit als Notar in Nord­rhein­West­fa­len auf­grund der Kap­pungs­gren­ze gemäß Nr. 2 f aa) der Aus­schrei­bung für die Tätig­keit als Notar, Notar­ver­tre­ter und Nota­ri­ats­ver­wal­ter mit 20 Son­der­punk­ten nicht hin­rei­chend berück­sich­tigt wor­den sei.

Die Anrech­nung von ins­ge­samt 20 Punk­ten für die Tätig­keit als Notar, Notar­ver­tre­ter oder Nota­ri­ats­ver­wal­ter ist zwar nicht des­halb unrich­tig, weil nach der Rege­lung in Nr. 2 f aa) für jede ein­zel­ne der dort genann­ten Tätig­kei­ten die Ver­ga­be von 20 Punk­ten gebo­ten wäre. Die Auf­fas­sung, dass die Kap­pungs­gren­ze ins­ge­samt bei 20 Son­der­punk­ten für die Tätig­keit als Notar, Notar­ver­tre­ter und Nota­ri­ats­ver­wal­ter im Regel­fall setzt, stimmt über­ein mit der des Bun­des­ge­richts­hofs 1.

Die fach­li­che Eig­nungs­pro­gno­se ver­letzt aller­dings den Grund­satz der Bes­ten­aus­le­se des­halb 2, weil die Bewer­tung mit ins­ge­samt 20 Punk­ten für Erfah­run­gen aus einer Tätig­keit als Notar, Notar­ver­tre­ter oder Nota­ri­ats­ver­wal­ter für abschlie­ßend erach­tet und nicht im Rah­men der im Ein­zel­fall gebo­te­nen Gesamt­wür­di­gung über­prüft wor­den ist. Die Fähig­kei­ten und Erfah­run­gen, die der Klä­ger im Lau­fe der 5 ½ jäh­ri­gen Tätig­keit als selb­stän­di­ger Notar erwor­ben hat, sind auf­grund der Kap­pung bei 20 Punk­ten bei der Beur­tei­lung der fach­li­chen Eig­nung nur von unter­ge­ord­ne­ter Bedeu­tung geblie­ben, weil schon 12,94 Punk­te auf­grund einer stän­di­gen Nota­ri­ats­ver­wal­tung und von Notar­ver­tre­tun­gen erreicht wur­den, obwohl die Beklag­te durch­gän­gig nur von einem unter­durch­schnitt­li­chen Urkun­den­auf­kom­men aus­ge­gan­gen ist. Sol­che struk­tu­rel­len Defi­zi­te des gekapp­ten Punk­te­wer­te­sys­tems sind im Ein­zel­fall aber im Rah­men der Gesamt­wür­di­gung aus­zu­glei­chen 3.

Die Beset­zungs­be­hör­de schöpft regel­mä­ßig ihren Beur­tei­lungs­spiel­raum nicht aus, wenn sie sich auf eine Gegen­über­stel­lung der für die ein­zel­nen Bewer­ber inner­halb des Bezug­sys­tems gewon­ne­nen Gesamt­punkt­zah­len beschränkt und ohne wei­te­res ("im Regel­fall") dem Bewer­ber den Vor­zug gibt, der die auf die­se Wei­se ermit­tel­te höchs­te Punk­te­zahl erreicht hat 4. Sie hat, bevor sie ihre end­gül­ti­ge Aus­wahl trifft, danach zu fra­gen, ob für die jewei­li­gen Bewer­ber Umstän­de ersicht­lich sind, die in das an den genann­ten fes­ten Kri­te­ri­en aus­ge­rich­te­te Punk­te­sys­tem kei­nen Ein­gang gefun­den haben, aber den­noch maß­ge­bend für die voll­stän­di­ge und zutref­fen­de Beur­tei­lung der Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten des Bewer­bers sind. Durch die Öff­nungs­klau­sel in Nr. 2 f. kön­nen im Rah­men der Gesamt­ent­schei­dung grund­sätz­lich wei­te­re Punk­te für im Ein­zel­fall vor­han­de­ne beson­de­re notar­spe­zi­fi­sche Qua­li­fi­ka­tio­nen ange­rech­net wer­den. Dadurch erhal­ten her­aus­ra­gen­de notar­spe­zi­fi­sche Leis­tun­gen das ihnen gebüh­ren­de Gewicht 5.

Die Berück­sich­ti­gung einer lang­jäh­ri­gen Tätig­keit als selb­stän­di­ger Notar im Rah­men der Gesamt­be­wer­tung wider­spricht ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Kam­mer­ge­richts nicht dem Ver­bot der Dop­pel­be­wer­tung. Zwar dür­fen Umstän­de, die bereits im Rah­men des Punk­te­sys­tems gewer­tet wor­den sind, nicht noch ein­mal im Indi­vi­du­al­ver­gleich der Bewer­ber her­an­ge­zo­gen wer­den 6. Doch geht es bei der Berück­sich­ti­gung der Notar­ver­tre­tung und Nota­ri­ats­ver­wal­tung in ers­ter Linie um den Nach­weis der fach­li­chen Leis­tun­gen durch die Erar­bei­tung von Ent­wür­fen und Beur­kun­dun­gen. Die eigen­ver­ant­wort­li­che Füh­rung eines Nota­ri­ats hin­ge­gen umfasst zusätz­lich wirt­schaft­li­che und orga­ni­sa­to­ri­sche Auf­ga­ben, die von einem Notar zu bewäl­ti­gen sind. Ein lang­jäh­ri­ges eige­nes Nota­ri­at ist in der Regel von ganz ande­rem Zuschnitt als eine Nota­ri­ats­ver­wal­tung oder Notar­ver­tre­tung. Dem ent­spricht, dass bei einem Bewer­ber um eine Stel­le als Anwalts­no­tar, der sein Amt gemäß § 48b BNo­tO aus fami­liä­ren Grün­den (Betreu­ung und Pfle­ge von Ange­hö­ri­gen) für mehr als ein Jahr vor­über­ge­hend nie­der­ge­legt hat­te, bei der künf­ti­gen Aus­wahl­ent­schei­dung nach § 6 BNo­tO beson­ders zu berück­sich­ti­gen ist, dass er schon ein­mal eine Notar­stel­le inne hat­te 7. Auch die Rege­lung in § 6 Abs. 3 Satz 3 BNo­tO in der seit dem 1.05.2011 gel­ten­den Fas­sung trägt dem Umstand Rech­nung, dass ein Bewer­ber um das Amt des Notars (§ 3 Abs. 2 BNo­tO) bereits Notar war. Auch wenn der­je­ni­ge, der bereits zum Notar bestellt wor­den war und das Amt auf­grund einer Ver­än­de­rung sei­ner Lebens­um­stän­de auf­ge­ge­ben hat, sich erneut dem Aus­wahl­ver­fah­ren stel­len muss 8, muss im neu­en Aus­wahl­ver­fah­ren beson­ders berück­sich­tigt wer­den, dass der Bewer­ber bereits ein­mal erfolg­reich das Bewer­bungs­ver­fah­ren durch­lau­fen und sei­ne fach­li­che und per­sön­li­che Eig­nung für die­ses Amt dadurch und durch die Aus­übung des Amts bewie­sen hat.

Die selb­stän­di­ge Notar­tä­tig­keit ist auch nicht schon dadurch hin­rei­chend berück­sich­tigt wor­den, dass die ört­li­che War­te­zeit für den Klä­ger auf ein Jahr ver­kürzt wor­den ist. Die ört­li­che War­te­zeit ist nicht ein Gesichts­punkt der fach­li­chen Eig­nung. Sie soll eine aus­rei­chen­de wirt­schaft­li­che Grund­la­ge des Rechts­an­walts für die Füh­rung eines Nota­ri­ats vor Ort gewähr­leis­ten 9.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 23. Juli 2012 – NotZ(Brfg) 12/​11

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 14.04.2008 – NotZ 4/​08, DNotZ 2008, 872[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 20.11.2006 – NotZ 4/​06, ZNotP 2007, 109 Rn. 29[]
  3. vgl. BVerfG, Beschluss vom 20.04.2004 – 1 BvR 838/​01 u.a., BVerfGE 110, 304 Rn. 102[]
  4. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 14.07.2006 – NotZ 3/​06, ZNotP 2006, 392, 394; und vom 20.11.2006 – NotZ 4/​06, ZNotP 2007, 109[]
  5. vgl. BVerfG, Beschluss vom 20.04.2004 – 1 BvR 838/​01 u.a., BVerfGE 110, 304, 334[]
  6. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 23.07.2007 – NotZ 8/​07, ZNotP 2007, 475, 477 Rn. 14; vom 14.04.2008 – NotZ 100/​07, BRAK-Mitt.2008, 181; und vom 22.03.2010 – NotZ 20/​09[]
  7. BGH, Urteil vom 21.11.2011 – NotZ(Brfg) 3/​11, ZNotP 2012, 73 Rn. 13 a.E.[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 21.11.2011 – NotZ(Brfg) 3/​11, aaO[]
  9. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 24.07.2006 – NotZ 13/​06, DNotZ 2007, 757 und vom 03.12.2001 – NotZ 17/​01, DNotZ 2002, 552 f.[]