Die for­mu­lar­haf­te Beru­fungs­be­grün­dung – und der vor­geb­lich fal­sche Urteils­tat­be­stand

Nach § 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 2 ZPO muss die Beru­fungs­be­grün­dung die Umstän­de bezeich­nen, aus denen sich nach Ansicht des Beru­fungs­klä­gers die Rechts­ver­let­zung und deren Erheb­lich­keit für die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung erge­ben.

Die for­mu­lar­haf­te Beru­fungs­be­grün­dung – und der vor­geb­lich fal­sche Urteils­tat­be­stand

Dazu gehört eine aus sich her­aus ver­ständ­li­che Anga­be, wel­che bestimm­ten Punk­te des ange­foch­te­nen Urteils der Beru­fungs­klä­ger bekämpft und wel­che tat­säch­li­chen oder recht­li­chen Grün­de er ihnen im Ein­zel­nen ent­ge­gen­setzt. Beson­de­re for­ma­le Anfor­de­run­gen bestehen nicht; für die Zuläs­sig­keit der Beru­fung ist es ins­be­son­de­re ohne Bedeu­tung, ob die Aus­füh­run­gen in sich schlüs­sig oder recht­lich halt­bar sind. Jedoch muss die Beru­fungs­be­grün­dung auf den kon­kre­ten Streit­fall zuge­schnit­ten sein.

Es reicht nicht aus, die Auf­fas­sung des Erst­ge­richts mit for­mu­lar­mä­ßi­gen Sät­zen oder all­ge­mei­nen Rede­wen­dun­gen zu rügen oder ledig­lich auf das Vor­brin­gen ers­ter Instanz zu ver­wei­sen [1].

Soweit in der Beru­fungs­be­grün­dungs­schrift all­ge­mein gerügt wird, der Tat­be­stand des land­ge­richt­li­chen Urteils gebe einen voll­kom­men fal­schen Sach­ver­halt wie­der, kann dies wegen der Rege­lun­gen in §§ 314, 320 ZPO eine Beru­fung nicht begrün­den.

Nach § 314 Satz 1 ZPO lie­fert der Tat­be­stand des Urteils Beweis für das münd­li­che Par­tei­vor­brin­gen. Etwai­ge Unrich­tig­kei­ten der tat­be­stand­li­chen Fest­stel­lun­gen kön­nen nur im Berich­ti­gungs­ver­fah­ren nach § 320 ZPO beho­ben wer­den [2]. Des­halb ist es eben­falls uner­heb­lich, ob die Klä­ge­rin aus­ge­führt habe, ihr Vor­trag sei unstrei­tig gewe­sen.

Soweit die Klä­ge­rin im vor­lie­gen­den Fall aus­führt, das Land­ge­richt habe nicht berück­sich­tigt, sämt­li­che 36 Nach­trä­ge sei­en dem Grun­de nach beauf­tragt, es han­de­le sich um zusätz­li­che durch Pla­nungs­än­de­run­gen aus­ge­lös­te Mehr­leis­tun­gen, die Nach­trä­ge sei­en von dem Pau­schal­ho­no­rar nicht umfasst gewe­sen, Anspruchs­grund und Anspruchs­hö­he sei­en schlüs­sig und nach­voll­zieh­bar in den Anla­gen dar­ge­legt, die Strei­chun­gen der Beklag­ten sei­en will­kür­lich und die Absi­che­rung durch Bürg­schaf­ten spre­che für die Berech­ti­gung ihrer For­de­rung, lie­gen dar­in kei­ne hin­rei­chen­den Angrif­fe gegen das land­ge­richt­li­che Urteil. Im Tat­be­stand und in den Ent­schei­dungs­grün­den des land­ge­richt­li­chen Urteils fin­det sich der ent­spre­chen­de Vor­trag der Klä­ge­rin wie­der. Das Land­ge­richt hat aber die Kla­ge abge­wie­sen, weil es eine nach Zeit, Ort und Umstän­den genaue Schil­de­rung der ursäch­li­chen und maß­geb­li­chen Umstän­de für die von der Klä­ge­rin gel­tend gemach­ten Nach­trä­ge sowie eine erläu­tern­de Dar­stel­lung, dass die­se zusätz­li­chen Leis­tun­gen nicht von der ver­ein­bar­ten Pau­scha­le erfasst sind, ver­miss­te. Mit die­sen Erwä­gun­gen hat sich die Klä­ge­rin nicht aus­ein­an­der­ge­setzt. Die Klä­ge­rin hat viel­mehr pau­schal auf Anla­gen zur Kla­ge­schrift ver­wie­sen, ohne dar­zu­le­gen, wel­cher Sach­vor­trag sich zur Begrün­dung berech­tig­ter Nach­trags­for­de­run­gen aus den in Bezug genom­me­nen Anla­gen ergibt.

Die Anfor­de­run­gen an die Beru­fungs­be­grün­dung ver­let­zen die Klä­ge­rin weder in ihrem Ver­fah­rens­grund­recht auf wir­kungs­vol­len Rechts­schutz noch in ihrem ver­fas­sungs­recht­lich garan­tier­ten Anspruch auf recht­li­ches Gehör. Das Begrün­dungs­er­for­der­nis des § 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 2 ZPO ist sach­lich gerecht­fer­tigt, da es der Ver­fah­rens­kon­zen­tra­ti­on dient, indem es den Beru­fungs­füh­rer anhält, die ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung nicht nur im Ergeb­nis, son­dern in der kon­kre­ten Begrün­dung zu über­prü­fen und im Ein­zel­nen dar­auf hin­zu­wei­sen, in wel­chen Punk­ten und mit wel­chen Grün­den das ange­foch­te­ne Urteil für unrich­tig gehal­ten wird. Dies stellt eine anwalt­lich ver­tre­te­ne Par­tei, wie hier die Klä­ge­rin, vor kei­ne erheb­li­chen oder gar unzu­mut­ba­ren Anfor­de­run­gen [3].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 2. Dezem­ber 2015 – VII ZB 48/​13

  1. BGH, Beschlüs­se vom 20.10.2015 – VI ZB 18/​15 Rn. 8; vom 22.05.2014 – IX ZB 46/​12 Rn. 7; vom 23.10.2012 – XI ZB 25/​11, NZBau 2013, 34 Rn. 10; jeweils m.w.N.[]
  2. BGH, Urteil vom 14.07.2009 – XI ZR 18/​08, BGHZ 182, 76 Rn. 11[]
  3. BGH, Beschluss vom 23.10.2012 – XI ZB 25/​11, NZBau 2013, 34 Rn. 18; vgl. BVerfG, NJW-RR 2002, 135 f. 4[]