Der Urhe­ber­rechts­schutz eines "Geburts­tags­zu­ges"

Nach der Reform des Geschmacks­mus­ter­rechts im Jahr 2004 sind an den Urhe­ber­rechts­schutz von Wer­ken der ange­wand­ten Kunst grund­sätz­lich kei­ne ande­ren Anfor­de­run­gen zu stel­len als an den Urhe­ber­rechts­schutz von Wer­ken der zweck­frei­en bil­den­den Kunst oder des lite­ra­ri­schen und musi­ka­li­schen Schaf­fens. Kommt Wer­ken der ange­wand­ten Kunst nicht die not­wen­di­ge Gestal­tungs­hö­he und Indi­vi­dua­li­tät zu, da bei der Arbeit an vor­han­de­ne Vor­bil­der ange­knüpft wer­den konn­te, genie­ßen die Wer­ke kei­nen Urhe­ber­rechts­schutz.

Der Urhe­ber­rechts­schutz eines "Geburts­tags­zu­ges"

Mit die­ser Begrün­dung hat das Schles­wig-Hol­stei­ni­sche Ober­lan­des­ge­richt in dem hier vor­lie­gen­den Fall den Urhe­ber­rechts­schutz für ein Angel­spiel und einen Geburts­tags­zug ver­neint. Für eine dem Geburts­tags­zug ver­gleich­ba­re Tier­ka­ra­wa­ne (Geburts­tags­ka­ra­wa­ne) ist der Urhe­ber­rechts­schutz zwar bejaht wor­den, aber die sich hier­aus erge­ben­den urhe­ber­recht­li­chen Ansprü­che der Klä­ge­rin sind jedoch ver­jährt. Die Klä­ge­rin ist selbst­stän­di­ge Spiel­wa­ren­de­si­gne­rin. Die Beklag­te stellt Spiel­wa­ren her und ver­treibt sie. Die Klä­ge­rin fer­tig­te für die Beklag­te im Jahr 1998 Zeich­nun­gen für einen Tisch-Holz­zug mit Wag­gons, auf die sich Ker­zen und Zah­len auf­ste­cken las­sen (Geburts­tags­zug), für ein Angel­spiel und im Jahr 2001 für eine dem Geburts­tags­zug ver­gleich­ba­re Tier­ka­ra­wa­ne (Geburts­tags­ka­ra­wa­ne). Als Hono­rar erhielt sie für den Geburts­tags­zug und das Angel­spiel je 400 DM net­to und für die Geburts­tags­ka­ra­wa­ne 1.102 DM net­to. Die Klä­ge­rin ist der Ansicht, bei ihren Ent­wür­fen han­de­le es sich um urhe­ber­recht­lich geschütz­te Wer­ke. Die ver­ein­bar­te Ver­gü­tung sei ange­sichts des gro­ßen Ver­kaufs­er­folgs der Arti­kel zu gering. Sie nimmt die Beklag­te des­halb auf Zah­lung einer (wei­te­ren) ange­mes­se­nen Ver­gü­tung in Anspruch.

Die Kla­ge blieb vor dem Land­ge­richt Lübeck 1 und dem Schles­wig-Hol­stei­ni­schen Ober­lan­des­ge­richt zunächst ohne Erfolg. Das Ober­lan­des­ge­richt nahm in einer ers­ten Ent­schei­dung an 2, dass die von der Klä­ge­rin ange­fer­tig­ten Ent­wür­fe urhe­ber­recht­lich nicht geschützt sei­en, weil es sich um Wer­ke der ange­wand­ten Kunst han­de­le, an die für einen urhe­ber­recht­li­chen Schutz höhe­re Anfor­de­run­gen zu stel­len sei­en als bei Wer­ken der zweck­frei­en Kunst. Der Bun­des­ge­richts­hof hob die­se Ent­schei­dung auf und ver­wies die Sache zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Beru­fungs­ge­richt zurück mit der Begrün­dung, dass nach der Reform des Geschmacks­mus­ter­rechts im Jahr 2004 an den Urhe­ber­rechts­schutz von Wer­ken der ange­wand­ten Kunst grund­sätz­lich kei­ne ande­ren Anfor­de­run­gen zu stel­len sind als an den Urhe­ber­rechts­schutz von Wer­ken der zweck­frei­en bil­den­den Kunst oder des lite­ra­ri­schen und musi­ka­li­schen Schaf­fens 3. Nach Zurück­ver­wei­sung des Ver­fah­rens durch den Bun­des­ge­richts­hof hat das Ober­lan­des­ge­richt zu prü­fen, ob die von der Klä­ge­rin ent­wor­fe­nen Spiel­wa­ren den gerin­ge­ren Anfor­de­run­gen genü­gen, die nun­mehr an die Gestal­tungs­hö­he von Wer­ken der ange­wand­ten Kunst zu stel­len sind.

Nach Auf­fas­sung des Schles­wig-Hol­stei­ni­schen Ober­lan­des­ge­richts stel­len die Ent­wür­fe der Klä­ge­rin zum Angel­spiel und Geburts­tags­zug hier­nach kei­ne urhe­ber­recht­lich geschütz­ten Wer­ke dar, ledig­lich die von der Klä­ge­rin ent­wor­fe­ne Geburts­tags­ka­ra­wa­ne ist urhe­ber­recht­lich geschützt:

Urhe­ber­rechts­schutz genießt nur ein Erzeug­nis, das als per­sön­li­che geis­ti­ge Schöp­fung gel­ten kann, dafür muss es eine gewis­se Gestal­tungs­hö­he und Indi­vi­dua­li­tät besit­zen. Dem Angel­spiel und dem Geburts­tags­zug kom­men nicht die not­wen­di­ge Gestal­tungs­hö­he und Indi­vi­dua­li­tät zu. Die Klä­ge­rin konn­te bei ihrer Arbeit an vor­han­de­ne Vor­bil­der anknüp­fen. So ver­trieb die Beklag­te bereits unter der Bezeich­nung „Bum­mel­zug“ eine Dampf­lo­ko­mo­ti­ve aus Holz mit dazu­ge­hö­ri­gen Anhän­gern. Die Ände­run­gen, die die Klä­ge­rin an dem vor­han­de­nen Bum­mel­zug vor­ge­nom­men hat, genü­gen nicht, um dem Geburts­tags­zug hin­rei­chen­de eige­ne Indi­vi­dua­li­tät und damit Werk­qua­li­tät zu ver­lei­hen. Schon der alte Zug hat­te neben Per­so­nen­an­hän­gern auch ande­re Anhän­ger. Er war zwar nicht so bunt wie der von der Klä­ge­rin ent­wor­fe­ne, doch gab es auch ihn schon in einer far­bi­gen Ver­si­on. Aus dem Zah­len­zug hat die Klä­ge­rin in leicht abge­wan­del­ter Form einen Wag­gon mit Zah­len­auf­bau über­nom­men. Inso­fern knüpft der Ent­wurf der Klä­ge­rin ohne auf­fäl­li­ge Ände­run­gen an bekann­te Vor­bil­der an. Neu im Ent­wurf der Klä­ge­rin ist unter ande­rem, dass sie den „Bum­mel­zug“ in einen Geburts­tags­zug ver­wan­delt hat, indem sie den Zah­len­wag­gon in den Zug inte­griert und die ande­ren Wag­gons mit Ker­zen­hal­tern ver­se­hen hat. Die­se Ände­rung aller­dings erklärt sich aus dem Gebrauchs­zweck.

Mit der Geburts­tags­ka­ra­wa­ne hat die Klä­ge­rin ein Erzeug­nis von hin­rei­chen­der eigen­schöp­fe­ri­scher Qua­li­tät geschaf­fen. Anders als Geburts­tags­zug und Angel­spiel gab es für die Geburts­tags­ka­ra­wa­ne noch kein ver­gleich­ba­res Vor­bild. Die sich hier­aus erge­ben­den urhe­ber­recht­li­chen Ansprü­che der Klä­ge­rin sind jedoch ver­jährt, weil die Klä­ge­rin sie nicht bin­nen der drei­jäh­ri­gen Ver­jäh­rungs­frist gericht­lich gel­tend gemacht hat. Im Jahr 2003 gab es kla­re Anhalts­punk­te für den außer­or­dent­li­chen Ver­kaufs­er­folg von Geburts­tags­zug und – kara­wa­ne. Die für den außer­or­dent­li­chen Ver­kaufs­er­folg spre­chen­den Anhalts­punk­te waren der Klä­ge­rin bekannt, so dass ihre Ansprü­che seit dem 1. Janu­ar 2007 ver­jährt sind.

Schles­wig-Hol­stei­ni­sches Ober­lan­des­ge­richt, Urteil vom 11. Sep­tem­ber 2014 – 6 U 74/​10

  1. LG Lübeck, Urteil vom 01.12.2010 – 2 O 356/​09[]
  2. OLG Schles­wig, Urteil vom 22.06.2012 – 6 U 74/​10[]
  3. BGH, Urteil vom 13.11.2013 – I ZR 143/​12[]