Nach § 529 Abs. 1 Nr. 1 ZPO ist das Beru­fungs­ge­richt grund­sätz­lich an die Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen des ers­ten Rechts­zu­ges gebun­den. Bestehen aller­dings Zwei­fel an der Rich­tig­keit und Voll­stän­dig­keit der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Fest­stel­lun­gen im erst­in­stanz­li­chen Urteil, ist in aller Regel eine erneu­te Beweis­auf­nah­me gebo­ten 1. Das gilt ins­be­son­de­re für die erneu­te Ver­neh­mung von Zeu­gen, die grund­sätz­lich gemäß § 398 Abs. 1 ZPO im Ermes­sen des Beru­fungs­ge­richts steht 2.

Vor allem muss das Beru­fungs­ge­richt einen im ers­ten Rechts­zug ver­nom­me­nen Zeu­gen dann erneut hören, wenn das erst­in­stanz­li­che Gericht die Aus­sa­ge nur zum Teil oder gar nicht gewür­digt hat, die­se aber nach ihrem pro­to­kol­lier­ten Inhalt mehr­deu­tig ist 3.

Das Beru­fungs­ge­richt wird in einem sol­chen Fall außer­dem unter Umstän­den auch die übri­gen erst­in­stanz­lich gehör­ten Zeu­gen erneut zu ver­neh­men haben, § 398 ZPO. Die noch­ma­li­ge Ver­neh­mung eines Zeu­gen kann allen­falls dann unter­blei­ben, wenn sich das Beru­fungs­ge­richt auf sol­che Umstän­de stützt, die weder die Urteils­fä­hig­keit, das Erin­ne­rungs­ver­mö­gen oder die Wahr­heits­lie­be des Zeu­gen, noch die Voll­stän­dig­keit oder Wider­spruchs­frei­heit sei­ner Aus­sa­ge betref­fen 4. Danach ist es dem Beru­fungs­ge­richt ver­wehrt, ohne erneu­te Ver­neh­mung der Zeu­gen von der Glaub­wür­dig­keit bzw. Glaub­haf­tig­keit ihrer erst­in­stanz­lich gemach­ten Aus­sa­gen aus­zu­ge­hen.

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 25.06.2013 XI ZR 210/​12, juris Rn. 9 m.w.N.[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 21.03.2012 XII ZR 18/​11, NJW-RR 2012, 704 Rn. 6[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 13.01.1992 – II ZR 63/​91, juris Rn. 6 m.w.N.[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 04.07.2013 VII ZR 165/​12, BauR 2013, 1726 Rn. 12 m.w.N.[]