Alters­re­du­zier­te ärzt­li­che Auf­klä­rungs­pflicht?

Ein Pati­ent muss über alter­na­ti­ve Mög­lich­kei­ten zur Behand­lung sei­nes Pro­sta­ta­kreb­ses nicht auf­ge­klärt wer­den, wenn es ange­sichts sei­nes Alters und des aggres­si­ven Tumors kei­ne auf­klä­rungs­pflich­ti­gen Behand­lungs­al­ter­na­ti­ven gibt. Fehlt es an einem medi­zi­ni­schen Zusam­men­hang zwi­schen der medi­ka­men­tö­sen Behand­lung des Pro­sta­ta­kreb­ses und einer dabei auf­ge­tre­te­nen Nie­ren­er­kran­kung, kann es für einen Scha­dens­er­satz­an­spruch dahin­ste­hen, ob der Pati­ent über Risi­ken der medi­ka­men­tö­sen Behand­lung aus­rei­chend auf­ge­klärt wor­den ist.

Alters­re­du­zier­te ärzt­li­che Auf­klä­rungs­pflicht?

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ober­lan­des­ge­richt Hamm in dem hier vor­lie­gen­den Fall die Haf­tung eines Uro­lo­gen ver­neint, von dem ein heu­te 87 Jah­re alter Klä­ger aus Her­ne Scha­dens­er­satz begehrt hat. Der Klä­ger litt seit 2003 an einer Pro­sta­ta­ver­grö­ße­rung, die er vom beklag­ten Uro­lo­gen aus Bochum behan­deln ließ. Ein im Jah­re 2007 dia­gnos­ti­zier­ter Pro­sta­ta­krebs wur­de auf Anra­ten des Beklag­ten mit einer medi­ka­men­tö­sen Hor­mon­the­ra­pie behan­delt. Weni­ge Wochen nach Beginn der Behand­lung mit dem vor­ge­schal­te­ten Medi­ka­ment Flut­amid ver­schlech­ter­te sich der Gesund­heits­zu­stand des Klä­gers. Im Rah­men einer sta­tio­nä­ren Behand­lung stell­te sich her­aus, dass der Klä­ger unter einer erheb­li­chen Nie­ren­in­suf­fi­zi­enz litt, in deren sich anschlie­ßen­der Behand­lung er einen Dia­be­tes Mel­li­tus ent­wi­ckel­te. Seit dem Jah­re 2010 ist der Klä­ger dia­ly­se­pflich­tig. Unter Hin­weis auf eine feh­ler­haf­te, weil sei­ne Nie­ren­in­suf­fi­zi­enz nicht berück­sich­ti­gen­de Behand­lung und eine unzu­rei­chen­de Risi­ko­auf­klä­rung hat der Klä­ger die Fest­stel­lung der Scha­dens­er­satz­pflicht des Beklag­ten ver­langt. Nach­dem sein Scha­dens­er­satz­be­geh­ren vor dem Land­ge­richt Bochum ohne Erfolg geblie­ben ist, hat der Klä­ger sein Ziel vor dem Ober­lan­des­ge­richt Hamm wei­ter ver­folgt.

Nach Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Hamm sei dem Klä­ger durch die Behand­lung des Beklag­ten kein Scha­den ent­stan­den. Über alter­na­ti­ve Mög­lich­kei­ten zur Behand­lung des Pro­sta­ta­kreb­ses habe der Klä­ger nicht auf­ge­klärt wer­den müs­sen, weil es ange­sichts des Alters des Klä­gers und des aggres­si­ven Tumors kei­ne auf­klä­rungs­pflich­ti­gen Behand­lungs­al­ter­na­ti­ven gege­ben habe. Von einer Ope­ra­ti­on oder einer Strah­len­the­ra­pie sei bereits auf­grund des Alters abzu­se­hen gewe­sen. Das Medi­ka­ment Flut­amid habe der Beklag­te nach sei­nem Ermes­sen aus­wäh­len dür­fen, weil eine alter­na­ti­ve Medi­ka­ti­on in ihrer Wirk­sam­keit und in den Neben­wir­kun­gen ver­gleich­bar gewe­sen sei.

Ob der Klä­ger über Risi­ken der medi­ka­men­tö­sen Behand­lung aus­rei­chend auf­ge­klärt wor­den sei, kön­ne im Übri­gen dahin­ste­hen, weil es kei­nen Hin­weis auf einen medi­zi­ni­schen Zusam­men­hang zwi­schen der medi­ka­men­tö­sen Behand­lung und der Nie­ren­er­kran­kung gebe. Auch bei einer in Fra­ge ste­hen­den Auf­klä­rungs­pflicht­ver­let­zung müs­se ein Pati­ent zur Begrün­dung eines Scha­dens­er­satz­an­spru­ches nach­wei­sen, dass er durch die ärzt­li­che Behand­lung einen Gesund­heits­scha­den erlit­ten habe. Das sei dem Klä­ger nicht gelun­gen. Durch das Medi­ka­ment Flut­amid ein­ge­tre­te­ne, kurz­fris­ti­ge Beschwer­den wie Übel­keit und Müdig­keit recht­fer­tig­ten kein Schmer­zens­geld.

Ober­lan­des­ge­richt Hamm, Urteil vom 10. Dezem­ber 2013 – 26 U 62/​13