Beru­fungs­fax um 23:59 Uhr

Zeich­net das Tele­fax­ge­rät eines Beru­fungs­ge­richts nur dem Beginn eines Faxemp­fangs auf – und auch die­sen nicht sekun­den­ge­nau, so ist für die Prü­fung der Recht­zei­tig­keit des Ein­gangs nicht auf den letzt­mög­li­chen Zeit­punkt abzu­stel­len, son­dern auf den für den güns­tigs­ten mög­li­chen Zeit­punkt.

Beru­fungs­fax um 23:59 Uhr

Aus­ge­hend von dem aus Art. 2 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit dem Rechts­staats­prin­zip abge­lei­te­ten Anspruch auf ein fai­res Ver­fah­ren darf dem Bür­ger das Ver­sa­gen orga­ni­sa­to­ri­scher oder betrieb­li­cher Vor­gän­ge, auf die er kei­nen Ein­fluss hat, nicht zur Last gelegt wer­den. Der Rich­ter darf sich nicht wider­sprüch­lich ver­hal­ten und ins­be­son­de­re nicht aus eige­nen oder ihm zure­chen­ba­ren Feh­lern oder Ver­säum­nis­sen Ver­fah­rens­nach­tei­le für die Betei­lig­ten ablei­ten 1. Das Gericht hat in Rech­nung zu stel­len, dass es den Betei­lig­ten aus Grün­den, die in der Sphä­re einer Behör­de lie­gen, auf deren Tätig­keit sie kei­nen Ein­fluss haben, unmög­lich sein kann, eine Tat­sa­che glaub­haft zu machen, die bei feh­len­dem behörd­li­chen Ver­sa­gen unschwer auf­zu­klä­ren wäre 2.

Dar­aus folgt, dass bei der Beweis­wür­di­gung zur Recht­zei­tig­keit des Ein­gangs einer Beru­fungs­schrift nicht auf den letzt­mög­li-chen Zeit­punkt abzu­stel­len ist, wenn das Gericht durch die Aus­wahl sei­nes Tele­fa­xemp­fangs­ge­räts dar­auf ver­zich­tet, den Ein­gangs­zeit­punkt eines über­mit­tel­ten Faxes sekun­den­ge­nau fest­zu­hal­ten. Das Gericht hat des­halb ange­sichts eines Pro­to­kolls der Fax­über­tra­gung, das ledig­lich die Uhr­zeit 23.59 Uhr aus­weist, wegen der nicht erfolg­ten Erfas­sung der Sekun­den für den Beru­fungs­füh­rer den – vor­be­halt­lich der Wür­di­gung ande­rer Umstän­de – güns­tigs­ten mög­li­chen Zeit­punkt als für die Prü­fung der Zuläs­sig­keit des maß­geb­li­chen Ein­gangs der Beru­fungs­schrift zugrun­de zu legen.

Da im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall die Fax­über­tra­gung von sie­ben Sei­ten 36 Sekun­den gedau­ert hat und nur die ers­ten bei­den für das Ein­hal­ten der Zuläs­sig­keits­an­for­de­run­gen der Beru­fung erfor­der­lich waren, ist davon aus­zu­ge­hen, dass die hier maß­geb­li­che Fax­über­tra­gung maxi­mal 15 Sekun­den gedau­ert hat und des­halb vor 24.00 Uhr been­det war, da es für die Beur­tei­lung der Recht­zei­tig­keit des Ein­gangs eines per Tele­fax über­sand­ten Schrift­sat­zes allein dar­auf ankommt, ob die gesen­de­ten Signa­le noch vor Ablauf des letz­ten Tages der Frist vom Tele­fax­ge­rät des Gerichts voll­stän­dig emp­fan­gen und gespei­chert wur­den und nicht auf den Aus­druck die­ser Sei­ten 3.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 4. April 2012 – III ZR 75/​11

  1. vgl. BVerfG NJW 1998, 2044; BVerfGE 75, 183, 190[]
  2. vgl. BVerfG NJW 1998, 2044, 2045[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 25.04.2006 – IV ZB 20/​05, BGHZ 167, 214, 219 ff Rn. 14 ff.[]