Außer­ge­richt­li­che Anwalts­ge­büh­ren und einst­wei­li­ges Ver­fü­gungs­ver­fah­ren

Zur Berech­nung eines Scha­dens­er­satz­an­spruchs des Geschä­dig­ten auf Frei­stel­lung von außer­ge­richt­li­chen Rechts­an­walts­ge­büh­ren hat jetzt der Bun­des­ge­richts­hof für den Fall Stel­lung genom­men, dass der Schä­di­ger die in einem anschlie­ßen­den, den­sel­ben Gegen­stand betref­fen­den einst­wei­li­gen Ver­fü­gungs­ver­fah­ren ange­fal­le­ne Ver­fah­rens­ge­bühr bereits aus­ge­gli­chen hat.

Außer­ge­richt­li­che Anwalts­ge­büh­ren und einst­wei­li­ges Ver­fü­gungs­ver­fah­ren

Bei der Beur­tei­lung der Fra­ge, ob und in wel­chem Umfang der dem Geschä­dig­ten zuste­hen­de Scha­dens­er­satz­an­spruch die Erstat­tung von Rechts­an­walts­kos­ten umfasst, ist zwi­schen dem Innen­ver­hält­nis des Geschä­dig­ten zu dem für ihn täti­gen Rechts­an­walt und dem Außen­ver­hält­nis des Geschä­dig­ten zum Schä­di­ger zu unter­schei­den. Vor­aus­set­zung für einen Erstat­tungs­an­spruch im gel­tend gemach­ten Umfang ist grund­sätz­lich, dass der Geschä­dig­te im Innen­ver­hält­nis zur Zah­lung der in Rech­nung gestell­ten Kos­ten ver­pflich­tet ist und die kon­kre­te anwalt­li­che Tätig­keit im Außen­ver­hält­nis aus der maß­ge­ben­den Sicht des Geschä­dig­ten mit Rück­sicht auf sei­ne spe­zi­el­le Situa­ti­on zur Wahr­neh­mung sei­ner Rech­te erfor­der­lich und zweck­mä­ßig war 1.

Es begeg­net kei­nen Beden­ken, die Gegen­dar­stel­lung, zu der der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers die Beklag­te erfolg­los mit Schrei­ben vom 10.04.2008 auf­for­der­te und deret­we­gen er spä­ter die einst­wei­li­ge Ver­fü­gung des Land­ge­richts Ber­lin erwirk­te, als "de(n)selben Gegen­stand" (Vorb. 3 Abs. 4 Satz 1 VV RVG) inner­halb "der­sel­ben Ange­le­gen­heit" (§ 15 Abs. 2 Satz 1 RVG) anzu­se­hen.

Dabei han­delt es sich nicht um ver­schie­de­ne Ange­le­gen­hei­ten im Sin­ne des § 15 RVG.

Im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall beauf­trag­te der Klä­ger am 27.03.2008 sei­nen Rechts­an­walt mit der Gel­tend­ma­chung von Unter­las­sungs, Gegen­dar­stel­lungs- und Rich­tig­stel­lungs­an­sprü­chen hin­sicht­lich der drei bean­stan­de­ten Behaup­tun­gen. Soweit die Revi­si­on des Klä­gers nun­mehr gel­tend macht, der Auf­trag sei zunächst "vor allem" auf die Anfer­ti­gung einer Gegen­dar­stel­lung gerich­tet gewe­sen, nicht aber deren Zulei­tung an die Beklag­te bzw. deren pro­zes­sua­le Durch­set­zung, steht dies nicht im Ein­klang mit den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts, wonach der Klä­ger sei­nen Anwalt mit der "Gel­tend­ma­chung" von Unter­las­sungs, Gegen­dar­stel­lungs- und Rich­tig­stel­lungs­an­sprü­chen beauf­tragt hat. Über­gan­ge­nes Vor­brin­gen des Klä­gers zeigt sei­ne Revi­si­on hier­zu nicht auf. Dann aber durf­te das Beru­fungs­ge­richt unter einer "Gel­tend­ma­chung" des Gegen­dar­stel­lungs­an­spruchs im wei­te­ren Sin­ne ohne Rechts­feh­ler auch des­sen spä­te­re pro­zes­sua­le Durch­set­zung ver­ste­hen.

Für den Bun­des­ge­richts­hof begeg­net es auch kei­nen recht­li­chen Beden­ken, in dem (ein­glied­ri­gen) Gegen­dar­stel­lungs­ver­lan­gen vom 10.04.2008 gegen­über dem ursprüng­lich (drei­glied­ri­gen) Gegen­dar­stel­lungs­ver­lan­gen vom 26.03.2008 kei­ne neue Ange­le­gen­heit im Sin­ne des § 15 Abs. 5 RVG zu sehen. Denn der Rechts­an­walt des Klä­gers hat damit ledig­lich das Gegen­dar­stel­lungs­ver­lan­gen hin­sicht­lich einer der drei Behaup­tun­gen wei­ter­ver­folgt, wel­che die Beklag­te in ihrer Fol­ge­be­richt­erstat­tung vom 1. bzw.3.04.2008 noch nicht "berich­tigt" hat­te. Das Gegen­dar­stel­lungs­ver­lan­gen vom 10.04.2008 bezog sich auch nicht auf die "Berich­ti­gung" in der Fol­ge­be­richt­erstat­tung, son­dern wie­der­hol­te ledig­lich das bis­her noch nicht erfüll­te Gegen­dar­stel­lungs­ver­lan­gen vom 31.03.2008 hin­sicht­lich der ver­blie­be­nen Behaup­tung aus der Aus­gangs­be­richt­erstat­tung vom 26.03.2009. Unter die­sen Umstän­den ist es aber aus Rechts­grün­den nicht zu bean­stan­den, dass das Beru­fungs­ge­richt in dem Gegen­dar­stel­lungs­ver­lan­gen vom 10.04.2008 kei­ne neue Ange­le­gen­heit im gebüh­ren­recht­li­chen Sin­ne gese­hen hat. Etwas ande­res ergibt sich auch nicht dar­aus, dass der Rechts­an­walt des Klä­gers bei der Abfas­sung des ursprüng­li­chen Gegen­dar­stel­lungs­ver­lan­gens nicht vor­aus­se­hen konn­te, ob und inwie­weit die­ses von der Beklag­ten erfüllt wer­den wür­de. Eine ein­heit­li­che Ange­le­gen­heit im gebüh­ren­recht­li­chen Sin­ne kann auch dann vor­lie­gen, wenn der Anwalt erst nach teil­wei­ser Erfül­lung des vor­pro­zes­sua­len Begeh­rens mit der pro­zes­sua­len Wei­ter­ver­fol­gung der ver­blie­be­nen Rest­for­de­rung beauf­tragt wird 2.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 22. März 2011 – VI ZR 63/​10

  1. BGH, Urtei­le vom 26.05.2009 – VI ZR 174/​08, VersR 2009, 1269, Rn. 20; vom 27.07.2010 – VI ZR 261/​09, NJW 2010, 3035, Rn. 14; und vom 11.01.2011 – VI ZR 64/​10, WRP 2011, 353, Rn. 11 jeweils mwN[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 27.07.2010 – VI ZR 261/​09, AfP 2010, 469, 472[]