Anfech­tungs­kla­gen gegen einen aus­län­di­schen Beklag­ten

Der Bun­des­ge­richts­hof hat dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten zur Aus­le­gung des Art. 3 Abs. 1 EUIns­VO 1 die Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt, ob die Gerich­te des Mit­glied­staats, in des­sen Gebiet das Insol­venz­ver­fah­ren über das Ver­mö­gen des Schuld­ners eröff­net wor­den ist, für eine Insol­venz­an­fech­tungs­kla­ge gegen einen Anfech­tungs­geg­ner zustän­dig somd, der sei­nen Wohn­sitz oder sat­zungs­mä­ßi­gen Sitz nicht im Gebiet eines Mit­glied­staats hat.

Anfech­tungs­kla­gen gegen einen aus­län­di­schen Beklag­ten

Der sach­li­che Anwen­dungs­be­reich von Art. 3 Abs. 1 EuIns­VO ist nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs bei der­ar­ti­gen Anfech­tungs­kla­gen eröff­net. Unmit­tel­bar regelt Art. 3 Abs. 1 EuIns­VO zwar nur die Zustän­dig­keit für das Insol­venz­ver­fah­ren selbst. Eine Insol­venz­an­fech­tungs­kla­ge gehört jedoch zu den­je­ni­gen Kla­gen, die unmit­tel­bar aus dem Insol­venz­ver­fah­ren her­vor­ge­hen und mit ihm in einem engen Zusam­men­hang ste­hen; sie fällt des­halb als Annex­ver­fah­ren eben­falls in den Anwen­dungs­be­reich des Art. 3 Abs. 1 EuIns­VO. Gemäß Urteil des Euro­päi­schen Gerichts­hofs vom 12.02.2009 2 sind die Gerich­te des Mit­glied­staats, in des­sen Gebiet das Insol­venz­ver­fah­ren eröff­net wor­den ist, für eine Insol­venz­an­fech­tungs­kla­ge gegen einen Anfech­tungs­geg­ner zustän­dig, der sei­nen sat­zungs­mä­ßi­gen Sitz in einem ande­ren Mit­glied­staat hat.

Bis­her unge­klärt ist die Fra­ge, ob Art. 3 Abs. 1 EuIns­VO auch dann ein­greift, wenn das Insol­venz­ver­fah­ren in einem Mit­glied­staat eröff­net wor­den ist, der Anfech­tungs­geg­ner aber sei­nen all­ge­mei­nen Gerichts­stand (einen Wohn­sitz oder sat­zungs­mä­ßi­gen Sitz) nicht in einem Mit­glied­staat, son­dern in einem Dritt­staat hat.

Sei­nem Wort­laut nach lässt es Art. 3 Abs. 1 EuIns­VO aus­rei­chen, dass der Mit­tel­punkt der sach­li­chen Inter­es­sen des Schuld­ners in einem Mit­glied­staat liegt. Dazu, ob der den Anwen­dungs­be­reich der Ver­ord­nung eröff­nen­de grenz­über­schrei­ten­de Bezug zu einem ande­ren Mit­glied­staat oder zu einem Dritt­staat bestehen muss, trifft er kei­ne Aus­sa­ge. Hier­aus könn­te geschlos­sen wer­den, dass der Bezug zu einem Dritt­staat aus­reicht 3.

Zwin­gend ist die­ser Schluss jedoch nicht. In der deutsch­spra­chi­gen Lite­ra­tur wird viel­fach die Ansicht ver­tre­ten, dass nur ein "qua­li­fi­zier­ter" Aus­lands­be­zug zu min­des­tens einem wei­te­ren Mit­glied­staat den Anwen­dungs­be­reich der EuIns­VO eröff­net 4.

Annex­ver­fah­ren, ins­be­son­de­re die hier in Fra­ge ste­hen­den Insol­venz­an­fech­tungs­kla­gen wer­den in Art. 3 Abs. 1 EuIns­VO nicht aus­drück­lich gere­gelt, so dass aus dem Schwei­gen der Vor­schrift kei­ne Schluss­fol­ge­run­gen hin­sicht­lich ihres räum­li­chen Anwen­dungs­be­reichs gezo­gen wer­den kön­nen. Die Grün­de, wel­che den Euro­päi­schen Gerichts­hof im Urteil vom 12.02.2009 5 bewo­gen haben, Insol­venz­an­fech­tungs­kla­gen der Vor­schrift des Art. 3 Abs. 1 EuIns­VO zu unter­stel­len, las­sen sich auf ent­spre­chen­de Kla­gen gegen Anfech­tungs­geg­ner außer­halb des Gebiets der Euro­päi­schen Uni­on zudem nur teil­wei­se über­tra­gen. Die Zustän­dig­keit der Gerich­te des Eröff­nungs­staats ent­spricht dem im zwei­ten und im ach­ten Erwä­gungs­grund der EuIns­VO genann­ten Zweck der Ver­bes­se­rung der Effi­zi­enz und der Beschleu­ni­gung der Insol­venz­ver­fah­ren 6. Der vier­te Erwä­gungs­grund, wel­cher der Ver­la­ge­rung von Ver­mö­gens­ge­gen­stän­den oder Rechts­strei­tig­kei­ten ent­ge­gen­wir­ken soll, nimmt dem­ge­gen­über nur auf das ord­nungs­ge­mä­ße Funk­tio­nie­ren des Bin­nen­markts Bezug 7. Insol­venz­an­fech­tungs­pro­zes­se mit Bezü­gen allein zu Dritt­staa­ten las­sen sich nicht unter die­sen Erwä­gungs­grund sub­su­mie­ren. Schließ­lich stellt sich das Pro­blem der Aner­ken­nung des auf­grund einer Zustän­dig­keits­be­stim­mung nach Art. 3 Abs. 1 EuIns­VO ergan­ge­nen Urteils 8. Art. 25 Abs. 1 Unter­ab­satz 2 EuIns­VO, der die Aner­ken­nung und Voll­streck­bar­keit von Ent­schei­dun­gen in Annex­ver­fah­ren regelt, gilt im Ver­hält­nis zu Dritt­staa­ten nicht.

Die Ent­schei­dung des Rechts­streits hängt von der Beant­wor­tung der Vor­la­ge­fra­ge ab. Eine Zustän­dig­keit der deut­schen Gerich­te lässt sich nur aus Art. 3 Abs. 1 EGIns­VO her­lei­ten. Der all­ge­mei­ne Gerichts­stand des Insol­venz­ver­wal­ters (§ 19a ZPO) gilt für Kla­gen gegen den Insol­venz­ver­wal­ter, nicht all­ge­mein für Kla­gen des Insol­venz­ver­wal­ters 9. Art. 102 § 1 EGIn­sO und § 3 InsO regeln die Zustän­dig­keit der Insol­venz­ge­rich­te, nicht die­je­ni­ge der Pro­zess­ge­rich­te 10.

Die Vor­la­ge­fra­ge lässt sich nicht unter Her­an­zie­hung ande­rer euro­päi­scher Rechts­quel­len, die Rege­lun­gen zur gericht­li­chen Zustän­dig­keit ent­hal­ten, beant­wor­ten. Die Ver­ord­nung (EG) Nr. 44/​2001 des Rates über die gericht­li­che Zustän­dig­keit und die Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung von Ent­schei­dun­gen in Zivil- und Han­dels­sa­chen vom 22.12.2000 (EuGV­VO) 11 fin­det im vor­lie­gen­den Fall kei­ne Anwen­dung. Gemäß Art. 1 Abs. 2 lit. b EuGV­VO ist sie auf Kon­kur­se, Ver­glei­che und ähn­li­che Ver­fah­ren nicht anwend­bar. Dies schließt Insol­venz­an­fech­tungs­pro­zes­se ein. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof hat im Rah­men sei­ner Recht­spre­chung zum Brüs­se­ler Über­ein­kom­men vom 27.09.1968 über die gericht­li­che Zustän­dig­keit und die Voll­stre­ckung gericht­li­cher Ent­schei­dun­gen in Zivil- und Han­dels­sa­chen (EuGVÜ) 12 ent­schie­den, dass eine Kon­kursan­fech­tungs­kla­ge sich auf ein Kon­kurs­ver­fah­ren bezieht, weil sie unmit­tel­bar aus die­sem her­vor­geht und sich eng inner­halb des Rah­mens eines Kon­kurs- oder Ver­gleichs­ver­fah­rens hält 13. Das gilt auch im Rah­men von Art. 1 Abs. 2 lit. b EuGV­VO 14 und für Art. 1 des Luga­ner Über­ein­kom­men über die gericht­li­che Zustän­dig­keit und die Voll­stre­ckung gericht­li­cher Ent­schei­dun­gen in Zivil- und Han­dels­sa­chen vom 16.09.1988 15 in der revi­dier­ten Fas­sung vom 30.10.2007 16.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 21. Juni 2012 – IX ZR 2/​12

  1. Ver­ord­nung (EG) Nr. 1346/​2000 des Rates vom 29. Mai 2000 über Insol­venz­ver­fah­ren, ABl.EU Nr. L 160, S. 1[]
  2. EuGH, Urteil vom 12.02.2009 – C‑339/​07 [Deko Mar­ty Bel­gi­um], ZIP 2009, 427 Rn. 21[]
  3. Huber in Haß/​Huber/​Gruber/​Heiderhoff, EUIn­sol­venz­ver­ord­nung, Art. 1 Rn.19 ff; Huber, ZZP 114 (2001), 133, 138 f; Hau­bold, IPrax 2003, 34, 35 f; iE eben­so High Court of Jus­ti­ce Lon­don, ZIP 2003, 813; High Court of Jus­ti­ce Leeds, ZIP 2004, 1769; Münch­Komm-InsO/R­ein­hart, 2. Aufl., Art. 1 VO (EG) Nr. 1346/​2000 Rn. 16; FKInsO/​Wenner/​Schuster, 6. Aufl., Art. 1 EuIns­VO Rn. 9; GrafSchlicker/​Kebekus/​Sabel/​Schlegel, InsO, 2. Aufl., Art. 1 EuIns­VO Rn. 7; Gru­ber in Ahrens/​Gehrlein/​Ringstmeier, Insol­venz­recht, Art. 1 EuIns­VO Rn. 49; Gottwald/​Kolmann, Insol­venz­rechts­hand­buch, 4. Aufl., § 130 Rn. 10 f; Rauscher/​Mäsch, EuZPR/​EuIPR, 2011, Art. 1 EGIns­VO Rn. 15; Geimer/​Schütze, EuZ­VR, 3. Aufl., A.5, Art. 1 Rn. 39; Adam, Zustän­dig­keits­fra­gen bei der Insol­venz inter­na­tio­na­ler Unter­neh­mens­ver­bin­dun­gen, S. 28 f; Her­chen, ZIn­sO 2003, 742, 745 f; Sabel/​Schlegel, EWiR 2003, 367, 368; Her­gen­rö­der, DZWiR 2009, 309, 312[]
  4. Kem­per in Kübler/​Prütting/​Bork, InsO, 2010, Art. 1 EuIns­VO Rn. 15; Münch­Komm-BGB/Kind­ler, VO (EG) Nr. 1346/​2000, 5. Aufl., Art. 1 Rn. 28; Duurs­ma-Kepp­lin­ger in Duurs­ma-Kepp­lin­ger/­Du­urs­ma/Cha­lups­ky, Euro­päi­sche Insol­venz­ord­nung, Art. 1 Rn. 3, 8 f, 53; HK-InsO/S­te­phan, 6. Aufl., Art. 1 EuIns­VO Rn. 11, 13; Uhlenbruck/​Lüer, InsO, 13. Aufl., Art. 1 EuIns­VO Rn. 2; Pan­nen, Euro­päi­sche Insol­venz­ver­ord­nung, Art. 1 Rn. 120; Braun/​Tashiro, InsO, 5. Aufl., vor §§ 335, 358 Rn. 17; Hmb­Komm-InsO/Und­ritz, 4. Aufl., Art. 1 EuIns­VO Rn. 6 f; Smid, Inter­na­tio­na­les Insol­venz­recht, § 2 Rn. 43 f; Cars­tens, Die inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit im euro­päi­schen Insol­venz­recht, S. 32 ff; Schmie­de­knecht, Der Anwen­dungs­be­reich der Euro­päi­schen Insol­venz­ord­nung und die Aus­wir­kun­gen auf das deut­sche Insol­venz­recht, S. 108 ff; Westphal/​Goether/​Wilkens, Grenz­über­schrei­ten­de Insol­ven­zen, Rn. 86 f; Leible/​Staudinger, KTS 2000, 533, 538 ff; Duurs­ma-Kepp­lin­ger, NZI 2003, 87; Smid, DZWiR 2003, 397, 402 f; Pannen/​Riedemann, NZI 2004, 646, 651[]
  5. EuGH, Urteil vom 12.02.2009, aaO[]
  6. vgl. EuGH, Urteil vom 12.02.2009, aaO Rn. 22[]
  7. vgl. EuGH, Urteil vom 12.02.2009, aaO Rn. 23 f[]
  8. vgl. EuGH, Urteil vom 12.02.2009, aaO Rn. 25 ff[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 11.01.1990 – IX ZR 27/​89, ZIP 1990, 246, 247[]
  10. BGH, Urteil vom 27.05.2003 – IX ZR 203/​02, ZIP 2003, 1419, 1420; vom 19.05.2009 – IX ZR 39/​06, ZIP 2009, 1287 Rn. 15[]
  11. ABl.EU 2001, L 12, S. 1[]
  12. ABl. 1972, L 299, S. 32[]
  13. EuGH, Urteil vom 22.02.1979 – Rs. 133/​78, EuGHE 1979, 733, Rn. 4 – Gour­dain[]
  14. vgl. EuGH, Urteil vom 12.02.2009 – C‑339/​07, Rn.19[]
  15. ABl.EG 1988 Nr. L 319, S. 9[]
  16. ABl.EU 2009 Nr. L 147, S. 5[]
  17. BT-Drs. 16/​12028[]