Der Anscheins­be­weis bei der Rechts­an­walts­haf­tung und der Steu­er­be­ra­ter­haf­tung

In Fäl­len der Rechts- und Steu­er­be­ra­ter­haf­tung bestim­men sich Beweis­erleich­te­run­gen für den Ursa­chen­zu­sam­men­hang zwi­schen Pflicht­ver­let­zung und Scha­den nach den Grund­sät­zen des Anscheins­be­wei­ses [1].

Der Anscheins­be­weis bei der Rechts­an­walts­haf­tung und der Steu­er­be­ra­ter­haf­tung

Unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen in Fäl­len der Rechts­be­ra­ter­haf­tung für den Ursa­chen­zu­sam­men­hang zwi­schen Pflicht­ver­let­zung und Scha­den zuguns­ten des Man­dan­ten Beweis­erleich­te­run­gen in Betracht kom­men, lässt sich der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ent­neh­men, die bereits durch das Grund­satz­ur­teil vom 30. Sep­tem­ber 1993 [2] begrün­det wor­den ist. Es han­delt sich um einen Anwen­dungs­fall des Anscheins­be­wei­ses. Vor­aus­ge­setzt ist dem­nach ein Sach­ver­halt, der nach der Lebens­er­fah­rung auf­grund objek­tiv deut­lich für eine bestimm­te Reak­ti­on spre­chen­der Umstän­de einer typi­sie­ren­den Betrach­tungs­wei­se zugäng­lich ist. Dies ist anzu­neh­men, wenn bei zutref­fen­der recht­li­cher Bera­tung vom Stand­punkt eines ver­nünf­ti­gen Betrach­ters aus allein eine Ent­schei­dung nahe gele­gen hät­te [3].

Dem­ge­gen­über ver­mag auf ande­rem Gebiet ergan­ge­ne Recht­spre­chung zum auf­klä­rungs­rich­ti­gen Ver­hal­ten weder Klä­rungs- noch Rechts­fort­bil­dungs­be­darf zu begrün­den. Dies gilt auch für die neue­ren Ent­schei­dun­gen zur Anla­ge­be­ra­tungs­haf­tung [4]. Danach besteht zu Las­ten des Anla­ge­be­ra­ters eine zur Beweis­last­um­kehr füh­ren­de wider­leg­ba­re tat­säch­li­che Ver­mu­tung, dass der Scha­den bei pflicht­ge­mä­ßer Auf­klä­rung nicht ein­ge­tre­ten wäre. Sie wird mit dem beson­de­ren Schutz­zweck der Auf­klä­rungs­pflicht gerecht­fer­tigt und greift auch dann ein, wenn der pflicht­ge­mäß auf­ge­klär­te Anle­ger ver­schie­de­ne Hand­lungs­al­ter­na­ti­ven gehabt hät­te [5]. Auf Umstän­de, die nach der Lebens­er­fah­rung typi­scher­wei­se die Annah­me eines bestimm­ten Gesche­hens­ab­laufs recht­fer­ti­gen, ist die­se Recht­spre­chung wegen ihrer Begrün­dung aus dem Schutz­zweck der ver­letz­ten Pflicht nicht ange­wie­sen.

Mit dem Ansatz einer wider­leg­ba­ren tat­säch­li­chen Ver­mu­tung hat sich der Bun­des­ge­richts­hof schon in sei­nem Grund­satz­ur­teil vom 30. Sep­tem­ber 1993 [6] aus­ein­an­der­ge­setzt und ent­schie­den, dass nur die Grund­sät­ze des Anscheins­be­wei­ses zu einer ange­mes­se­nen Risi­ko­ver­tei­lung zwi­schen recht­li­chem Bera­ter und Man­dan­ten füh­ren. Dar­an wird fest­ge­hal­ten

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 15. Mai 2014 – IX ZR 267/​12

  1. Bestä­ti­gung von BGHZ 123, 311[]
  2. BGH, Urteil vom 30.09.1993 – IX ZR 73/​93, BGHZ 123, 311[]
  3. BGH, Urteil vom 30.09.1993, aaO S. 314 ff; vom 30.03.2000 – IX ZR 53/​99, WM 2000, 1351, 1352; vom 20.03.2008 – IX ZR 104/​05, WM 2008, 1042 Rn. 12; vom 05.02.2009 – IX ZR 6/​06, WM 2009, 715 Rn. 8 ff; st.Rspr.[]
  4. BGH, Urteil vom 08.05.2012 – XI ZR 262/​10, BGHZ 193, 159; vom 26.02.2013 – XI ZR 318/​10, BKR 2013, 212; vgl. auch Schwab, NJW 2012, 3274[]
  5. BGH, Urteil vom 08.05.2012, aaO Rn. 28 ff; vom 26.02.2013, aaO Rn.19 f[]
  6. BGH, Urteil vom 30.09.1993, aaO S. 313 ff[]