Der ver­schwie­ge­ne Erb­fall wäh­rend des Insol­venz­ver­fah­rens

Der vom Schuld­ner durch einen Erb­fall wäh­rend des Insol­venz­ver­fah­rens erwor­be­ne Pflicht­teils­an­spruch gehört zur Insol­venz­mas­se.

Der ver­schwie­ge­ne Erb­fall wäh­rend des Insol­venz­ver­fah­rens

Wird der wäh­rend des Insol­venz­ver­fah­rens ent­stan­de­ne Pflicht­teils­an­spruch erst nach Auf­he­bung des Insol­venz­ver­fah­rens aner­kannt oder rechts­hän­gig gemacht, unter­liegt er der Nach­trags­ver­tei­lung.

Die Anord­nung einer Nach­trags­ver­tei­lung ist auch im Ver­brau­cher­insol­venz­ver­fah­ren mög­lich. Dies gilt jeden­falls dann, wenn ein Schluss­ter­min nach § 197 InsO statt­ge­fun­den hat [1], sei es auch – wie hier – im schrift­li­chen Ver­fah­ren (§ 312 Abs. 2 InsO a.F., § 5 Abs. 2 InsO n.F.).

Nach § 203 Abs. 1 InsO ist der Antrag des Insol­venz­ver­wal­ters an kei­ne Frist gebun­den. Die für Resti­tu­ti­ons- und Nich­tig­keits­kla­gen gel­ten­de Not­frist von einem Monat, begin­nend mit der Erlan­gung der Kennt­nis vom Anfech­tungs­grund (§ 586 ZPO, § 4 InsO), ist auf die Anord­nung einer Nach­trags­ver­tei­lung schon des­halb nicht anzu­wen­den, weil eine Nach­trags­ver­tei­lung auch von Amts wegen ange­ord­net wer­den kann [2].

Nach § 203 Abs. 1 Nr. 3 InsO ist die Anord­nung einer Nach­trags­ver­tei­lung mög­lich, wenn nach dem Schluss­ter­min Gegen­stän­de der Mas­se ermit­telt wer­den.

Der Pflicht­teils­an­spruch der Schuld­ne­rin ent­steht mit dem Erb­fall (§ 2317 Abs. 1, § 1922 Abs. 1 BGB). Von die­sem Zeit­punkt an gehör­te er zum Ver­mö­gen der Schuld­ne­rin und damit auch zur Insol­venz­mas­se, denn er unter­lag der Zwangs­voll­stre­ckung (§ 36 Abs. 1 Satz 1 InsO). Zwar ist ein Pflicht­teils­an­spruch nach § 852 Abs. 1 ZPO der Pfän­dung nur unter­wor­fen, wenn er durch Ver­trag aner­kannt oder rechts­hän­gig gewor­den ist. Die­se Vor­schrift steht einer Pfän­dung jedoch nicht ent­ge­gen. Nach gefes­tig­ter Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs kann der Pflicht­teils­an­spruch bereits vor der ver­trag­li­chen Aner­ken­nung oder Rechts­hän­gig­keit als in sei­ner zwangs­wei­sen Ver­wert­bar­keit auf­schie­bend beding­ter Anspruch gepfän­det wer­den [3]. Maß­geb­lich für die Zuord­nung des Pflicht­teils­an­spruchs zur Insol­venz­mas­se oder zum Neu­erwerb wäh­rend der Wohl­ver­hal­tens­pha­se ist, ob der Erb­fall vor oder nach der Auf­he­bung des Insol­venz­ver­fah­rens statt­ge­fun­den hat [4].

Offen gelas­sen hat der Bun­des­ge­richts­hof bis­her, ob dann, wenn der Schuld­ner einen wäh­rend des Insol­venz­ver­fah­rens erwor­be­nen Pflicht­teils­an­spruch nach des­sen Auf­he­bung gericht­lich gel­tend macht, eine Nach­trags­ver­tei­lung nach § 203 InsO zu erfol­gen hat, ob der Halb­tei­lungs­grund­satz des § 295 Abs. 1 Nr. 2 InsO gilt oder ob es sich nun­mehr um dem Schuld­ner ins­ge­samt zuste­hen­des Ver­mö­gen han­delt [5]. Nach rich­ti­ger Ansicht hat eine Nach­trags­ver­tei­lung zu erfol­gen, weil der nach­träg­lich ein­ge­klag­te Anspruch bis zur Auf­he­bung des Insol­venz­ver­fah­rens zur Mas­se gehör­te. Die Bedingt­heit des Anspruchs ändert dar­an nichts. Der Pflicht­teils­an­spruch selbst ist mit dem Erb­fall unbe­dingt ent­stan­den. Damit hat der Schuld­ner den Anspruch im Sin­ne von § 35 Abs. 1 InsO erlangt. Auf­schie­bend bedingt ist ledig­lich die zwangs­wei­se Ver­wert­bar­keit. Die­se Wir­kung tritt erst mit der ver­trag­li­chen Aner­ken­nung des Anspruchs oder mit Rechts­hän­gig­keit ein (§ 852 Abs. 1 ZPO, § 158 Abs. 1 BGB). Die unein­ge­schränk­te, sofor­ti­ge Ver­wert­bar­keit ist aber kei­ne Vor­aus­set­zung der Zuge­hö­rig­keit eines Ver­mö­gens­ge­gen­stands zur Mas­se [6].

Die Zuord­nung eines Pflicht­teils­an­spruchs zur Mas­se schon vor sei­ner Aner­ken­nung oder Rechts­hän­gig­keit ent­spricht auch dem Zweck der gesetz­li­chen Rege­lung. Gemäß dem Cha­rak­ter des Insol­venz­ver­fah­rens als Zwangs­voll­stre­ckungs­ver­fah­ren sind Gegen­stän­de, die nicht der Zwangs­voll­stre­ckung unter­lie­gen, nach § 36 Abs. 1 InsO von der Insol­venz­mas­se aus­ge­nom­men. Dadurch soll sicher­ge­stellt wer­den, dass dem Schuld­ner auch im Insol­venz­ver­fah­ren die zur Füh­rung eines men­schen­wür­di­gen Lebens not­wen­di­gen Mit­tel ver­blei­ben und er nicht auf Sozi­al­hil­fe ange­wie­sen ist [7]. Die beschränk­te Pfänd­bar­keit des Pflicht­teils­an­spruchs nach § 852 Abs. 1 ZPO hin­ge­gen dient nicht der Siche­rung des Exis­tenz­mi­ni­mums des Schuld­ners, son­dern soll ver­mei­den, dass der Anspruch gegen den Wil­len des Berech­tig­ten gel­tend gemacht wird; die Ent­schei­dung dar­über, ob die­ser Anspruch gegen­über dem Erben durch­ge­setzt wird, soll mit Rück­sicht auf die fami­liä­re Ver­bun­den­heit von Erb­las­ser und Pflicht­teils­be­rech­tig­tem allein die­sem über­las­sen blei­ben [8]. Die­ses Bestim­mungs­recht des Schuld­ners wird nicht in Fra­ge gestellt, wenn ein wäh­rend des Insol­venz­ver­fah­rens erwor­be­ner, nach Auf­he­bung des Ver­fah­rens von ihm rechts­hän­gig gemach­ter Pflicht­teils­an­spruch der Nach­trags­ver­tei­lung unter­stellt wird. Der Schuld­ner bleibt in sei­ner Ent­schei­dung, ob der Anspruch rea­li­siert wer­den soll, frei. Ent­schei­det er sich gegen die Gel­tend­ma­chung, kann der Anspruch nicht für die Mas­se ver­wer­tet wer­den. Ent­schei­det er sich für die Gel­tend­ma­chung, unter­liegt das erwor­be­ne Ver­mö­gen aber als Neu­erwerb wäh­rend des Insol­venz­ver­fah­rens der Nach­trags­ver­tei­lung.

Der Pflicht­teils­an­spruch der Schuld­ne­rin wur­de im Sin­ne von § 203 Abs. 1 Nr. 3 InsO nach­träg­lich ermit­telt. Der Begriff der Ermitt­lung in die­ser Norm ist weit aus­zu­le­gen. Er setzt nicht vor­aus, dass die Exis­tenz oder der Auf­ent­halts­ort eines Mas­se­ge­gen­stands dem Ver­wal­ter wäh­rend der Dau­er des Insol­venz­ver­fah­rens unbe­kannt war. Die Vor­schrift erfasst viel­mehr auch Gegen­stän­de, von deren Exis­tenz der Ver­wal­ter wuss­te, die er aber irr­tüm­lich für nicht ver­wert­bar hielt und des­we­gen nicht zur Mas­se zog [9]. Glei­ches muss gel­ten, wenn Gegen­stän­de wäh­rend der Ver­fah­rens­dau­er tat­säch­lich (noch) nicht ver­wert­bar waren. Für sol­che Gegen­stän­de kann die Nach­trags­ver­tei­lung bereits im Schluss­ter­min vor­be­hal­ten wer­den [10]. Aber auch ohne einen Vor­be­halt kann die Nach­trags­ver­tei­lung ange­ord­net wer­den.

Der Anord­nung der Nach­trags­ver­tei­lung stand nicht ent­ge­gen, dass die Lauf­zeit der Abtre­tungs­er­klä­rung nach § 287 Abs. 2 Satz 1 InsO bereits abge­lau­fen war. Mit der Abtre­tung der pfänd­ba­ren For­de­run­gen auf Bezü­ge für die Dau­er von sechs Jah­ren nach der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens hat die Nach­trags­ver­tei­lung nichts zu tun. Letz­te­re betrifft Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de, die wäh­rend des Insol­venz­ver­fah­rens zur Mas­se gehör­ten, die Abtre­tung hin­ge­gen erfasst For­de­run­gen, die erst nach der Auf­he­bung des Insol­venz­ver­fah­rens und dem damit ver­bun­de­nen Ende des Insol­venz­be­schla­ges ent­ste­hen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 2. Dezem­ber 2010 – IX ZB 184/​09

  1. BGH, Beschluss vom 01.12.2005 – IX ZB 17/​04, ZIP 2006, 143[]
  2. a.A. Zim­mer, KTS 2009, 199, 207 f.[]
  3. BGH, Urteil vom 08.07.1993 – IX ZR 116/​92, BGHZ 123, 183, 185 ff.; vom 06.05.1997 – IX ZR 147/​96, ZIP 1997, 1302; Beschluss vom 18.12.2008 – IX ZB 249/​07, ZIn­sO 2009, 299 Rn. 14; vom 25.06.2009 – IX ZB 196/​08, ZIn­sO 2009, 1461 Rn. 8[]
  4. BGH, Beschlüs­se vom 18.12.2008 – IX ZB 249/​07, aaO Rn. 15; vom 25.06.2009 – IX ZB 196/​08, aaO Rn. 9; vgl. auch BGH, Beschlüs­se vom 16.07.2009 – IX ZB 72/​09, ZIn­sO 2009, 1831, Rn. 9; vom 15.07.2010 – IX ZB 229/​07, NZI 2010, 741 Rn. 4; Münch­Komm-InsO/­Sieg­mann, 2. Aufl. § 315 Anh. Rn. 27; HK-InsO/ Kay­ser, 5. Aufl. § 83 Rn. 3; Jaeger/​Windel, InsO § 83 Rn. 15; Hmb­Komm-InsO/­Ku­lei­sa, 3. Aufl. § 83 Rn. 8[]
  5. BGH, Beschluss vom 18.12.2008 – IX ZB 249/​07, aaO Rn. 15 a.E.[]
  6. vgl. für den Fall der Tes­ta­ments­voll­stre­ckung: BGH, Urteil vom 11.05.2006 – IX ZR 42/​05, ZIP 2006, 1258 Rn. 12[]
  7. BGH, Urteil vom 11.05.2006, aaO Rn. 16; Münch­Komm-InsO/­Pe­ters, 2. Aufl. § 36 Rn. 1[]
  8. BGH, Urteil vom 08.07.1993 – IX ZR 116/​92, BGHZ 123, 183, 186 m.w.N.[]
  9. BGH, Beschluss vom 01.12.2005 – IX ZB 17/​04, ZIP 2006, 143, 144 m.w.N.[]
  10. FK-InsO/­Kieß­ner, 5. Aufl. § 203 Rn. 4[]