Beru­fungs­frist bei unwirk­sa­mer Urteils­zu­stel­lung

Fehlt es an einer wirk­sa­men Urteils­zu­stel­lung, beginnt auch für eine im Aus­land wohn­haf­te, nicht anwalt­lich ver­tre­te­ne Par­tei die Frist für die Ein­le­gung der Beru­fung grund­sätz­lich fünf Mona­te nach Ver­kün­dung des Urteils zu lau­fen.

Beru­fungs­frist bei unwirk­sa­mer Urteils­zu­stel­lung

Die Beru­fungs­frist von einem Monat beginnt regel­mä­ßig mit der Zustel­lung des ange­foch­te­nen Urteils zu lau­fen. Fehlt es – wie im Streit­fall – an einer wirk­sa­men Zustel­lung, wird die Beru­fungs­frist mit dem Ablauf von fünf Mona­ten nach Ver­kün­dung des ange­foch­te­nen Urteils in Lauf gesetzt (§ 517 Halb­satz 2 ZPO). Die Rege­lung trifft Vor­sor­ge dage­gen, dass in Fäl­len einer feh­ler­haf­ten Zustel­lung nie­mals for­mel­le Rechts­kraft ein­tre­ten kann 1. Des­halb wird eine Aus­nah­me von der Vor­schrift des § 517 Halb­satz 2 ZPO nur für den – hier nicht gege­be­nen – Fall erwo­gen, dass die beschwer­te Par­tei in dem Ver­hand­lungs­ter­min nicht ver­tre­ten und zu die­sem Ter­min auch nicht ord­nungs­ge­mäß gela­den war 2. Eine wei­te­re, über den Wort­laut hin­aus­ge­hen­de Beschrän­kung der Norm zuguns­ten von anwalt­lich nicht ver­tre­te­nen Aus­län­dern ist auch aus Grün­den der Rechts­si­cher­heit nicht ange­zeigt. Inso­weit ist zu berück­sich­ti­gen, dass auch rechts­un­kun­di­ge Inlän­der mit dem Inhalt des § 517 ZPO in aller Regel nicht ver­traut sind. Etwai­gen Erschwer­nis­sen kann abge­hol­fen wer­den, indem für die Kennt­nis vom Weg­fall des Hin­der­nis­ses der recht­zei­ti­gen Ein­le­gung auf die jewei­li­gen Ver­hält­nis­se der betrof­fe­nen, etwa im Aus­land ansäs­si­gen Par­tei abge­stellt wird 3. Bei die­ser Sach­la­ge lief im Streit­fall die Frist für die Ein­le­gung der Beru­fung am 20. Mai 2009 ab; die am 12. Juni 2009 ein­ge­leg­te Beru­fung war mit­hin ver­spä­tet.

Die Wür­di­gung des Beru­fungs­ge­richts, wonach die Wie­der­ein­set­zungs­frist des § 234 Abs. 1 Satz 1 ZPO nicht beach­tet ist, begeg­net – unge­ach­tet etwai­ger Erkun­di­gungs­pflich­ten des Beklag­ten 4 – im Ergeb­nis kei­nen recht­li­chen Beden­ken. Die am 18. Mai 2009 in Lauf gesetz­te zwei­wö­chi­ge Frist war jeden­falls am 3. Juni 2009 ver­stri­chen. Mit­hin erweist sich der Wie­der­ein­set­zungs­an­trag vom 12. Juni 2009 als ver­spä­tet.

Nach § 234 Abs. 1 ZPO muss die Wie­der­ein­set­zung inner­halb einer zwei­wö­chi­gen Frist bean­tragt wer­den, die mit dem Tag beginnt, an dem das Hin­der­nis beho­ben ist (§ 234 Abs. 2 ZPO). Beho­ben ist das Hin­der­nis, wenn sein Wei­ter­be­stehen nicht mehr als unver­schul­det ange­se­hen wer­den kann. Bei der Ver­tre­tung durch einen Rechts­an­walt, des­sen Ver­schul­den dem Wie­der­ein­set­zung Bean­tra­gen­den nach § 85 Abs. 2 ZPO zuzu­rech­nen ist, beginnt die­se Frist daher spä­tes­tens in dem Zeit­punkt, in dem der Anwalt bei Anwen­dung der unter den gege­be­nen Umstän­den zu erwar­ten­den Sorg­falt die ein­ge­tre­te­ne Säum­nis hät­te erken­nen kön­nen; auch der Weg­fall des Hin­der­nis­ses vor Ablauf einer spä­ter ver­säum­ten Not­frist setzt die Frist des § 234 ZPO in Lauf 5.

Das Hin­der­nis der feh­len­den Kennt­nis des anzu­fech­ten­den Urteils und der Bestim­mung des zustän­di­gen Beru­fungs­ge­richts war hier bereits am 18. Mai 2009 mit der Über­sen­dung des ver­kün­de­ten Urteils an den Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Beklag­ten beho­ben. Die­ser konn­te dem Urteil nicht nur den Ver­kün­dungs­zeit­punkt, son­dern auch den in Grie­chen­land gele­ge­nen Wohn­sitz des Beklag­ten ent­neh­men. Fer­ner war aus­zu­schlie­ßen, dass der Beklag­te sei­nen Wohn­sitz erst nach Rechts­hän­gig­keit ins Aus­land ver­legt hat­te. Denn das Amts­ge­richt hat – wie den Aus­füh­run­gen ein­gangs der Ent­schei­dungs­grün­de zu ent­neh­men ist – nach Hin­weis auf den im Hoheits­ge­biet eines ande­ren Mit­glied­staats gele­ge­nen Wohn­sitz des Beklag­ten sei­ne ört­li­che Zustän­dig­keit im Blick auf den im Inland gege­be­nen Erfül­lungs­ort aus der Rege­lung des Art. 5 Nr. 1 b EuGV­VO her­ge­lei­tet. Ange­sichts die­ser Umstän­de muss­te der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te, der nicht auf die Rich­tig­keit eines Hin­wei­ses sei­nes aus­län­di­schen, ersicht­lich mit der hie­si­gen Gerichts­or­ga­ni­sa­ti­on nicht näher ver­trau­ten Man­dan­ten über das zustän­di­ge Beru­fungs­ge­richt ver­trau­en durf­te, bei Beach­tung der gebo­te­nen Sorg­falt erken­nen, dass nach der hier noch anzu­wen­den­den Rege­lung des § 119 Abs. 1 Nr. 1 b) GVG das Ober­lan­des­ge­richt zustän­di­ges Beru­fungs­ge­richt war. Da die zwei­wö­chi­ge Frist des § 234 Abs. 1 ZPO am Mon­tag, den 18. Mai 2009, zu lau­fen begann und das Fris­ten­de auf Pfingst­mon­tag, den 1. Juni 2009, fiel, war sie mit Ablauf des 2. Juni 2009 ver­stri­chen (§ 222 Abs. 1 ZPO, § 187 Abs. 1, § 188 Abs. 2 Alt. 1 BGB, § 222 Abs. 2 ZPO). Bei die­ser Sach­la­ge kann dahin­ste­hen, ob vor­lie­gend der Wie­der­ein­set­zungs­an­trag bereits dar­an schei­tert, dass der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Beklag­ten nach Kennt­nis­nah­me von dem Urteil am 18. Mai 2009 ohne wei­te­res in der Lage gewe­sen wäre, die Beru­fung frist­wah­rend bis zum 20. Mai 2009 ein­zu­le­gen.

Eine ande­re Bewer­tung grif­fe auch dann nicht durch, wenn man das Hin­der­nis zur Frist­wah­rung erst in dem Zeit­punkt als besei­tigt ansieht, als der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te durch Ein­sicht­nah­me in die Ver­fah­rens­ak­te erkann­te, dass der Wohn­sitz des Beklag­ten bereits bei Kla­ge­zu­stel­lung in Grie­chen­land gele­gen war. Inso­weit fehlt es an der gebo­te­nen Dar­le­gung, dass gerech­net ab Ein­gang der Akte bei dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Beklag­ten die zwei­wö­chi­ge Frist des § 234 Abs. 1 Satz 1 ZPO beach­tet ist.

Nach § 234 Abs. 1, § 236 Abs. 2 ZPO müs­sen alle Tat­sa­chen, die für die Gewäh­rung der Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand von Bedeu­tung sein kön­nen, inner­halb der zwei­wö­chi­gen Antrags­frist vor­ge­tra­gen wer­den. Zu die­sen Tat­sa­chen gehö­ren auch die­je­ni­gen, die die Ein­hal­tung der Frist des § 234 Abs. 1 Satz 1 ZPO erge­ben. Ledig­lich erkenn­bar unkla­re oder ergän­zungs­be­dürf­ti­ge Anga­ben, deren Auf­klä­rung nach § 139 ZPO gebo­ten gewe­sen wäre, dür­fen nach Frist­ab­lauf erläu­tert oder ver­voll­stän­digt wer­den 6. Zum not­wen­di­gen Inhalt eines Wie­der­ein­set­zungs­ge­suchs gehört Sach­vor­trag, dem­zu­fol­ge der Antrag recht­zei­tig nach der Behe­bung des Hin­der­nis­ses (§ 234 Abs. 2 ZPO) gestellt wur­de 7. Dar­an fehlt es im Streit­fall.

Nach den Anga­ben des Beklag­ten wur­de die Ver­fah­rens­ak­te auf den Antrag sei­nes Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten vom 19. Mai 2009 durch das Amts­ge­richt noch am 20. Mai 2009 an die­sen ver­sandt. Es ist jedoch die not­wen­di­ge Dar­le­gung unter­blie­ben, wann die Akte bei sei­nem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ein­ge­trof­fen ist. Ging die Akte ent­spre­chend den übli­chen Post­lauf­zei­ten einen bis zwei Werk­ta­ge spä­ter bei sei­nem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten, der sei­ner­seits die Akte bin­nen zwei Tagen an das Amts­ge­richt zurück­ge­lei­tet hat, ein, muss­te die­ser umge­hend in die Akte zur Bestim­mung des zustän­di­gen Beru­fungs­ge­richts Ein­blick neh­men. Mit Rück­sicht auf eine Post­lauf­zeit von zwei Werk­ta­gen und die not­wen­di­ge Ein­sicht­nah­me wäre das Hin­der­nis dann bereits am 25. Mai 2009 ent­fal­len und die zwei­wö­chi­ge Frist am 8. Juni 2009 abge­lau­fen. Einer wei­te­ren Rück­spra­che mit dem Beklag­ten hät­te es nicht mehr bedurft, weil der vor dem Amts­ge­richt unan­ge­grif­fen geblie­be­ne aus­län­di­sche Gerichts­stand für das Rechts­mit­tel­ver­fah­ren zugrun­de zu legen war 8. Auch bei die­ser Bewer­tung wür­de sich der am 12.06.2009 ein­ge­gan­ge­ne Wie­der­ein­set­zungs­an­trag als ver­fris­tet erwei­sen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 20. Janu­ar 2011 – IX ZB 214/​09

  1. Zöller/​Heßler, ZPO 28. Aufl. § 517 Rn. 17[]
  2. BGH, Beschlüs­se vom 02.03.1988 – IVb ZB 10/​88, NJW 1989, 1432, 1433; vom 01.03.1994 – XI ZB 23/​93, NJW-RR 1994, 1022; und vom 29.09.1998 – KZB 11/​98, NJW 1999, 143, 144[]
  3. BGH, Beschluss vom 02.03.1988, aaO S. 1433[]
  4. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 01.03.1994, aaO; vom 29.09.1999, aaO S. 144[]
  5. BGH, Beschlüs­se vom 26.07.2004 – VIII ZR 10/​04, NJW-RR 2005, 143, 144; vom 23.11.2004 – XI ZB 4/​04, NJW-RR 2005, 435, 436; vom 28.02.2008 – V ZB 107/​07, NJW-RR 2008, 1084 Rn. 10[]
  6. BGH, Beschluss vom 12.05.1998 – VI ZB 10/​98, NJW 1998, 2678, 2679[]
  7. BGH, Beschlüs­se vom 10.12.1996 – VI ZB 16/​96, NJW 1997, 1079; und vom 13.12.1999 – II ZR 225/​98, NJW 2000, 592[]
  8. BGH, Beschluss vom 10. Juli 2007 – VIII ZB 73/​06, NJW-RR 2008, 144 Rn. 4[]