Der unvoll­stän­dig aus­ge­füll­te PKH-Vor­druck

Bei Män­geln in der Dar­le­gung der per­sön­li­chen und wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se einer PKH-Par­tei besteht grund­sätz­lich eine gericht­li­che Hin­weis­pflicht. Der Hin­weis­pflicht wird nur durch eine gericht­li­che Auf­la­ge genügt, die genau bezeich­net, wel­che kon­kre­ten Män­gel bei den bis­lang mit­ge­teil­ten Anga­ben der Par­tei und ihrer Glaub­haft­ma­chung einer Berück­sich­ti­gung ent­ge­gen­ste­hen.

Der unvoll­stän­dig aus­ge­füll­te PKH-Vor­druck

Im übri­gen bleibt das unvoll­stän­di­ge Aus­fül­len eines Pro­zess­kos­ten­hil­fe­vor­drucks fol­gen­los, wenn die Lücken durch bei­gefüg­te Anla­gen geschlos­sen wer­den kön­nen und die­se hin­rei­chend klar sind (BGH IVb ZB 47/​85).

Gemäß § 114 ZPO hat eine Par­tei, die nach ihren per­sön­li­chen und wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen die Kos­ten der Pro­zess­füh­rung nicht auf­brin­gen kann, Anspruch auf Pro­zess­kos­ten­hil­fe, wenn die beab­sich­tig­te Rechts­ver­fol­gung oder Rechts­ver­tei­di­gung hin­rei­chen­de Aus­sicht auf Erfolg bie­tet und nicht mut­wil­lig erscheint. Dem Pro­zess­kos­ten­hil­fe­an­trag sind gemäß § 117 Abs. 2 ZPO eine Erklä­rung über die per­sön­li­chen und wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se sowie ent­spre­chen­de Bele­ge bei­zu­fü­gen. Gemäß § 117 Abs. 4 ZPO ist das For­mu­lar für die Erklä­rung im Sin­ne des § 117 Abs. 2 ZPO zu ver­wen­den. Das unvoll­stän­di­ge Aus­fül­len des Vor­drucks bleibt fol­gen­los, wenn die Lücken durch bei­gefüg­te Anla­gen geschlos­sen wer­den kön­nen und die­se ver­gleich­bar über­sicht­lich und klar sind [1].

Danach sind alle Bele­ge des Klä­gers zu berück­sich­ti­gen, da sie Aus­künf­te zu den feh­len­den Ein­trä­gen in dem Vor­druck ent­hal­ten.

Das Arbeits­ge­richt geht zu Unrecht davon aus, dass ihm die rich­ter­li­che Unab­hän­gig­keit erlau­be, selbst zu ent­schei­den, was ent­schei­dungs­er­heb­lich sei. Dafür gibt es kla­re Spiel­re­geln, um will­kür­li­che Ent­schei­dun­gen zu ver­hin­dern.

Das Arbeits­ge­richt durf­te die bean­trag­te Pro­zess­kos­ten­hil­fe nicht ver­sa­gen. Es hat wie­der­holt sei­ne Hin­weis­pflich­ten und damit den Anspruch des Klä­gers auf recht­li­ches Gehör ver­letzt. Die mit Ver­fü­gung vom 20.05.2015 unter Frist­set­zung gemach­te Auf­la­ge zur Ver­voll­stän­di­gung der Unter­la­gen ist nicht hin­rei­chend bestimmt und von der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Klä­gers ganz offen­sicht­lich miss­ver­stan­den wor­den. Vor die­sem Hin­ter­grund war das Gericht ver­pflich­tet, vor einer – noch dazu wie­der­hol­ten – Nicht­ab­hil­fe­ent­schei­dung zunächst für Klar­heit zu sor­gen und dem Klä­ger unter Klar­stel­lung auf­zu­ge­ben, dass er zwar sei­nen alten Vor­druck aus 2014 ver­voll­stän­di­gen sol­le, dass er aber Ein­kom­mens­nach­wei­se aus 2015 vor­zu­le­gen habe.

Das Gebot der Rechts­schutz­gleich­heit von bemit­tel­ten und unbe­mit­tel­ten Par­tei­en erfor­dert es bei der Ableh­nung eines Pro­zess­kos­ten­hil­fe­an­trags, dass hin­sicht­lich der rich­ter­li­chen Hin­weis­pflich­ten ein eben­so stren­ger Maß­stab anzu­le­gen ist wie in einem Haupt­sa­che­ver­fah­ren [2]. Ver­blei­ben­de Unge­wiss­hei­ten bezüg­lich des Vor­trags eines Antrag­stel­lers kön­nen und müs­sen im Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ver­fah­ren durch dies­be­züg­li­che Hin­wei­se aus­ge­räumt wer­den. Bei Män­geln in der Dar­le­gung der per­sön­li­chen und wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se einer PKH-Par­tei besteht grund­sätz­lich eine gericht­li­che Hin­weis­pflicht [3]. Wenn neu­es Vor­brin­gen im Rah­men einer sofor­ti­gen Beschwer­de nach Ablauf einer Frist gemäß § 118 Abs. 2 Satz 4 ZPO oder nach Instanz­be­en­di­gung aus­ge­schlos­sen sein soll, wird der Hin­weis­pflicht nur durch eine Auf­la­ge genügt, die genau bezeich­net, wel­che kon­kre­ten Män­gel bei den dem Gericht bis­lang mit­ge­teil­ten Anga­ben der Par­tei und ihrer Glaub­haft­ma­chung einer Berück­sich­ti­gung in dem gel­tend gemach­ten Umfang ent­ge­gen­ste­hen [4]. Die Ver­pflich­tung zur Auf­klä­rung von Män­geln im Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ge­such besteht, wenn lücken­haf­te, wider­sprüch­li­che oder sons­ti­ge rudi­men­tä­re Erklä­run­gen zu den per­sön­li­chen und wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen in den Rubri­ken des amt­li­chen Vor­drucks oder in bei­gefüg­ten Erläu­te­run­gen vor­lie­gen.

Ange­sichts der Fol­gen einer Frist­set­zung nach § 118 Abs. 2 Satz 4 ZPO bzw. einer unvoll­stän­di­gen Antrag­stel­lung bis zur Instanz­be­en­di­gung sind inhalt­lich kon­kre­te Hin­wei­se erfor­der­lich, wel­che Män­gel in einem Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ge­such bestehen. Auch inso­weit besteht kein Unter­schied zu den rich­ter­li­chen Hin­weis­pflich­ten im Haupt­sa­che­ver­fah­ren, ins­be­son­de­re bei einer Auf­la­ge mit Frist­set­zung nach § 56 Abs. 2, § 61 a Abs. 5 ArbGG, bei deren Nicht­er­fül­lung eine Par­tei mit ver­spä­te­tem Vor­brin­gen aus­ge­schlos­sen wer­den kann. Danach ist es erfor­der­lich, die auf­klä­rungs­be­dürf­ti­gen Punk­te kon­kret zu benen­nen [5], all­ge­mei­ne Auf­for­de­run­gen zu Stel­lung­nah­men genü­gen nicht [6]. Nur bei kon­kre­ten und unmiss­ver­ständ­li­chen Hin­wei­sen ist es gerecht­fer­tigt, die pro­zes­sua­len Nach­tei­le einer Frist­ver­säum­nis der Par­tei auf­zu­bür­den. Dies kor­re­spon­diert mit der im Rah­men des § 139 ZPO grund­sätz­lich auch gegen­über der anwalt­lich ver­tre­te­nen Par­tei bestehen­den Pflicht, Par­tei­en auf den feh­len­den Sach­vor­trag, den es als ent­schei­dungs­er­heb­lich ansieht, unmiss­ver­ständ­lich hin­zu­wei­sen und ihnen damit die Mög­lich­keit zu eröff­nen, die­ses Vor­brin­gen zu ergän­zen [7].

Ent­spre­chen­des gilt, wenn man­gel­haf­te Anga­ben und Bele­ge die Kon­se­quenz haben sol­len, dass die Par­tei einen ihr an sich zuste­hen­den Anspruch auf (raten­freie oder mit einer nied­ri­ge­ren Raten­ver­pflich­tung ver­bun­de­ne) Pro­zess­kos­ten­hil­fe ver­lie­ren soll. Nur durch eine Auf­la­ge, die genau bezeich­net, wel­che kon­kre­ten Män­gel bei den dem Gericht bis­lang mit­ge­teil­ten Anga­ben der Par­tei und ihrer Glaub­haft­ma­chung einer Berück­sich­ti­gung in dem gel­tend gemach­ten Umfang ent­ge­gen­ste­hen, wird der gericht­li­chen Hin­weis­pflicht genügt. Erst dann ist neu­es Vor­brin­gen nach Ablauf einer Frist gemäß § 118 Abs. 2 Satz 4 ZPO nicht mehr zu berück­sich­ti­gen und der Pro­zess­kos­ten­hil­fe­an­trag abzu­wei­sen [8].

Die­se recht­li­chen Anfor­de­run­gen hat das Arbeits­ge­richt nicht beach­tet. Es hät­te schon in dem Pro­zess­kos­ten­hil­fe ver­sa­gen­den Beschluss den Klä­ger kon­kret dar­auf hin­wei­sen müs­sen, was an sei­nem Vor­brin­gen wider­sprüch­lich gewe­sen sein soll und war­um. Es hät­te gera­de ange­sichts des lan­gen Ruhens des Ver­fah­rens kon­kret dar­le­gen müs­sen, wel­che Anga­ben der Klä­ger nun im Jahr 2015 machen und bele­gen soll. Das ist unter­blie­ben. Gera­de des­halb hät­te es erst Recht vor der zwei­ten Nicht­ab­hil­fe­ent­schei­dung ange­sichts der Tat­sa­che, dass der Klä­ger ganz offen­sicht­lich fälsch­li­cher­wei­se annahm, die ursprüng­li­chen und nicht die aktu­el­len Ein­kom­mens­ver­hält­nis­se bele­gen zu müs­sen, für Klar­heit in Bezug auf die Bei­brin­gungs­ver­pflich­tung sor­gen müs­sen. Auch das ist unter Ver­stoß gegen Art. 103 GG unter­blie­ben.

Im vor­lie­gen­den Fall ist davon aus­zu­ge­hen, dass der Klä­ger bei einem ord­nungs­ge­mä­ßen Hin­weis den mit Schrift­satz vom 16.09.2015 zur Akte gereich­ten Arbeits­lo­sen­geld­be­scheid vom 24.04.2015 schon vor dem Pro­zess­kos­ten­hil­fe ver­sa­gen­den Beschluss vom 19.06.2015 zur Akte gereicht hät­te. Das erfor­dert die Abän­de­rung der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung.

Lan­des­ar­beits­ge­richt Schles­wig ‑Hol­stein, Urteil vom 18. Dezem­ber 2015 – 3 Ta 142/​15

  1. BGH vom 10.07.1985 – IVb ZB 47/​85, LS 2 mit einer Viel­zahl von Recht­spre­chungs­nach­wei­sen[]
  2. BVerfG, 12.11.2007 – 1 BVR 48/​05, FamRZ 2008, 131[]
  3. LAG Hamm; vom 17.06.2013 – 14 Ta 77/​13; LAG Hamm, 8.11.2001 – 4 Ta 708/​01, LAG­Re­port 2002, 89; 8.10.2007 – 18 Ta 509/​07; 30.12 2008 – 14 Ta 118/​08; 21.06.2011 – 5 Ta 334/​11, LAGE ZPO 2002 § 114 Nr. 16[]
  4. LAG Hamm vom 17.06.2013, a.a.O.[]
  5. vgl. BAG, 19.06.1980 – 3 AZR 1177/​79; 25.03.2004 – 2 AZR 380/​03, AP BGB § 611 Kir­chen­dienst Nr. 40;[]
  6. vgl. ErfK/​Koch, 13. Auf­la­ge, 2013, § 56 ArbGG Rn. 9; Ger­mel­man­n/­Mat­thes/­Prüt­tin­g/­Mül­ler-Glö­ge/­Schlewing, § 56 Rn. 26; HWK/​Ziemann, 5. Auf­la­ge, 2012, § 56 ArbGG Rn. 42[]
  7. vgl. BAG, 26.06.2008 – 6 AZN 1026/​07, NZA 2008, 1206; BGH, 25.06.2002 – X ZR 83/​00, NJW 2002, 3317; 09.06.2005 – V ZR 271/​04, NJW 2005, 2624[]
  8. LAG Hamm, a.a.O. m. w. N.[]